„Wir sind der grösste Recycling-Betrieb der Schweiz“

Daniel Aebli, der Leiter von Stahl Gerlafingen, Christoph Zeltner, Leiter Qualität und Umwelt von Stahl Gerlafingen
Daniel Aebli (Leiter Stahl Gerlafingen) und Christoph Zeltner (Leiter Qualität und Umwelt von Stahl Gerlafingen).
© Yvonne von Hunnius. All rights reserved.

Das grösste Recycling-Unternehmen der Schweiz gehört einem der ältesten Industriezweige der Welt an: Stahl Gerlafingen stellt jährlich über 600.000 Tonnen Recycling-Stahl aus Schrott her. Ein Stoffkreislauf, der einen wichtigen Beitrag zu einer Grünen Wirtschaft leistet.

Von Yvonne von Hunnius, 11.08.2015

Für die einen war er der beliebteste Schrotthaufen des Landes, für die anderen toter Stahl im Herzen Zürichs: der Zürcher Hafenkran. Im Januar 2015 hat sein neues Leben begonnen. Und mit grosser Wahrscheinlichkeit sorgt er inzwischen in einem Schweizer Gebäude für die notwendige Stabilität. Der Kran wurde erst zu 75 Tonnen Stahlschrott und dann in Gerlafingen rezykliert. Der Leiter des Stahlwerks Stahl Gerlafingen, Daniel Aebli, sagt: „Aus solchem Stahlschrott kann unendlich oft ohne qualitative Verluste Recycling-Stahl entstehen.“ Aebli steht neben dem gewaltigen Hochofen, in dem der Hafenkran vor wenigen Monaten bei über 1600 Grad zerschmolzen ist, bevor er in neue Formen gegossen und gewalzt wurde. Hier werden Schätze verarbeitet, derer sich kaum jemand bewusst ist. In der Schweiz werden jährlich 350 Kilogramm Stahl pro Kopf neu verbaut und nur 190 Kilogramm verschrottet: Dadurch baut sich im Land ein gigantisches Lager an Stahl auf, das unter dem Stichwort des „Urban Mining“ zu einer sprudelnden Materialquelle wird.

Stahl Gerlafingen
Im Walzerk findet das Finishing von Betonstahl in Stäben statt. In den Mulden befinden sich Materialreste – Rücklaufschrott für das Stahlwerk.
© Daniel Aebli. All rights reserved.

Aus Schrott wird Stahl

Welche Anstrengungen dabei unternommen werden, zeigt ein Augenschein vor Ort. Der Hochofen in Gerlafingen ist heute nicht in Betrieb und eine Handvoll Männer erneuern die feuerfesten Steine am Rand des Ofens. Diese routinemässige Erneuerung kostet das Stahlwerk wöchentlich 50.000 Franken. Es ist ein grosses Rad, das seit über 200 Jahren in der Gemeinde Gerlafingen im Kanton Solothurn gedreht wird. Werksleiter Aebli wartet eine Maschinenpause ab und sagt: „Wir sind der grösste Recyclingbetrieb der Schweiz und verarbeiten jährlich 800.000 Tonnen Schrott. Wir betreiben Kreislaufwirtschaft und leisten so einen Beitrag an eine Grüne Wirtschaft.“ Seit knapp hundert Jahren hat man sich auf die Wiederaufbereitung von Stahl spezialisiert.

Gerlafingen Hochofen
Im Gefäss des Schmelzofens werden gerade die feuerfesten Steine erneuert.

Gegründet als Ludwig von Roll’sche Eisenwerke, ist Stahl Gerlafingen heute das zweitgrösste Stahlwerk der italienischen Beltrame Group. Im Stahl- und Walzwerk, in der Mattenfabrik und im Ringcenter wird Betonstahl und Profilstahl vor allem für die Bau- und Maschinenindustrie produziert. 2014 verliessen 662.000 Tonnen das Werk. Was daran grün ist? Im Vergleich zur Primärstahlproduktion wird beim Recycling 70 Prozent weniger Energie verbraucht und es fällt 85 Prozent weniger CO2 an. Jede Tonne eingesetzter Stahl- und Eisenschrott vermeidet den Abbau von 1,5 Tonnen Eisenerz. In der Schweiz fallen jährlich rund 1,5 Millionen Tonnen Schrott an, die grösstenteils in den beiden Schweizer Stahlwerken – Stahl Gerlafingen und Swiss Steel in Emmenbrücke bei Luzern – landen.

Ein Giessprodukt des Stahlwerks, eine Bramme, wird zum Vorwalzen in das Walzwerk befördert.

