Internationale Grüne Wirtschaft – Wie die Schweiz ihren Fussabdruck im Ausland verringern kann

Von Tobias Sommer, 21.09.2016

Antoinette Hunziker-Ebneter

Tobias Sommer ist foraus Senior Policy Fellow für Umwelt. Er hat internationale Beziehungen am IHEID studiert und war bei der DEZA (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit) und dem Wirtschaftsverband swisscleantech tätig. Ab September 2016 arbeitet er als Mercator Fellow zum Thema Klimawandel und Finanzwelt. Dieser Beitrag basiert auf der foraus-Studie “Kohärente Umweltpolitik für eine globalisierte Schweiz - Wie eine politikfeldübergreifende Umweltpolitik unseren Fussabdruck im Ausland senken und zu den Klima- und Entwicklungszielen beitragen kann”, die Tobias Sommer gemeinsam mit den Co-Autoren Martin Fässler, Daniel Langmeier, Ivo Mugglin und Deborah Huber verfasst hat. Nähere Informationen und Download der Studie.

Fast drei Viertel unserer Umweltbelastung fallen heute im Ausland an – Tendenz steigend. Dieser «graue» Ressourcenverbrauch steckt in Gütern, die wir importieren. Die Zahl macht klar: Wirksame Umweltpolitik muss heute ebenso international sein, wie die Lieferketten unserer globalisierten Wirtschaft es sind.

Die Debatte über eine Grüne Wirtschaft fokussiert heute stark auf inländische Ressourceneffizienz. Die Logik: Je ressourcenschonender wir produzieren und konsumieren, desto weniger umweltintensive Güter müssen wir importieren und umso kleiner wird unser globaler Fussabdruck. Die Umweltbelastung pro Importgut – sei es eine Tonne Stahl, ein T-Shirt oder ein Solarpanel – wird dabei implizit als gegeben betrachtet. Das ist naheliegend, basieren entsprechende Studien doch auf Ökobilanzdaten, die zwar periodisch aktualisiert werden, aber keine Prognosen machen, wie umweltbelastend z.B. die Produktion einer Tonne chinesischen Stahls in 20 Jahren sein wird.

Die Schweiz hat wirkungsvolle Hebel in der Hand

Was dabei vergessen geht: Die Umweltintensität importierter Rohstoffe und Fabrikate verändert sich, wenn im Ausland sauberer gefördert oder produziert wird. Dabei ist gerade hier Optimismus angezeigt: Mit der Verabschiedung des Pariser Klima-Abkommens und der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung haben sich im letzten Jahr sämtliche Staaten zum Ziel gesetzt, global auf eine Grüne Wirtschaft hinzuarbeiten. Werden die ambitiösen Ziele auch nur teilweise erreicht, fällt die versteckte Umweltbelastung in unseren Importen bald deutlich geringer aus.
Die Schweiz kann dazu viel beitragen: Als wirtschaftlich und politisch stark vernetztes Land trägt sie nicht nur Verantwortung, sondern hat auch wirkungsvolle Hebel in der Hand, direkt im Ausland ressourcenschonende Produktionsmethoden zu unterstützen. In der foraus-Studie «Kohärente Umweltpolitik für eine globalisierte Schweiz» zeigen wir fünf dieser Hebel auf; drei davon stellen wir hier kurz vor:

Finanzmarktpolitik - nachhaltige Anlagen fristen Nischendasein

Heute verursachen Investitionen, die über den Schweizer Finanzplatz weltweit getätigt werden, geschätzte 1100 Millionen Tonnen Treibhausgasemissionen – mehr als das Zwanzigfache der Schweizer Inlandsemissionen. Gerade mal 2% der Gelder – rund 130 Milliarden Franken – werden nachhaltig investiert. Dieser Anteil muss signifikant steigen, wenn wir die Klimaziele und SDGs (Sustainable Development Goals) erreichen wollen: Ihre Umsetzung benötigt jährlich zwischen 5 und 7 Billionen Dollar, von denen der private Finanzsektor den Grossteil beisteuern muss.

Internationale Akteure wie die G20, das Financial Stability Board oder die Europäische Zentralbank sowie Länder wie Grossbritannien oder China haben diese Notwendigkeit erkannt und widmen dem Thema viel Aufmerksamkeit. Frankreich verlangt von Finanzunternehmen umfassende Berichterstattung über ihre Klima-Auswirkungen; die EU arbeitet an ähnlichen Vorgaben für Pensionskassen. Die offizielle Schweiz handelt derweil zögerlich. Noch fehlt es an einer Verankerung ökologischer Nachhaltigkeit in der Finanzmarktpolitik und an verbindlichen Massnahmen, die nachhaltige Anlagen aus ihrem heutigen Nischendasein heben könnten. Damit riskieren wir nicht nur, irgendwann internationale Regeln nachvollziehen zu müssen, sondern verpassen es auch, einen rasch wachsenden Zukunftsmarkt zu besetzen.

