"Wir wollen einen Zielhorizont geben"

Die grossen Detaillisten haben die Nase vorn, doch auch kleinere Akteure haben gute Chancen, sich im Umweltbereich zu positionieren, kommentiert WWF-Expertin Jennifer Zimmermann die Ergebnisse des Umweltratings 2015.

Interview: Yvonne von Hunnius, 06.01.2016

Jennifer Zimmermann ist Mitautorin des „WWF Umwelt-Rating 2015 – Gross-und Detailhandel – Food und Near-Food“ aus dem Dezember 2015. Sie ist beim WWF in der Abteilung Konsum und Wirtschaft verantwortlich für Unternehmensratings und die Retailbranche.

Was sagt das Umweltrating aus?

Jennifer Zimmermann: Unser Umweltrating zeigt auf, wie sich Unternehmen des Gross- und Detailhandels in verschiedenen Bereichen für Umweltfragen einsetzen. Dabei haben wir uns verschiedene Handlungsfelder in den Bereichen Strategie, Sortiment und gesellschaftlichem Engagement angeschaut. Jedes teilnehmende Unternehmen hat so ein detailliertes Feedback erhalten, wo es aus Umweltsicht steht. Wir planen, das Umweltrating nun in regelmässigen Abständen zu erheben. So können auch Fortschritte und Veränderungen festgehalten werden.

Weshalb haben Sie sich für das Rating die Gross- und Detailhändler herausgepickt?

Nahrungsmittel tragen massgeblich zu unserer Umweltbelastung bei. Darum ist diese Branche besonders relevant. Wegen ihrer Schlüsselstellung in der Lieferkette können die Händler einen wichtigen Beitrag zur Reduktion der Umweltbelastungen von Nahrungsmitteln leisten.

Auf welches Ziel ist das Rating ausgerichtet?

Wir haben uns folgende Fragen gestellt: Was braucht es, damit Unternehmen zu einem Geschäftsmodell kommen, das auf die ökologische Tragfähigkeit unseres Planeten und auf eine Klimaerwärmung von maximal zwei Grad Celsius ausrichtet ist? Und wo sollten Händler dementsprechend im Jahr 2025 stehen? Darauf basierend haben wir einen Zielhorizont für ein fiktives Unternehmen entwickelt, mit dem wir die reellen Unternehmen verglichen haben.

Die Detaillisten Coop und Migros scheinen diesem Idealtypischen Unternehmen schon sehr nahe zu kommen – was machen sie besser als andere?

Das liegt vor allem an ihrem fundierten und systematischen Umgang mit den ökologischen Herausforderungen. Durch Wesentlichkeitsanalysen wurde hier geschaut, wo relevante Umweltauswirkungen sind. Wenn man dies als Basis für Massnahmen nimmt, ist man auf dem richtigen Weg. Diese Herangehensweise wirkt sich letztlich in den unterschiedlichsten Bereichen aus.

Coop und Migros sind strategische Partner des WWF – welchen Einfluss hatte das auf das Rating?

Rating und Partnerschaften sind zwei unterschiedliche Wege mit dem gleichen Ziel: die Branche zu beeinflussen. Um die Unabhängigkeit von unseren Partnern sicher zu stellen, haben wir nur die Kriterien für das Rating definiert. Das Rating selber führte die unabhängige Ratingagentur Inrate durch. Es zeigt unter anderem auf, dass unsere Partnerschaften Wirkung entfalten. Nicht zuletzt dank der Zusammenarbeit mit dem WWF sind Migros und Coop in vielen Bereichen weiter
als andere.

Die Grossen können auf Lieferanten stärker Druck ausüben und auch stärker auf nationale Rahmenbedingungen einwirken – sind die anderen da nicht prinzipiell im Nachteil?

Keinesfalls! Durch eine Wesentlichkeitsanalyse kann jedes Unternehmen die für sich grössten Herausforderungen ausmachen und glaubwürdig Massnahmen in Gang bringen. Zudem gibt es strukturelle Unterschiede, die Vorteile bringen. So haben Discounter ein kleineres Sortiment und können sich so besser konzentrieren. Auch haben wir sehr gute Erfahrungen mit Sektoransätzen gemacht. Viele der Herausforderungen sind nämlich international und sehr komplex und können nicht von einzelnen Unternehmen gelöst werden. Dies gilt beispielsweise für den nicht nachhaltigen Wasserverbrauch in trockenen Regionen oder die Probleme bei der Produktion von Soja und Palmöl. Das Soja-Netzwerk, bei dem sich viele – auch kleine – Unternehmen zusammengetan haben, um 90 Prozent ihres Soja-Bedarfs aus verantwortungsvoller Produktion zu beziehen, hat einen enormen Schub verursacht.

Kann man Grosshändler wirklich mit Detailhändlern vergleichen?

Im Hinblick auf eine langfristig umweltverträgliche und gesicherte Versorgung mit Nahrungsmitteln stellen sich sowohl im Gross- als auch im Detailhandel die gleichen Herausforderungen. Deshalb kommen in beiden Teilbranchen ähnliche Nachhaltigkeitsstrategien zur Anwendung. Dazu gehören der Einbezug von Nachhaltigkeitsaspekten in Strategie und Management, Massnahmen zur Reduktion von Treibhausgasen und die Förderung von Produkten mit anerkannten Umweltstandards. Die drei untersuchten Grosshandelsunternehmen schneiden im Rating ähnlich ab wie das Gros der Detailhändler. Das bestätigt, dass die Umweltherausforderungen und -strategien der beiden Teilbranchen vergleichbar sind – auch wenn die Grosshändler stärker gefordert sind, ihre Kunden wie Restaurants, Kantinen und andere  Grossabnehmer für umweltfreundliche Angebote an die Endkonsumenten zu begeistern.  

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Letzte Änderung 06.01.2016

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