Effizienz und Suffizienz – miteinander und nicht gegeneinander

Effiziente Produktion und nachhaltiger Konsum sind notwendig, um Umweltbelastungen auf ein verträgliches Mass zu reduzieren.

Von Niels Jungbluth, 18.11.2015

Urs Furrer

Niels Jungbluth ist Umweltingenieur und wurde an der ETH Zürich zum Thema Ökobilanzen promoviert. Er ist Geschäftsführer der ESU-services GmbH in Zürich, die seit 1998 Beratungen und Software für das Umweltmanagement anbietet. Seine Hauptarbeitsgebiete sind Ernährung, Biomasse, Energiesysteme, Input-Output-Analysen and Ökologische Lebensstile. Niels Jungbluth ist Mitglied des Editorial Board des International Journal of Life Cycle Assessment. Er hat zum Thema Ökobilanzierung zahlreiche Artikel und Berichte verfasst und Vorträge gehalten.

Eine substantielle Reduktion der Umweltbelastungen ist notwendig, damit weltweit die Lebensgrundlagen nicht weiter zerstört werden. Die Umweltbelastungen, die durch Schweizer verursacht werden, fallen heute zu etwa 60% im Ausland an. Es ist deshalb wichtig, den gesamten Lebensweg der konsumierten Güter und Dienstleistungen zu betrachten, damit es gelingt, den gegenwärtigen Fussabdruck auf weniger als die Hälfte zu verringern und somit nicht mehr auf Kosten zukünftiger Generationen zu leben.

Alle privaten und wirtschaftlichen Akteure können hierzu einen Beitrag leisten. Wirtschaftliche Akteure können in erster Linie die Umwelt- und Energieeffizienz ihrer Produktion steigern. Ein Grossteil der Schweizer Unternehmen reduziert schon heute die direkt verursachten Umweltbelastungen. Aber auch die durch den Einkauf von Energieträgern, Transporten oder Vorprodukten verursachten Umweltbelastungen werden zunehmend analysiert und optimiert. Diese Anstrengungen haben dazu geführt, dass die pro Jahr verursachten Umweltbelastungen in der Schweiz zurückgegangen sind. Diese positive Entwicklung wird durch erhöhte Importe ausgeglichen so dass die durch die Schweiz verursachten Umweltbelastungen in den letzten 15 Jahren etwa konstant geblieben sind.

Effizienzmassnahmen alleine reichen nicht aus, um die Gesamtumweltbelastungen auf ein verträgliches Mass zu reduzieren. Da immer mehr konsumiert wird, braucht es auch ein Nachdenken darüber, wie viel und welcher Konsum aus Umweltsicht vertretbar ist. Zum umweltbewussten Konsum gibt es eine Vielzahl von Verhaltenshinweisen.

Eine Priorisierung von Massnahmen ist dabei sowohl für private als auch für wirtschaftliche Akteure von grossem Nutzen. Ist es z.B. wirklich sinnvoll, das Altglas mit dem Auto zur Sammelstelle zu fahren, Plastiktüten zu verbieten oder auf Schokolade zu verzichten? Ökobilanzen helfen auch hier die grössten Potenziale für Reduktionsmassnahmen aufzuzeigen.

Denkverbote und Vorurteile haben dabei nichts zu suchen. Alle Möglichkeiten zur Reduktion von Umweltbelastungen sollten nach vergleichbaren Massstäben gegenüber gestellt werden. Dabei ist es wichtig, wirklich alle Arten von Umweltbelastungen über den gesamten Lebensweg in der Analyse zu berücksichtigen. Nur so kann aufgezeigt werden, bei welchen Massnahmen ein relevantes Potenzial zur Reduktion von Umweltbelastungen besteht.