Aus unserer Sicht ist es angezeigt, dass der Bundesrat sich klar zu mehr Verbindlichkeit und Nachhaltigkeit in der Finanzmarktstrategie und -politik bekennt. Um die notwendige Transparenz und Sensibilisierung voranzutreiben, sollte eine einheitliche Umweltberichterstattungspflicht für Finanzunternehmen – und vor allem für Pensionskassen – geprüft werden. Zudem sollten sich die zuständigen Finanzbehörden verstärkt mit möglichen Chancen und Risiken auseinandersetzen, Klima-Stresstests durchführen und regelmässig den Beitrag des hiesigen Finanzmarkts an die internationalen Nachhaltigkeitsziele prüfen.

Rohstoffpolitik - bis heute ein blinder Fleck

Die Schweiz ist heute der wichtigste Rohstoffhandelsplatz der Welt. Der Sektor macht 4% unseres BIPs aus. Damit profitiert unser Land von der Wertschöpfung eines sehr umweltintensiven Sektors: Der Abbau mineralischer Rohstoffe gehört zu den umweltschädlichsten Vorgängen überhaupt. Dass dies mehrheitlich in instabilen Entwicklungsländern mit schwachen Umweltgesetzen und Durchsetzungskapazitäten geschieht, verschärft das Problem. Die Hebelwirkung kann entsprechend enorm sein, wenn die Schweiz ihre Position aktiv nutzt, um bessere Umweltstandards im Rohstoffsektor voranzutreiben.

Dazu gehört in einem ersten Schritt mehr Transparenz. Zwar gab es international in den vergangenen Jahren Erfolge darin, mehr Transparenz bei den Zahlungsströmen des Rohstoffhandels zu etablieren. Dies zielt aber vor allem auf die Vermeidung von Korruption ab - die ökologische Verantwortung bleibt bisher aussen vor. Mit einem koordinierten, nationalen und internationalen Vorgehen kann die Schweiz dies ändern. Konkret schlagen wir vor, dass die Schweiz in der EITI (Extractive Industries Transparency Initiative) eine Initiative zur Entwicklung von Umwelttransparenzstandards anstösst, die auf die Rückverfolgbarkeit und unabhängige Assessments von Produktionsstandorten fokussiert. Auf nationaler Ebene sollten Rohstoffunternehmen verpflichtet werden, über die Umweltauswirkungen entlang ihrer Lieferketten Bericht zu erstatten. Und nicht zuletzt wäre es sinnvoll, wenn der Bundesrat eine Studie über den globalen Fussabdruck des Schweizer Rohstoffsektors erarbeiten würde. Denn dieser ist heute ein blinder Fleck, was eine informierte Debatte erschwert.

Politiktransfer - dreifache Rendite winkt

Die Umsetzung der SDGs und der Klimaziele wird die Nachfrage nach technischem und umweltpolitischem Know-how weltweit erhöhen. Die Schweiz hat in Bereichen wie Abwasserwirtschaft, Recycling oder Luftreinhaltung viel Erfahrung und ist prädestiniert, andere Länder bei Ausgestaltung und Implementierung von Umweltstrategien und -gesetzen zu beraten.

Ein solcher Politiktransfer hat eine dreifache Rendite: Er trägt zu sauberer Produktion im Ausland bei, bietet Exportchancen für Schweizer Cleantech-Unternehmen und führt zur Angleichung internationaler Umweltanforderungen nach Schweizer Vorbild. Wie internationale Erfolgsbeispiele zeigen, braucht es dafür aber die entsprechenden Strukturen und Strategien. Wir schlagen daher vor, eine umweltpolitische Beratungsplattform zu schaffen, die beim BAFU (Bundesamt für Umwelt) angesiedelt und als Private-Public-Partnership strukturiert ist.

Moderne Umweltpolitik überschreitet Landesgrenzen und Politikfelder

Diese drei Hebel zeigen auch auf: Die Transformation hin zu einer Grünen Wirtschaft verlangt nach Ansätzen, die Landesgrenzen und sektorielle Politik überschreiten. Ökologische Ziele müssen in innen- und aussenpolitische Handlungsfelder integriert werden, in denen sie bisher kaum eine Rolle gespielt haben. Dafür sollte sich die Schweiz nicht nur inhaltlich, sondern auch institutionell fit machen. Die für 2017 geplante Gap-Analyse zur Umsetzung der SDGs ist eine ideale Gelegenheit, diese Anforderungen auch in Politik und Öffentlichkeit zu thematisieren.

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Letzte Änderung 22.09.2016

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