Betonstahl ist gefragt

Dennoch stellt sich die Frage: Schwerindustrie mitten im Hochpreisland Schweiz – macht das Sinn? Auf jeden Fall, sagt Daniel Aebli. „Die Schweiz hat mit fast einer Million Tonnen Betonstahl pro Jahr einen höheren Bedarf als Frankreich. Zudem besitzt die Schweiz grosse Mengen an Stahlschrott in hoher Qualität.“ Gerade in Bezug auf Betonstahl laufen die Geschäfte gut: Im Vier-Schicht-Betrieb werden an sieben Tagen in der Woche Kompaktringe oder Stäbe produziert. Während Stahl Gerlafingen 2008 noch 44 Prozent seiner Produkte exportierte, konnte man nach der Krise auf den hiesigen Bauboom setzen und verringerte die Exportquote auf 20 Prozent

Schrottqualität ist entscheidend

Um im Konkurrenzkampf bestehen zu können, wird Effizienz und Qualität gross geschrieben. Das beginnt beim engen Kontakt mit den Schrotthändlern und der konsequenten Qualitätskontrolle des Schrotts. Ein matchentscheidender Faktor, denn: „Je besser der Schrott, desto besser der Recyclingstahl“, sagt Christoph Zeltner, Leiter Qualität und Umwelt von Stahl Gerlafingen. Stammen die Partner aus der Nähe, vereinfacht das nicht nur die Qualitätskontrolle, sondern verringert auch die Kosten: Insgesamt liegen die Transportwege zwischen Stahl Gerlafingen, seinen Lieferanten und Kunden bei durchschnittlich 90 Kilometern. Das ist top, auch wenn Betonstahl generell weitgehend lokal produziert und ausgeliefert wird.

Letztlich geht es aber nicht nur um Stahl. Ziel ist, keinen Abfall zu produzieren und alles zu verwerten. Wird die Anlage mit Stahlschrott gefüttert, gewinnt man jährlich auch 5000 Tonnen Zink, die an weiterverarbeitende Unternehmen geliefert werden. Das Nebenprodukt Schlacke macht mit 90.000 Tonnen jährlich den grössten Batzen aus. Seinen Einsatz findet das Gestein ähnliches Material mitunter im Tiefbau.

Christoph Zeltner, Leiter Qualität und Umwelt von Stahl Gerlafingen
Christoph Zeltner (Leiter Qualität und Umwelt, Stahl Gerlafingen).
© Yvonne von Hunnius

Stellschraube Energie

Eine entscheidende Stellschraube ist in der Stahlproduktion die Energieeffizienz. Denn der Energieverbrauch ist atemberaubend: 2014 brauchte die Anlage allein an Strom 369 Gigawattstunden. Das entspricht dem jährlichen Bedarf von etwa 110.000 Zürcher Haushalten. So versuchen die Ingenieure permanent, den Energieverbrauch zu reduzieren. Nach einer aktuellen Analyse liegt eine lange Reihe an Massnahmen an, die den Gesamtenergieverbrauch um rund 9 Prozent senken können. Bereits in den Jahren 2004 bis 2008 wurde die CO2-Intensität um fast 20 Prozent gesenkt.

In Gerlafingen wurde und wird investiert, was den Standort langfristig auch in turbulenten Zeiten sichern soll. Allerdings sitzt die Konkurrenz im Euroraum, weshalb im Februar 25 der rund 400 Stellen gestrichen wurden. Manche Prozesse laufen nun zentral über die Beltrame Group. Christoph Zeltner sagt dazu: „Reduziert wurde fast nur im Kaderbereich. Im Werk sind wir so effizient, dass jede Fachkraft genau am richtigen Platz ist.“

Ökostahl im Rampenlicht

Die Dachorganisation der Schweizer Stahl- und Metallbaubranche „Stahlpromotion“ arbeitet im Rahmen einer Informationskampagne dafür, dass die Eigenschaften des Recyclingstahls besser bekannt gemacht werden. Ein Label gibt es derzeit nicht. Aktuell treiben Wissenschaftler in Rapperswil ein Zertifizierungsprojekt voran. Das Institut für Umwelt- und Verfahrenstechnik UMTEC der Hochschule für Technik Rapperswil HSR hat mit „Certirec“ die Idee lanciert, Zertifikate zur Förderung des Recyclings auf freiwilliger Basis zu vergeben. Das System soll sich auf marktwirtschaftlicher Basis selbst regulieren. Die Mehrkosten für Stahl aus „sauberer Produktion“ würden dabei vom Stahlwerk über den Hersteller metallhaltiger Produkte an den Konsumenten weitergegeben. Da der Rohstoffpreis in der Regel nur geringfügig auf die Produktkosten durchschlägt, ist gemäss der Initianten nahezu vernachlässigbar, was der Konsument als Mehrpreis zu übernehmen hätte.

Das lange Leben eines Stahlprodukts

Schaut man sich den Eiffelturm an, wird bewusst, wie gross die Langlebigkeit von Stahlprodukten sein kann. Durchschnittlich wird Stahl im Baubereich rund 50 bis 100 Jahre eingesetzt. Industriestahl wird nach rund fünf bis zehn Jahren zu Schrott. Ein Auto lebt im Durchschnitt rund elf Jahre. Doch in einem Einfamilienhaus ist ungefähr die zehnfache Menge an Stahl eines Autos verbaut: Es besteht durchschnittlich zu 55 Prozent aus Stahl. Und es kann viele Jahrzehnte dauern, bis die Abrissbirne kommt.

Kommentare

14.08.2015
Kommentar von Daniel Christen, Stiftung Auto-Recycling Schweiz

Toller Beitrag zu einem sehr interessanten Thema. Kleine Korrektur: Die Autos werden heute im Durchschnitt knapp 16 Jahre alt, bis sie zur Autoverwertung gelangen - dies nicht zuletzt den besseren Stahlqualitäten und der verzinkten Karosserien. Auch von den Altautos gelangen 100% des Stahls wieder in die Stahlwerke. In der Schweiz rechnen wir mit rund 70'000 Tonnen aus Altfahrzeugen.

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