Die Reduktion des Fleischkonsums ist dabei bei der Ernährung, dem aus Umweltsicht wichtigsten Konsumbereich, ein ausschlaggebender Faktor. Alleine reicht dies aber nicht aus. Auch andere Massnahmen können einen relevanten Beitrag zur Reduktion von Umweltbelastungen leisten: Zum Beispiel die Reduktion von Produkten, die – insbesondere im Übermass – ungesund sind (Alkohol und Süssigkeiten), die Vermeidung von Nahrungsmittelabfällen und Überkonsum, oder ein höherer Anteil an Bioprodukten. Unsere Studie zeigt aber auch auf, dass z.B. ein Verzicht auf Plastiktüten oder Mineralwasser nur einen vergleichsweise geringen Beitrag leisten kann.

Wirtschaftsakteure können sich diesen Anforderungen proaktiv stellen, oder sie mit Lobbying bekämpfen. Grosse Schweizer Unternehmen wie z.B. die SV Group haben das Potenzial erkannt, welches für sie bei einem frühzeitigen Umdenken und bei Anpassungen an die aus Umweltsicht notwendigen Massnahmen besteht. Das reflexartige Anzweifeln solcher Studien, in denen fundierte und kritische Aussagen über Produkte einzelner Wirtschaftsbereiche gemacht werden, ist dabei nicht zielführend. Viel überzeugender wäre es, ehrlich zu analysieren, wo konkrete Massnahmen im eigenen Einflussbereich möglich sind und diese auch zu ergreifen.

Gemeinsam können wir es schaffen. Es geht heute in der Umweltpolitik nicht mehr darum, dass eine Massnahme oder ein Patenrezept die Welt rettet. Vielmehr sind alle Akteure – Wirtschaftsakteure genauso wie Konsumenten – gefragt, Massnahmen für eine Reduktion der Gesamtbelastungen zu ergreifen. Dabei wird es aus wirtschaftlicher Sicht Gewinner aber auch Verlierer geben. Aber auch die Unternehmen, die sich im Moment eher auf der Verliererseite sehen, haben es in der Hand, über den eigenen Tellerrand hinauszudenken. Effizienz und Suffizienz sind dabei zwei Strategien, die nur zusammen Erfolg versprechen um die Gesamtumweltbelastungen auf ein verträgliches Mass zu reduzieren.

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Hinweis der Redaktion: Einzelne Beiträge stellen die persönliche Sichtweise einer Autorin oder eines Autors dar. Das politische Meinungsspektrum wird über die Zeit und die Vielzahl der Beiträge abgebildet. Redaktionelle Grundsätze

Kommentare

16.12.2015
Ruedi Müller, Untersiggenthal

Es mag zutreffen, was Herr Jungblut über den Mineralwasserkonsum aussagt, trotzdem finde ich den jährlichen Konsum von fast 1Mio Tonnen Flaschenwasser bedenklich, wo wir auf der andern Seite über ausgezeichnetes Trinkwasser verfügen. Der Transportaufwand vergrössert sich, infolge mehr Importwasser, der Material- und vor allem Energieaufwand für die PET Flaschen ist auch nicht vernachlässigbar, trotz PET Recycling.

19.01.2017
Robert Hofer, Langnau

Sabotage durch Marktmacht Ressourcen werden im technischen Bereich bewusst und gesteuert verschwendet, indem Anbieter proaktiv funktionierende Technologie unbenutzbar macht. Beispiel Whatsapp: die Firma hat per 1.1.2017 alle Blackberry und Windows 7.x Geräte ausgesperrt, d.h. auf diesen Geräten funktioniert der Whatsappdienst nicht mehr. Am 31.12.2016 aber funktionierten sie noch. Die sind also nicht "defekt" gegangen, sondern sie wurde vom Konzern eigentlich "sabotiert". Das mag lächerlich klingen, aber dieser Aspekt der Macht von Anbietern sollte auch politisch mal untersucht werden. Vielleicht müssen Anbieter, die über monopolartige Macht verfügen, gezwungen werden, ihre Produkte weiter zu pflegen. Dies muss ja nicht kostenlos erfolgen.

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Letzte Änderung 15.02.2017

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