Wahlen 2015: Parlament bereit für ernsthaften Dialog mit Wissenschaft?

Von Thierry Courvoisier, 17.9.2015

Thierry Courvoisier: Präsident der Schweizerischen Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT) sowie des Verbunds der Akademien der Wissenschaften Schweiz, Professor für Astrophysik an der Universität Genf.

(Foto: Metas)

Die Gesetze der Natur lassen sich – im Unterschied zu den vom Menschen gemachten Gesetzen – nicht den Entwicklungen der Gesellschaft anpassen. Forschende stehen deshalb oft vor der schwierigen Aufgabe, Politikerinnen und Politiker über die Folgen der Naturgesetze zu informieren. Beispiele sind der Verlust der Biodiversität, das nahe Ende der Verfügbarkeit einiger Ressourcen oder der Klimawandel. Diese Probleme brauchen Lösungen, die nicht immer einvernehmlich getroffen werden können und die oft kurzfristigen Interessen entgegenstehen.

Diese Themen besetzen einen besonderen Platz in der politischen Debatte. Sie werden  nicht von der Bühne verschwinden, so lange kurzfristige Interessen echte Lösungen verhindern. Nehmen wir als Beispiel die Biodiversität, den Garanten für die Vielfalt des Lebens und damit die entscheidende Grundlage dafür, dass dieser Planet für uns Menschen bewohnbar bleibt. Im soeben von 35 wissenschaftlichen Institutionen der Schweiz veröffentlichten Bericht «Zustand der Biodiversität in der Schweiz 2014», dessen Erarbeitung das Forum Biodiversität der Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT) koordiniert hat, ziehen die Forschenden jedoch einen ernüchternden Schluss: «Die Biodiversität in der Schweiz ist in den letzten Jahrzehnten weiter stark zurückgegangen und dieser Trend ist ungebrochen.» Dieses Beispiel steht für viele weitere Politikfelder der nachhaltigen Entwicklung: Trotz aktiver Politik und punktueller Fortschritte, hält der Abwärtstrend  an. Das gilt auch für die Klimapolitik. Die geplante Reduktion der Treibhausgas-Emissionen der Schweiz um 20 Prozent bis 2020 ist kein adäquater Beitrag zum 2-Grad-Ziel, wie der Bericht «Klimaziele und Emissionsreduktion» darlegt. Die Gesellschaft muss aus diesen Fehlschlägen Lehren ziehen. Um voranzukommen, bedarf es einer engen Zusammenarbeit von Wissenschaft und Gesellschaft.

Die Schweiz hat glücklicherweise eine partizipative Demokratie. Interessen werden darin äusserst sorgfältig austariert. In diesem System mit seinem Streben nach dem Erhalt eines empfindlichen Gleichgewichts ist die Rolle von Forschenden aber per Definition schwierig: Obwohl sie über zukunftsrelevantes Wissen verfügen, sind sie doch nur ein Spielball der Politik. Das Wissen, das sie einbringen, wird oft nicht gehört oder im Sinne der mit grossem Nachdruck eingebrachten, kurzfristigen Interessen relativiert. Um die Vermittlung des Wissens zu erleichtern, engagieren sich die Akademien der Wissenschaften deshalb stark im Dialog mit der Politik. Da die Forschenden in diesem Dialog keine eigenen Interessen vertreten, sind sie allerdings nicht im eigentlichen Sinn am Austaurieren der Interessen beteiligt. Und sie können und sollen nicht Teil der eigentlichen Politik-Arena sein: Unabhängigkeit ist eine wichtige Voraussetzung für wissenschaftliche Politkberatung.   

Da die Forschenden selbst keine politischen Akteure im engeren Sinne sind, brauchen sie Politikerinnen und Politiker aller Parteien, welche die Grundzüge der Naturgesetze verstehen und mit denen sie die wissenschaftlichen Fragen in die gesellschaftliche Debatte einfliessen lassen können. Die Wissenschaft ist dabei alles andere als ein einfacher Gesprächspartner. Denn Wissenschaft liefert höchst selten einfache Lösungen. Physikalische und Ökologische Messungen und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen sind immer begleitet von Unsicherheiten und einer regen wissenschaftlichen Debatte. Die Forschenden bemühen sich, diese Schwierigkeiten zu meistern. Sie kommunizieren die Ergebnisse über Berichte, Factsheets, Stellungnahmen in Gesetzgebungsverfahren und in Treffen mit Politikerinnen und Politikern. Dabei werden der Stand des Wissens und Handlungsoptionen und deren mögliche Konsequenzen kommuniziert, offene Fragen angesprochen und die Anliegen und Fragen aus der Politik aufgenommen. Oft schlägt die Wissenschaft keine klaren Optionen vor, sondern spricht von alternativen Szenarien und von Wahrscheinlichkeiten. Ein «offenes Ohr für die Wissenschaft» zu haben bedeutet für Politikerinnen und Politiker also, sich auf einen intensiven und offenen Dialog mit der Wissenschaft einzulassen. Nur so ist eine faktenbasierte Politik möglich.

Bei den Wahlen 2015 haben wir nun die Chance, mehr Politikerinnen und Politiker zu wählen, die den Mut, die Unabhängigkeit und die Ausdauer haben, um die Aussagen der Wissenschaft ernsthaft in die politischen Entscheidungen miteinzubeziehen. Wie aber finden Wählerinnen und Wähler die Kandidierenden mit einem offenen Ohr für die Wissenschaft? Die Akademien der Wissenschaften und der Schweizerische Nationalfonds haben dazu das Projekt ScienceDebate lanciert. In Zusammenarbeit mit der Online-Wahlhilfe smartvote bieten wir Informationen, damit Wählerinnen und Wähler einschätzen können, wie eine Partei bzw. ihre Kandidatinnen und Kandidaten mit Aussagen der Wissenschaft umgehen. Diese Informationen liefern keine eindeutigen Antworten und sind damit weit davon entfernt, Wahlempfehlungen zu sein. Aber sie vermitteln den Wählerinnen und Wählern ein Bild, eine Grundlage für ihre wichtige Wahl. Damit die unbequemen Wahrheiten zu den notwendigen, oft unbequemen Lösungen führen – und nicht zu einer unbequemen Welt.

Mehr Informationen auf www.sciencedebate.ch.

Hinweis der Redaktion: Einzelne Beiträge stellen die persönliche Sichtweise einer Autorin oder eines Autors dar. Das politische Meinungsspektrum wird über die Zeit und die Vielzahl der Beiträge abgebildet. Redaktionelle Grundsätze

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Letzte Änderung 22.09.2015

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