Weniger ist mehr – Warum Suffizienz glücklich macht

Von Kirstin Schild, 06.04.2016

Antoinette Hunziker-Ebneter

Kirstin Schild studierte an der Universität Bern Philosophie, Germanistik und Religionswissenschaft. Seit 2013 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am CDE (Centre for Development and Environment) der Universität Bern tätig. Zusammen mit Dr. Marion Leng und Heidi Hofmann arbeitet sie in einem Forschungsprojekt zum Thema „Die Bedeutung eines suffizienten Lebensstils für ein gutes Leben“, das von der Stiftung Mercator finanziert wird. Weiterführende Informationen zum Forschungsprojekt unter: www.cde.unibe.ch

Der Ressourcenverbrauch in den Industrienationen steigt beständig, die damit einhergehenden sozialen und ökologischen Probleme sind längst bekannt. Bisher wurde vor allem durch Effizienz (z.B. energieeffiziente Geräte) und Konsistenz (z.B. Recycling) versucht, die Probleme zu lösen. Von der dritten Nachhaltigkeitsstrategie, der Suffizienz, hat die Politik bisher weitgehend die Finger gelassen. In der Forschung wird aber zunehmend diskutiert, dass ohne eine Veränderung der in den Industrieländern vorherrschenden, ressourcenintensiven Lebensstile den Problemen kaum beigekommen werden kann. Eingriffe in die individuelle Lebensgestaltung sind in liberalen Gesellschaften ein heikles Thema. Idealerweise müsste die Menschheit nicht zu ihrem Glück gezwungen werden, sondern dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments erliegen. Doch wer sollte sich mit weniger zufrieden geben, wenn er mehr haben kann? Weshalb sollten wir suffizient leben wollen?

Suffizienz bedeutet weniger

Der Begriff Suffizienz kommt vom lateinischen sufficere und bedeutet ausreichen, genügen. Zwar zielt ein suffizienter Lebensstil darauf ab, weniger Ressourcen zu verbrauchen und die Umwelt weniger zu schädigen. Konkret meint dies: weniger Konsum von materiellen Dingen, weniger Fliegen und Autofahren, weniger Fleisch essen und weniger energieintensiv wohnen.

Suffizienz bedeutet mehr

Von Personen, die einen suffizienten Lebensstil leben, wird dies in der Regel nicht als Verzicht empfunden, sondern als genug und sogar als einen Beitrag zu mehr Lebenszufriedenheit angesehen.

Weshalb dies so ist, wollte das CDE (Centre for Development and Environment) der Universität Bern anhand einer qualitativen Befragung von suffizient lebenden Menschen herausfinden. Interviewt wurden 16 Personen aus der Deutschschweiz, die in den Bereichen Mobilität und Alltagskonsum einen reduzierten Ressourcenkonsum aufweisen (deutlich tieferer Fussabdruck als der Schweizer Durchschnitt) und ihre Lebenszufriedenheit positiv bewerten. Es ging primär darum, anhand von exemplarischen Beispielen zu verstehen, wie ein suffizienter Lebensstil konkret gelebt wird und welche Werte und Einstellungen ihm zugrunde liegen. Volkswirtschaftliche Fragen wurden nicht untersucht.

Folgendes hat die Befragung ergeben: Wer suffizient lebt, lebt...

  • ... selbstbestimmt
    Aufgrund der bewusst tief gehaltenen Ansprüche in materieller Hinsicht, können suffizient lebende Personen es sich leisten, Teilzeit zu arbeiten oder einer Tätigkeit nachzugehen, die zwar als sinnvoll empfunden wird, finanziell aber wenig abwirft. Deshalb und weil sie verhältnismässig wenig Materielles besitzen, das sie pflegen und instand halten müssen, bleibt ihnen viel Zeit, die selbstbestimmt und nach eigenem Gutdünken gestaltet werden kann. Oft wird die Zeit genutzt, um Dinge zu tun, die einen am Herzen liegen oder als  sinnvoll angesehen werden. So engagieren sich viele suffizient lebende Personen in interessanten Projekten wie z.B. gemeinschaftliches Gärtnern, Reparieren oder einem veganen Kochkurs. Selbstbestimmt leben bedeutet auch ein hohes Ausmass an Unabhängigkeit. Das Gefühl, vor einem Regal im Supermarkt zu stehen und zu realisieren, dass nichts von all dem für die eigene Lebenszufriedenheit gebraucht wird, erzeugt bei Personen mit einem suffizienten Lebensstil Glücksgefühle.

  • ... bewusst
    Wer viel Zeit hat, kann sich überlegen, was wirklich wichtig ist und worauf die eigene Lebensenergie verwendet werden soll. Vielen suffizient lebenden Personen ist es wichtig, bewusst zu leben und sich gedanklich und energetisch auf den Moment konzentrieren zu können. Dies geht mit einer Steigerung der Erlebnisqualität einher: Interaktionen mit anderen Menschen werden intensiver und befriedigender, aber auch Tätigkeiten wie Kochen, Essen oder Reisen gewinnen an Qualität, wenn sie bewusst praktiziert und erlebt werden. Das Bemühen um ein Leben im Moment führt bei vielen auch dazu, dass es ihnen gelingt, sich entspannt zu fühlen und sich nicht von der allgemeinen Hektik anstecken zu lassen.

  • ... in Beziehungen
    Wer weniger Zeit mit Erwerbsarbeit verbringt, hat mehr Zeit für den Aufbau und die Pflege von persönlichen Beziehungen. Dies wird von vielen Personen mit einem suffizienten Lebensstil sehr geschätzt. Daneben schaffen aber auch die Arbeit in Projekten und Initiativen und insbesondere die Tatsache, dass in Suffizienz-Kreisen viel geteilt und getauscht wird, Gelegenheiten für interessante Begegnungen. Und auch das Wohnen in grösseren Gemeinschaften wird als bereichernd und anregend geschildert. Daneben wird es als Steigerung der eigenen Lebensqualität empfunden, wenn zusammen mit anderen für andere etwas getan oder die Welt ein bisschen nachhaltiger gestaltet werden kann.

  • ... wohl
    Zuguterletzt lebt, wer suffizient lebt, auch wohl. So wird es als angenehm und auch der Gesundheit und Fitness zuträglich empfunden, wenn man sich weniger mit dem Auto und mehr mit dem Velo oder zu Fuss an der frischen Luft bewegt. Viele schwärmen vom Geschmack von Gemüse und Früchten aus dem eigenen Garten. Aber auch die Freude an einem bewusst ausgewählten, hochwertigen und langlebigen Gegenstand (z.B. einem schicken Möbelstück, einem tollen Velo oder einem ausgefallenen Paar Schuhe) kommt nicht zu kurz. Nebst der Ästhetik steht dabei insbesondere die Freude im Vordergrund, etwas lange zu haben, zu pflegen und den Gegenständen eine Erinnerungspatina angedeihen zu lassen. Und schliesslich fällt der ganze Stress der Existenzsicherung weg, wenn man mit wenig Geld auskommt.

Im Hinblick auf mehr Zeit, Selbstbestimmung, Achtsamkeit, Beziehungen, Gesundheit und Genuss könnte es sich also durchaus lohnen, den eigenen Lebensstil zu reflektieren und sich zu überlegen, wo weniger mehr sein könnte. Oder die Weisheit vermehrt zu berücksichtigen, die bereits Epikur predigte: wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug.

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Letzte Änderung 06.04.2016

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