Staatliches Handeln muss auf Notwendiges beschränkt und priorisiert werden

Von Urs Furrer, 15.10.2015

Urs Furrer

Urs Furrer ist Rechtsanwalt und leitet seit 2014 die Verbände Biscosuisse und Chocosuisse. Zuvor arbeitete er während achteinhalb Jahren in verschiedenen Funktionen bei Economiesuisse, unter anderem als Mitglied der Geschäftsleitung.

Nachhaltigkeit ist ein Wettbewerbsfaktor. Die steigende Nachfrage nach nachhaltig hergestellten Lebensmitteln ist ein Trend, der auch im Schokolademarkt zu beobachten ist. Die Entwicklung geht einher mit dem zunehmenden Interesse an der Herkunft des Kakaos. Die Vielfalt der Ansätze, wie die Unternehmen ihre Kunden über die Herkunft und den Anbau der Rohstoffe informieren, ist Ausdruck dessen, dass Nachhaltigkeit heute ein Wettbewerbsfaktor ist.

Die Verarbeiter sind am nachhaltigen Anbau von Agrarrohstoffen interessiert. Aufgrund der Nachfrageentwicklung haben die Kakao-Verarbeiter ein Interesse an der Sicherstellung eines qualitativ und quantitativ genügenden Angebots. Der Anbau muss sich aber auch für die Bauern lohnen, andernfalls erfolgt ein Wechsel in ertragreichere Kulturen oder zu nichtlandwirtschaftlichen Einkommensquellen. Nachhaltige Ausrichtung des Kakaoanbaus heisst also, die Basis für ausreichendes Einkommen der Bauern zu legen, die ländlichen Gemeinschaften zu stärken und die Böden als Basis der Bewirtschaftung intakt zu halten.

Die Bedeutung der vertikalen Integration für den nachhaltigen Kakaoanbau nimmt zu. Das Abstellen auf Standards und die Zusammenarbeit mit Zertifizierungsorganisationen ist eine der Möglichkeiten bei der nachhaltigen Rohstoffbeschaffung. Die Zertifizierung erreicht aber nur einen kleinen Teil der Bauern und steht zuweilen auch aus anderen Gründen in der Kritik. Umso bedeutender sind Nachhaltigkeitsaktivitäten der Unternehmen „beyond standard“, z.B. im Rahmen der vertikalen Integration der Lieferkette. Staatliche Vorgaben zur Marktabdeckung bestimmter Standards wären deshalb verfehlt. Im Übrigen müssen Standardisierungsfragen mit internationalem Bezug weiterhin Sache von internationalen Standardisierungsorganisationen wie ISO/CEN bleiben.

Staatliches Handeln ist auf Notwendiges zu beschränken und zu priorisieren. Mit Blick auf die ökologische Nachhaltigkeit des Kakaoanbaus ist keine Notwendigkeit für ein staatliches Handeln in der Schweiz erkennbar. Die Herausforderungen beim Kakaoanbau in Westafrika, der wichtigsten Herkunftsregion des hierzulande importierten Kakaos, sind hauptsächlich sozialer und ökonomischer Natur. Projekte des DEZA, des SECO, der Internationalen Kakaoorganisation ICCO und wichtiger privater Initiativen wie der World Cocoa Foundation adressieren diese Herausforderungen. Der Branchenverband CHOCOSUISSE hat schon vor fünf Jahren einen Branchenkodex zur nachhaltigen Kakaobeschaffung herausgegeben. Auch die Schweizerische Stiftung der Kakao- und Schokoladewirtschaft unterstützt Aktivitäten im präkompetitiven Bereich und beteiligt sich aktuell beispielsweise an der Finanzierung einer Studie der ICCO, die einen grundlegenden Beitrag zur langfristigen Verbesserung der Situation der Kakaobauern unter Einbezug der natürlichen, klimatischen und geografischen Rahmenbedingungen leistet. Die vielschichtigen Problemfelder der Nachhaltigkeit im Kakaoanbau können nicht unter dem Aktionsplan „Grüne Wirtschaft“ des Bundesrats abgehandelt werden. Dass der Kakao in den Fokus dieses Aktionsplans geraten ist, erstaunt sodann und lässt auf eine mangelnde ökologische Priorisierung schliessen.

Verzichtsempfehlungen sind kontraproduktiv. Der in die Schweiz importierte Kakao wird hauptsächlich in traditioneller Weise von westafrikanischen Kleinbauern in Mischkulturen angebaut. Die vom Bundesamt für Umwelt auf dem „Dialogportal Grüne Wirtschaft“ aufgeschaltete und erst nach einer entsprechenden Intervention gelöschte Empfehlung zum Verzicht auf Schokolade mit dem Hinweis auf eine damit angeblich erzielbare Verkleinerung des ökologischen Fussabdrucks wirft deshalb Fragen zu den verwendeten Annahmen auf. In jedem Fall wäre ein solcher Ansatz zu simpel und stünde auch im Widerspruch zu den Anstrengungen anderer Bundesämter, von Unternehmen, der Branchenverbände und von internationalen Organisationen zur Verbesserung der Situation der Kleinbauern, deren Existenzen vom Kakaoanbau abhängen.

