Matthias Müller: Motiviert in die Zukunft: dank Zielbildern

Von Matthias Müller, 21.04.2017

Antoinette Hunziker-Ebneter

Matthias Müller ist Präsident der Nonprofit-Organisation S2 Sustainability Strategies, The Natural Step Schweiz. Er ist Berater, Coach, Dozent und Publizist für die Themen "Human-Centered Design" und "Nachhaltige Entwicklung/Future-Fitness". 2016 hat er mit seinem Team zwei Studien verfasst: "Das Ende der Nachhaltigkeits-Strategie" (im Auftrag von HPO) und "Zielbilder für eine planetenverträgliche, zukunftsfähige Schweiz – eine Einladung zur Diskussion" (im Auftrag des BAFU).

Eigentlich könnte man davon ausgehen, dass eine Nachhaltigkeitsbewertung auch wirklich nachhaltige Firmen auszeichnet. Eine Überraschung erlebt deshalb, wer den Bericht des Dow Jones Sustainability Index 2016 liest: Der "Group Leader" für "Energie", die Firma Thai Oil, erreicht im Unterziel "Klima-Strategie" ganze 99 von 100 möglichen Punkten. Die positive Bewertung basiert auf den Fortschritten, die Thai Oil im Vergleich mit vergangenen Aktivitäten oder im Vergleich mit der Konkurrenz erreicht hat.

Bietet die Firma demnach ein vielversprechendes, zukunftsträchtiges Geschäftsmodell? Auch wenn sich Thai Oil im Umbruch findet, ist heute wohl das Gegenteil der Fall: das Kerngeschäft trägt zum Klimawandel bei und wird immer stärker konkurrenziert durch Alternativen, die für Investoren immer interessanter werden. Aus einer Systemsicht kann das aktuelle Geschäftsmodell von Thai Oil nicht als zukunftsfähig gelten. Der ökologische Schaden ist zu gross. Und die Nachhaltigkeitsbewertung ist offensichtlich nicht über jeden Zweifel erhaben.

Das "Big Picture"

Das ist denn auch die Herausforderung mit dem Messen von Erfolg und dem Benchmarking in der Wirtschaft heute im Thema "Nachhaltigkeit": Es dominiert das Messen inkrementeller Fortschritte oder der Vergleich mit einer Konkurrenz, die mal besser, mal schlechter abschneidet. Oft geht das "Big Picture" verloren, das Ziel einer Wirtschaft, die in Einklang mit der Mitwelt und damit den Systemen operiert, die ihr die nötigen Ressourcen zur Verfügung stellt.

Warum die Ausrichtung auf einen Zielzustand wichtig ist.
© Kendall/S2

Das klingt eventuell noch ein bisschen abstrakt. Deshalb gibt es auch neuere Versuche, das Konzept der Zukunftsfähigkeit in Zielbilder zu giessen. Diese Zielbilder enthalten Beschreibungen von Design-Prinzipien, konkreten Merkmalen und Lösungen, wie sie ein wünschbarer Zustand in der Zukunft zeigen könnte. S2 Sustainability Strategies hat im Auftrag des BAFU aus der bestehenden Literatur und basierend auf normativen Überlegungen mögliche Zielbilder für die Sektoren Wohnen, Mobilität und Ernährung entwickelt und stellt sie als Diskussions-Grundlage zur Verfügung.

Im "System-Check"

Ausgehend von verschiedenen aktuellen wissenschaftlichen Grundlagen wurden diese Merkmale und Prinzipien synthetisiert und fassbar gemacht. Damit das Ganze nicht rein spekulativ wirkt, sind die Erkenntnisse einem "System-Check" unterworfen worden: Halten die Zielbilder dem normativen, wissenschaftlich fundierten FSSD-Konzept nach Planetenverträglichkeit / Zukunftsfähigkeit stand?

Beispiel-Kriterien des "System-Checks", der auf dem Future-Fit Business Benchmark basiert.
© Future-Fit Foundation/S2

Dieser Ansatz führte zu einigen Lösungs- und Diskussionsansätzen, die am Swiss Resource Forum 2016 von den anwesenden Experten validiert und weiterentwickelt wurden. Zum Beispiel Mobilität: Sie wird weiter zunehmen, aber ihre Infrastruktur sollte nicht noch mehr Landfläche in Anspruch nehmen. Das Zielbild besteht demnach aus einer integrierten, von Leitsystemen gemanagten Mobilität, in der die Transportmodule grösstenteils in gemeinschaftlichem Besitz sind, bzw. zur Nutzung gemietet werden.

