Nachhaltige Ernährung: Schon kleine Impulse lösen Verhaltensänderungen aus

Von Gabi Hildesheimer, 23.12.2015

Michael Gerber

Gabi Hildesheimer ist Associate Partner bei FehrAdvice & Partners AG. Ihre Schwerpunkte sind Verhalten und Nachhaltigkeit inklusive Policy Advice und Öffentlichkeitsarbeit. Von 1997 bis 2014 war sie Geschäftsleiterin von Öbu (Swiss Sustainable Business Network). Sie studierte Biologie an der Universität Zürich.
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Ein verhaltensökonomisches Experiment zeigt, wie sich die Schweiz heute ernährt und findet heraus: Bereits kleine Interventionen führen zu starken Verhaltensänderungen. Es braucht ein gemeinsames Ziel und Unterstützung beim Umsetzen. Denn ohne Tipps wissen die meisten Menschen noch nicht, was sie tun sollen.

Knapp 30 Prozent der Gesamtumweltbelastung der Schweiz wird durch Ernährung verursacht. Das Potenzial für einen Beitrag zu einer gesünderen Umwelt ist bedeutend. Das entsprechende Verhalten der Schweizerinnen und Schweizer ist jedoch tief in Tradition, Kultur und Gewohnheiten verankert.

Doch wie lässt sich ein über lange Zeit gefestigtes Ernährungsverhalten ändern? Dies herauszufinden ist Ziel der im November 2015 veröffentlichten Studie „Ernährung & Nachhaltigkeit in der Schweiz“, die das verhaltensökonomische Beratungsunternehmen FehrAdvice & Partners AG mit Unterstützung des Bundesamts für Umwelt BAFU durchgeführt hat.

Sie liefert mit ihrem verhaltensökonomischen Ansatz neue Erkenntnisse zu zwei Fragen:

  • In welchen Situationen sind die Menschen am ehesten bereit, ihr Verhalten in Richtung Nachhaltigkeit anzupassen?
  • Mit welchen Mitteln kann das Verhalten der Menschen systematisch in Richtung ökologisch nachhaltiger Ernährung verändert, und wie kann dieser Wandel effektiv und effizient unterstützt werden?

Verhalten messen
Im Zentrum der Umfrage stand eine virtuelle Einkaufssituation. Die Leute wurden vor dem Einkauf unterschiedlichen „Behandlungen“ ausgesetzt, um die Wirkung von Botschaften oder Tipps und von verschiedenen Arten der Vermittlung zu messen. Zudem wurde erhoben, welche Einflüsse Hunger oder Stress auf den ökologischen Rucksack des Einkaufs hat.

Weitere Teile der Umfrage fokussierten auf das Bewusstsein über die Auswirkungen des Verhaltens und die Bereitschaft, einen Beitrag zur Verbesserung zu leisten – beides generell sowie spezifisch in ganz unterschiedlichen Kontexten, dann auch über Umweltwissen oder das Wertesystem der Befragten. Kontexte waren beispielsweise: Einkaufen mit Bedacht oder unter Stress, Vermeidung von Food Waste im Haushalt und im Restaurant, Verwertung aller Stücke beim Fleischkonsum („from nose to tail“).

Klare Lücken beim Wissen
Die Ergebnisse zeigen, dass die Menschen in der Schweiz sich sehr wohl bewusst sind, dass ihr Ernährungsverhalten Auswirkungen auf die Umwelt hat. Die Bereitschaft, sich ökologisch nachhaltig zu ernähren, ist aber noch nicht gleichermassen stark ausgeprägt.

Die Studie ermittelt auch klare Lücken betreffend des Umsetzungswissens in der Schweizer Bevölkerung – ein Grossteil ist beispielsweise nicht in der Lage, die Saisonalität von Früchten und Gemüsen korrekt zu bestimmen oder die Umweltbelastung durch Produkte einzuschätzen.

Eine Verhaltensänderung auf Dauer kann nur erzielt werden, wenn diese Lücken geschlossen werden. Ansonsten bleiben auch noch so gutgemeinte Kampagnen erfolglos, weil die Menschen nicht wissen, wie sie sich in der konkreten Entscheidungssituation verhalten sollen.

Bildung und Werte als Basis für Verhaltensänderungen
Die Bildung – betreffend der Vermittlung von Umweltfakten, aber auch eines Werte-Sets basierend auf ökologischen Prinzipien – ist zentral für die Erreichung substanzieller und anhaltender Fortschritte. Da Werte mitunter auch stark während den ersten Lebensjahren geprägt werden, kommt der Erziehung bereits bei kleinen Kindern eine eminente Bedeutung zu. Hier anzusetzen lohnt sich längerfristig besonders, weil Werte vor den negativen Auswirkungen von Stress schützen.

Kurzfristige Wirkung durch Nudging
Die Studie zeigt aber auch Möglichkeiten auf, um kurzfristig Wirkung zu erzielen: Bereits kleine Interventionen führen zu starken Verhaltensänderungen. Man kann die Menschen mit einem gemeinsamen Ziel motivieren („Die Schweiz reduziert die Umweltbelastung durch Ernährung um die Hälfte!“) und ihnen einfache Umsetzungstipps als unterstützendes Element zur Verfügung stellen.

Menschen mit einem tiefen Umsetzungswissen der Ernährung können ihr Verhalten ändern, indem man ihre Unwissenheit kompensiert und sie zu den richtigen Entscheidungen stupst („Nudge“). Mit Nudges hilft man auch jenen Menschen, die eigentlich über das Wissen verfügen, und sich normalerweise nachhaltig ernähren. In Stresssituationen kippt auch deren Verhalten. Man schlägt mit Stupsern sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe.

Geteilte Verantwortung
Werden Massnahmen konzipiert, gilt es insbesondere eines immer im Hinterkopf zu behalten: Die Menschen in der Schweiz möchten ihren Teil der Verantwortung tragen. Generell drückt die Schweizer Bevölkerung nämlich ein klares Bekenntnis aus,
Verantwortung betreffend ihres Ernährungsverhaltens zu übernehmen – solange es sich um eine geteilte Verantwortung zwischen ihr und den anderen involvierten Stakeholdern handelt.

Dies lässt sich auch als Aufruf zum Handeln an die ganze Nahrungsmittelindustrie verstehen, proaktiv Strategien zu entwickeln. Die Konsumenten sind bereit zur Kooperation und werden Massnahmen mittragen. Nicht zuletzt im Verbund mit bestehenden Massnahmen existieren oft kosteneffiziente Wege, um Potenziale gezielt zu nutzen und auf bereits erzielten Erfolgen aufzubauen, damit letztendlich das gesellschaftlich anstrebenswerte Ziel erreicht werden kann: Eine ökologisch nachhaltigere Ernährung der gesamten Schweizer Bevölkerung.

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Letzte Änderung 21.01.2016

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