Hinweis der Redaktion: Einzelne Beiträge stellen die persönliche Sichtweise einer Autorin oder eines Autors dar. Das politische Meinungsspektrum wird über die Zeit und die Vielzahl der Beiträge abgebildet. Redaktionelle Grundsätze

Anmerkung der Redaktion

Dieser Meinungsbeitrag von Urs Furrer (Chocosuisse) bezieht sich auf den Text „Bewusster ernähren“. Der im Meinungsbeitrag angesprochene Abschnitt wurde nach einem Hinweis von Urs Furrer von der Redaktion des Dialogportals Grüne Wirtschaft überprüft. Weil er missverstanden werden konnte, haben wir den Absatz korrigiert und die Quelle zusätzlich direkt im Text verlinkt (weiter unten können Sie die Änderung nachvollziehen). Ausserdem hat die Redaktion Urs Furrer eingeladen, seine Meinung zum Thema zu äussern. Es war nie das Ziel des Dialogportals, zum Verzicht von Schokolade aufzurufen, sondern darauf hinzuweisen, dass auch der Konsum von Genussmitteln ökologische Auswirkungen hat. Der Absatz lautete ursprünglich:

"Ein bewusster Umgang mit Genussmitteln senkt auch den Ressourcenverbrauch. Die Diskussionen über den Genuss von Alkohol, Kaffee und Schokolade werden heute von Gesundheitsargumenten geprägt. Aber wer auf diese Verlockungen verzichtet, kann gleichzeitig auch die Umweltbelastung durch seine Ernährung um 19 Prozent senken. Und auch hier gilt: Die gute Tat kann klein beginnen. Man muss nicht jeden Tag Wein trinken. Der Teller mit der Schokolade muss nicht auf dem Bürotisch stehen. Und der Kaffee kann auch durch andere Getränke ersetzt werden."

Der Absatz wurde wie folgt geändert und ergänzt:

"Ein bewusster Umgang mit Genussmitteln senkt auch den Ressourcenverbrauch. Die Diskussionen über den Genuss von Alkohol, Kaffee und Schokolade werden heute von Gesundheitsargumenten geprägt. Sie haben aber auch einen massgeblichen Einfluss auf die Umwelt: Gemäss einer Studie von ESU-Services aus dem Jahr 2012 tragen Genussmittel wie Kaffee, Schokolade und Alkohol im Ernährungsbereich mit 19% zur Umweltbelastung bei. Wer seine Umweltbelastung in diesem Bereich senken will, achtet auf Kaffee und Schokolade, die unter fairen Bedingungen produziert wurden und geniesst Wein mit Mass."

Kommentare

29.10.2015
Niels Jungbluth, ESU-services Ltd., Zürich

Transparenz ist für die Firma ESU-services ein grosses Anliegen. Der Schokoladenkonsum in der Schweiz von 12.3 kg pro Jahr und Person wurde in der zitierten Studie in Relation zu den Umweltbelastungen des Gesamtkonsums gesetzt. Für die Bilanzierung der Schokolade wurden von uns als Grundlage Daten aus peer-review Journals berücksichtigt. Ökobilanzen untersuchen dabei den ökologischen Aspekt der Nachhaltigkeit. Ökonomische und soziale Aspekte werden in der Ökobilanzmethodik nicht berücksichtigt. Sie sind aber auch wichtig für die Interpretation der Ergebnisse. Leider wird aus den beiden Beiträgen nicht deutlich, welche konkreten Fragen Sie zur Studie von ESU-services haben und was für Sie nicht nachvollziehbar ist. Gerne stehen wir für weitere konkrete Fragen und konstruktive Verbesserungsvorschläge zur Verfügung. Falls Sie sich für genauere Informationen interessieren, finden Sie eine ausführlichere Präsentation zur Ökobilanz von Schokolade auf unserer Webseite unter http://www.esu-services.ch/publications/food/ --> Niels Jungbluth, Alex König (2014) Life Cycle Assessment of Swiss Chocolate. SETAC Europe 24th Annual Meeting, Bale, 15th May 2014 sowie das Paper "Environmental impacts of chocolate in a life cycle perspective". Ebenso finden Sie eine ausführliche Studie zum Thema unter http://www.esu-services.ch/publications/foodcase/ : Büsser S. and Jungbluth N. (2009) LCA of Chocolate Packed in Aluminium Foil Based Packaging. ESU-services Ltd. Uster, Switzerland. Commissioned by German Aluminium Association (GDA) in cooperation with European Aluminium Foil Association (EAFA), Düsseldorf, Germany. Wir hoffen, dass Ihnen diese Informationen im Sinne der Transparenz helfen die Ergebnisse unserer Potenzialstudie zu verstehen.

27.10.2015
Urs J. Näf, Spiegel bei Bern

Erfolgreiche Schweizer Markenprodukte halten sich die Billigkonkurrenz auf Distanz, indem sie auf Exzellenz und nachhaltige Wertschöpfung setzen. Dies zeigt sich auch bei der Schweizer Schokolade. Was sowohl nachhaltig als auch ökonomisch sinnvoll ist und am Markt nachgefragt wird, muss weder gesetzlich vorgeschrieben noch anderweitig staatlich gefördert werden. Dank dem Dialogportal „Grüne Wirtschaft“ kann darüber aber eine Diskussion geführt werden. Das Portal ermöglich es zudem, ein Fragezeichen hinter die vom BAFU erwähnte Studie der ESU-services aus dem Jahr 2012 zu setzen. Diese ist nicht in allen Punkten nachvollziehbar. Insbesondere ist aus der Studie nicht ersichtlich, wie die genannten Werte errechnet wurden. Auf einer solch intransparenten Datenbasis politische Massnahmen abzuleiten, muss auch dem Bundesrat zu denken geben.

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Letzte Änderung 27.01.2016

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