Zum Beispiel Bauen: Das Bauen in Modulen weist zahlreiche Vorzüge auf: leichtere Trennbarkeit von Materialien, kaum Abfall in Produktion und Betrieb, Planung des Rückbaus/der Umnutzung schon während der Bau-Planungs-Phase möglich. Häuser werden im Zielbild nicht mehr Energie verbrauchen, sondern Energie produzieren.

Tomate aus dem Büro

Zum Beispiel Ernährung: Zentral im Zielbild ist der Anspruch, dass der Boden weder physikalischen Aktivitäten noch dem Ausbringen von synthetischen Substanzen ausgesetzt ist, die dessen Leistungsfähigkeit mindern. Diversifizierte, agro-ökologische Systeme mit ihrer erhöhten Resilienz gegenüber Schädlingen und Krankheiten könnten diesem Anspruch gerecht werden. Da der Boden auch in einer zukunftsfähigen Wirtschaft die Ressource bleibt, die nicht wächst, wird es angesichts des Bevölkerungswachstums bodenunabhängige Anbauformen geben oder Anbau auf Flächen, wo man es nicht erwartete (Büro, Häuserfassaden).

Diese Beispiele mögen etwas  apodiktisch tönen. Der von S2 im Auftrag des BAFU erarbeitete Bericht soll vor allem dazu dienen, die Auseinandersetzung mit den Zielbildern und damit mit einer Zukunft, die wir als attraktiv und voller Chancen wahrnehmen, anzuregen. Neues Wissen taucht fast täglich auf. Bahnbrechende Innovationen werden sehnlichst erwartet und werden auch diese Zielbilder korrigieren, ergänzen oder als überholt erklären. Die oben erwähnten Workshops am Swiss Resource Forum machten zwei Dinge klar: 1. Die Zielbilder bedürfen der laufenden Diskussion und Entwicklung. 2. Diese Diskussion kann dann erfolgreich sein, wenn sich Experten, Vertreterinnen der Wirtschaft, Bürger und Konsumentinnen kokreativ daran beteiligen.

Future Fit Business Benchmark

Wie kann das "Big Picture" auf Unternehmensebene generiert werden? Ein kürzlich publizierter Ansatz, der Future-Fit Business Benchmark, verlangt von Firmen, dass sie ihre Performance auch in Bezug auf 21 normative Ziele messen, die den Zustand der Zukunftsfähigkeit beschreiben – und mit den Sustainable Development Goals stark übereinstimmen. Die Firmen sollen somit ihre sozialen und ökologischen Break-Even-Punkte verstehen und zu erreichen versuchen. "Kosten" und "Nutzen" sind in Einklang zu bringen, damit die Unternehmen als "future-fit" und damit gegenüber ihren Stakeholdern wie Kunden, Investoren und der Gesellschaft als Ganzes als attraktiv gelten. Ganz aktuelle Bestrebungen gehen unterdessen davon aus, dass diese "Future-Fitness" berechnet und in Scorecards abgebildet werden kann.

Und Sie?

Wie halten Sie es mit Zielbildern? Wie sinnvoll wäre es für Sie und Ihre Organisation, sich mit den normativen Prinzipien der Zukunftsfähigkeit auseinanderzusetzen? Könnten sie ein Instrument sein, um Um- und Abwege zu vermeiden und zielstrebiger in die Zukunft zu gehen?

Ihr Feedback ist jederzeit willkommen, wir freuen uns darüber! Sie können dafür das Kommentarfeld unten nutzen oder uns direkt anschreiben: andreas.hauser@bafu.admin.ch oder 
matthias.mueller@sustainabilitystrategies.ch.

S2 Sustainability Strategies

Die Vision von S2 ist eine Gesellschaft und eine Wirtschaft, die im Rahmen der natürlichen Grenzen floriert. Um dieses Ziel zu erreichen, berät sie auf Basis eines wissenschaftlichen Ansatz (FSSD) Organisation, Kommunen und Einzelpersonen. Weitere Schwerpunkte der Tätigkeit sind Training, Forschung und Publikationen.

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Letzte Änderung 20.04.2017

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