Digitale Ideen machen die Wirtschaft nachhaltiger

© Gamaya

Die Digitalisierung krempelt die Wirtschaft um. Und davon können gerade natürliche Ressourcen profitieren. Exaktes Messen und Regeln des Verbrauchs stehen dabei im Zentrum. Bei dieser digitalen Transformation zu mehr Effizienz sind Schweizer vorne dabei.

Von Yvonne von Hunnius, 18.01.2017

Die positive Aufbruchstimmung in der digitalen Gründerszene ist spürbar und ansteckend. Das sind nicht nur gute Nachrichten für die Start-ups, sondern auch für die Schonung natürlicher Ressourcen. Ständerat und ICT-Unternehmer Ruedi Noser ist sich sicher: „Die digitale Transformation ist die neue grüne Wirtschaft.“ Digital optimierte Prozesse, so Noser, änderten das komplette Ressourcen-Management. Doch wie genau soll das von statten gehen und wo mischen Schweizer Akteure mit?

Zuerst kommt das Messen

Mithilfe der Digitalisierung ist nun möglich, wovon schon lange geträumt wurde. Denn je mehr Informationen über Zusammensetzung, Umfang, Schwankungen oder auch Ausschuss von Stoff- und Energieströmen gemessen und ausgewertet werden kann, umso effizienter kann eine Produktion gesteuert werden. Digitale Lösungen ermöglichen dies immer schneller und detaillierter. So können Konzepte entwickelt werden, um zu optimieren. Das senkt Betriebskosten, spart Ressourcen und reduziert Emissionen. Dies ist im Sinne jedes Unternehmens und der Öffentlichkeit. Der Wissenschaftler und Berater Maurice Jutz bricht die Leistungen der Digitalisierung in zwei Bereiche herunter: „Erstens können immer mehr Informationen und Daten mittels Sensoren erfasst und übermittelt werden. Zweitens werden diese Daten auch verarbeitet, um Optimierunspotenziale zu nutzen und damit Prozesse effizienter zu steuern.“ Auf diese beiden Aspekte setzen viele Start-ups, die Lösungen zur Senkung des natürlichen Ressourcenverbrauchs anbieten.

Die Mainzer Verkehrsgesellschaft MVG nutzt bereits Electricfeel für ihr Bike-Sharing-System
© Electricfeel

Dem Bedarf auf der Spur

Dabei ist diese Entwicklung kein Selbstläufer – auf die innovative, ausgereifte Idee und Umsetzung kommt es an. „Digitalisierung ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung, um den Verbrauch an natürlichen Ressourcen zu senken“, sagt der Gründer Moritz Meenen. Seine Idee mit dem Start-up ElectricFeel scheint clever und praktikabel genug zu sein, um zum Exportschlager zu werden. Das ETH-Spinoff will den Bike-Sharing und Car-sharing-Markt revolutionieren. Meenen sagt: „Im deutschen Mainz und im spanischen Barcelona wurde unser System erfolgreich eingeführt, in zehn weiteren Städten starten wir bald.“ Electricfeel misst, wann und wieviele Leihräder wo benutzt werden. Ein selbstlernender Algorithmus berechnet dann, wie die Räder im Stadtgebiet optimal zu verteilen sind. Die Umverteilung der Räder schluckt laut Meenen jährlich 50 Prozent der Betriebskosten. „Wir können diese Fahrten in ihrer Effizienz verdoppeln. Zudem wird die Nutzung um mehr als 10 Prozent angekurbelt, denn die Räder sind dort verfügbar, wo sie gebraucht werden.“ Der Erfolg von ElectricFeel bestätigt Ständerat Ruedi Nosers Einschätzung. Er sieht die Schweiz bei effizienten Mobilitätslösungen international ganz vorne.

Digitalisierung macht Risiken transparent

Doch auch im Sektor der Finanzdienstleistungen ergeben sich Potenziale, die clevere Gründer in der Schweiz ausschöpfen. Das Fintech-Startup Carbon Delta mit Sitz in Zürich misst und analysiert die ökonomischen Risiken von Klimaveränderungen für die 2500 weltweit grössten Unternehmen. Wie der Gründer Oliver Marchand im weiterführenden Gespräch erklärt, sollen diese Analysen Portfolioverwaltern helfen, den Klimawandel in ihre Arbeit miteinzubeziehen. Marchand: „Wir haben sehr viele Anfragen – auch von den grössten Finanzdienstleistern der Welt, die im Asset Management arbeiten.“ Das wird auch dadurch beflügelt, dass Carbon Delta mitunter zu den Schweizer Top Ten der Fintech-Unternehmen 2016 und erst im November zum „Best Climate Venture“ der europäischen Innovationsinitiative Climate-KIC gekürt wurde.

In Barcelona wird Electricfeel bald dem E-Scooter-Sharingsystem Cooltra zu mehr Effizienz verhelfen.
© Electricfeel

Produktivität und Effizienz zusammenbringen

Digitale Start-ups haben meist den globalen Markt im Blick. Und wer globale Daten messen und verarbeiten kann, ist manchmal auch nicht weit davon entfernt, zu einem internationalen Zentrum des Fachbereichs zu werden. Für die Landwirtschaft planen das die Gründer von Gamaya, eines Spin-offs der ETH Lausanne. Sie haben spezielle Drohnen mit Hyperspektralkameras entwickelt, um grosse landwirtschaftliche Flächen zu analysieren. Dadurch zeigt sich, wo und wie der Einsatz von Chemikalien zur Bekämpfung von Schädlingen übertrieben wird. In den meisten Fällen kann der Einsatz massiv gesenkt werden.

Yosef Akhtman sagt: „Die industrielle Landwirtschaft ist produktiv, aber nicht nachhaltig und effizient. Alternative Anbaumethoden sind effizienter, aber dafür nicht ausreichend produktiv. Wir wollen die Synergien zwischen beiden Methoden erleichtern, damit sich die steigende Weltbevölkerung der kommenden Generationen auf ökologisch nachhaltigere Weise ernähren kann.“ Gamayas Drohnen sammeln bereits in Brasilien Daten, denn hier befinden sich die grössten Flächen insbesondere für Soja. Weitere Kontinente komplettieren bald die Datensätze, die in Lausanne auch die Forschung voranbringt.

Das System im Blick

Egal, um welche Praxisbeispiele es sich handelt – Digitalisierung öffnet die Augen für einen neuen Rundum-Blick. Experte Maurice Jutz sagt: „Die bessere Informationserfassung und –verarbeitung der Stoff- und Energieflüsse macht möglich, verschiedene Elemente eines Gesamtverfahrens besser aufeinander abzustimmen.“ Wie Jutz im gesonderten Interview ausführt, ist das ist geradezu eine Einladung für neue Geschäftsmodelle. Dabei kann auf die Stärken der Schweizer Wirtschaft aufgebaut werden – hierzulande hat die Prozessoptimierung von Produktionssystemen eine lange Tradition. Und es braucht einen Riecher für innovative Lösungen, die sich aufs Wesentliche konzentrieren. Hört man auf Ständerat Ruedi Noser, kann sich die Schweiz von diesen Anknüpfungspunkten und der positiven Stimmung der digitalen Gründer-Szene nur anstecken lassen. „Wem die Umwelt am Herzen liegt, braucht Mut für Neues“, sagt Noser.

Drohne an der Arbeit.
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Letzte Änderung 02.02.2017

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