Wie ein Zürcher Start-up für klimafreundliche Portfolios sorgt

Der Klimawandel könnte Investoren Milliarden kosten. Doch hierzu liegen noch kaum konkrete Daten vor. Nun werden diese vom Zürcher Start-up Carbon Deta gesammelt und für Portfolioverwalter aufgearbeitet. Für die Idee des Gründers Oliver Marchand regnet es Preise.

Oliver Marchand ist Gründer und Geschäftsführer des Start-ups Carbon Delta mit Sitz in Zürich, das seit Sommer 2015 existiert und seit dem Frühjahr 2016 operativ tätig ist. Marchand war zuvor als Geschäftsleitungsmitglied und IT-Leiter IT eines Zürcher Asset-Management-Unternehmens für die Programmierung der internen Portfolio-Management- und Risikoanalyse-Software verantwortlich. Er hat an der ETH in Informatik promoviert und bei verschiedenen Wetterdiensten geforscht und gearbeitet.

Interview: Yvonne von Hunnius, 18.01.2017

Ihr Start-up bezeichnet sich als Environmental Fintech – also ein digitales Unternehmen im Finanzbereich, das sich mit Umweltthemen beschäftigt. Sehen Sie hier einen neuen Trend?

Marchand: Environmental FinTechs sind noch selten. Generell hat Fintech Cleantech bei Start-ups abgelöst. Meiner Meinung nach besteht aber in der Verbindung des Umwelt-, Finanz- und Digitalbereichs noch grosses Potenzial – gerade in Zürich, wo Finanz- und ICT-Kompetenz zuhause sind sowie einige nachhaltige Finanzdienstleister gross werden konnten. Im Moment ist es aber so, dass wir immer noch zu den absoluten Ausnahmen zählen, wenn wir auf Fintech-Konferenzen auftreten.

Dennoch konnten Sie viel Aufmerksamkeit und auch Preise für sich verbuchen ... 

Ja – wir starten mit unserer Idee zur richtigen Zeit. Wir wurden zu den Schweizer Top Ten der Fintech-Unternehmen 2016 gekürt und sind Preisträger des seif Awards for Social Entrepreneurship 2016. Kürzlich haben wir den Wettbewerb der europäischen Innovationsinitiative Climate-KIC gewonnen und sind auch Finalisten der Initiative UBS Social Innovators.

Inwieweit spiegelt sich das auch im Interesse von Kunden wider?

Wir haben sehr viele Anfragen – auch von den grössten Finanzdienstleistern der Welt, die im Asset Management arbeiten. Viele und immer mehr sind daran interessiert, Portfolios danach beurteilen zu können, inwieweit diese vom Klimawandel besonders betroffen sind. Aber momentan optimieren wir noch unser Modell – bald können wir die volle Bandbreite unserer Dienstleistungen anbieten.

Worum geht es dabei genau?

Wir beurteilen weltweit die 2500 grössten Unternehmen, damit Investoren wissen, wie gut diese für den Klimawandel gerüstet sind. Dazu haben wir unterschiedliche Daten in Bezug auf deren Wertschöpfungskette gesammelt. Wir wissen, was sie wo produzieren und verkaufen, welche Emissionen sie dabei ausstossen. Zudem berücksichtigen wir, wie die aktuelle und geplante Klimagesetzgebung in diesen Ländern aussieht. Letztlich ist entscheidend, dass wir diese Daten in Zusammenhang bringen mit Wetterdaten aus der Klimafolgenforschung der letzten drei Jahrzehnte. Sie geben etwa Auskunft über Hitze- oder Überschwemmungsrisiken. Wenn dies alles verknüpft ist, können wir Aussagen darüber machen, welche Unternehmen von CO2-Preisen oder Extremwetter oder Cleantech-Innovationen wie betroffen ist.

Was ist hierbei die grösste Schwierigkeit – die grosse Datenmenge?

Nicht unbedingt, auch wenn es sich selbstverständlich um grosse Datensätze handelt. Besonders knifflig ist, dass diese Daten sehr heterogen vorliegen und wir sie in einem Gesamtsystem analysieren wollen.

Ist das Ergebnis letztlich ein Index, der sagt, wie klimasensibel ein Unternehmen ist?

Ein standardisierter Index könnte ein Ergebnis sein. Doch wir überlassen unseren Kunden die Priorisierung der einzelnen Faktoren. Ihnen werden die Daten zur Verfügung gestellt und sie können ihre Portfolios dahingehend untersuchen, ob sie besonders sensibel sind in Bezug auf die eine oder andere Kategorie – sei es Extremwetter oder CO2-Gesetzgebung.

Hat eine Nachfrage aus der Finanzindustrie direkt den Anstoss zur Gründung gegeben?

Indirekt. Als Geschäftsleitungsmitglied und IT-Leiter eines Zürcher Finanzunternehmens war ich für die Programmierung der internen Portfolio-Management- und Risikoanalyse-Software verantwortlich. Zudem habe ich lange in der Forschung bei unterschiedlichen Wetterdiensten gearbeitet. Somit habe ich beide Seiten direkt kennengelernt und gemerkt, dass in der Verbindung ein Zukunftstrend liegt.

Was antworten Sie denjenigen, die davon ausgehen, dass Klimarisiken zu einem grossen Teil versicherbar sind und sich deshalb kaum auf Portfolios auswirken?

Das wird nicht mehr möglich sein angesichts der Gesamtrisiken, die erwartet werden. Laut Berechnungen der London School of Economics werden diese makroökonomisch bis zum Ende des Jahrhunderts mit 25 Milliarden US-Dollar beziffert. Und Finanzdienstleister wissen noch viel zu wenig über die Risiken. Jährlich werden 25 Milliarden US-Dollar für Finanzdaten ausgegeben, nur ein Bruchteil – konkret 0,012 Prozent davon – wird in Daten zu Klimarisiken investiert. Das wird sich ändern müssen.

Und was wäre, wenn ein Bankhaus auf Sie zukäme, um die Idee zu kaufen?

Wir sind eigenfinanziert und konzentrieren uns vor allem auf die Wirkung unserer Lösung. Das ist aber auch ein Grund dafür, Kooperationen nicht auszuschliessen. Wir wollen mit Carbon Delta erreichen, dass Klimarisiken besser abgebildet werden – das zählt. 

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Letzte Änderung 11.01.2017

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