Wie Freiwilligkeit eine ganze Branche bewegt

Symbolbild Farbe Umweltetikette
© Stiftung Farbe

Die Umwelt-Etikette zeigt, wie stark bei Farben und Lacken ausgewählter Bereiche auf Umwelt, Gesundheit und Qualität geachtet wird. Jetzt lassen sich die Produkte einfacher vergleichen. Die Hersteller hat das auf freiwilliger Basis dazu motiviert, ihre Produkte zu verbessern.

Von Yvonne von Hunnius, 12.05.2016

Es ist eine Schweizer Lösung. Eine, die das Grundverständnis des Wirtschaftens in der Schweiz von demjenigen anderer Länder unterscheidet. „Zur Umwelt-Etikette wird niemand gezwungen, ein Hersteller nimmt nur teil, wenn er gleichzeitig für sich und die Umwelt einen Vorteil sieht“, sagt Matthias Baumberger. Er ist Präsident der Schweizer Stiftung Farbe, die vom Verband der Schweizerischen Lack- und Farbenindustrie (VSLF) verwaltet wird und die Etikette herausgibt. Das Prinzip ist einmalig und einfach: Aktuell verpflichten sich 27 Schweizer Hersteller von Farben und Lacken freiwillig, Produkte gemäss einem Ampelsystem von A bis G zu kategorisieren und diese auszuzeichnen. Bald existieren Reglemente für drei spezifische Anwendungsbereiche – am etabliertesten ist bereits die „Umwelt-Etikette I“, bei der es um Innenwandfarben geht. Sehr umweltfreundlich und somit in der Kategorie A sind Produkte ohne giftige Lösungsmittel, die zudem beispielsweise hauptsächlich aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt wurden und auch frei sind von aromatischen Kohlenwasserstoffen, also Aromaten wie Toluen oder Xylolen. Dabei wird auch berücksichtigt, ob die Produkte alle technischen Anforderungen einwandfrei erfüllen. Diese neue Vergleichbarkeit hat viele Hersteller dazu motiviert, ihre Produkte auch umweltmässig zu verbessern.

Symbolbild Farbeimer mit Umweltetikette
Im April 2016 waren in der Schweiz 368 Farben und Lacke mit der Umweltetikette ausgezeichnet.
© Stiftung Farbe

Massstab für die Praxis

Einmal verpflichtet, muss das Ampelsystem binnen zweier Jahre auf die gesamte Produktepalette eines Bereichs ausgedehnt werden. Baumberger sagt: „2012 lanciert, waren Anfang 2014 mit 40 Prozent die meisten Produkte in der mittleren C-Kategorie angesiedelt – in der Königsliga war kaum etwas zu finden. Doch die Hersteller haben ihre Rezepturen verändert. Im Februar 2016 entsprach der Löwenanteil der Produkte mit 43 Prozent der B-Kategorie. Die A-Produkte haben sich verdreifacht.“ Und A, das sei nicht im Handumdrehen zu erreichen. Dazu brauche es eine klare Entscheidung, ökologisch zur Spitze gehören zu wollen.

Die Dold AG aus Wallisellen ist ein Farb- und Lack-Hersteller, dessen Produkte den Sprung in den Premium-Bereich schaffen. Dold hat beispielsweise Docodol entwickelt, den weltweit ersten wässrigen und somit lösungsmittelfreien Lack, der den strengsten Vorgaben der „Umwelt-Etikette II“ entspricht. Diese ist gültig für den Bereich „Lacke, Holz- und Bodenbeschichtungen im Innenbereich“. Die Auszeichnung kann laut Dold-Geschäftsführer Michael Steinlin ein klarer Wettbewerbsvorteil sein bei Kunden, die sensibel für das Thema sind – beispielsweise öffentliche Auftraggeber. Aber auch Private achteten immer häufiger auf die Umweltverträglichkeit von Farben.

Steinlin ist vom Prinzip voll überzeugt: „Für Anwender ist der Label-Dschungel unübersichtlich, nur eine Volldeklaration macht Sinn. Jeder Hersteller hat Vorzeige-Produkte, doch wenn es um die Praxis geht, muss dem Konsumenten für alle Anwendungsfälle ein Massstab vorliegen.“ So sei klar, wann er eine umweltfreundliche Alternative habe und wann er Abstriche zu Lasten der Umwelt machen müsse. Denn es komme immer auf den Untergrund oder die Umgebungsbedingungen an – bei schlecht haftenden Untergründen, sehr kalten Temperaturen oder nach Bränden müssten Profis nicht selten auf ein F- oder G-Produkt zurückgreifen. Gerade Lösungsmittel seien hier nach wie vor oft im Spiel.

Dold Innenraumbeispiel
Innenraumbeispiel, bei dem mit der Umweltetikette ausgezeichnete Farbe verwendet wurde.
© Dold AG

Wissenschaftliche Grundlage schaffen

Neben der Herstellung aus nachwachsenden Rohstoffen ist die Gebrauchsfähigkeit eine besondere Knacknuss für die Hersteller, die auch die Umwelt-Etikette vor wichtige Fragen stellt. Was ist zu tun, wenn eine Farbe zwar umweltfreundlicher ist, aber ätzende Wunden verursachen kann – oder wenn eine dieser Farben häufiger als eine schädlichere erneuert werden muss? Damit die Kategorisierung auch konform mit dem ökologischen Fussabdruck eines Produktes geht, wurde teils auch mit komplexen Lebenszyklusberechnungen gearbeitet.

Die Erarbeitung der Kriterien war und ist weiterhin knifflig. Matthias Baumberger, Stiftungspräsident und Direktor des VSLF, weiss, worauf die Teilnehmer besonderen Wert legen. „Es muss für alle nachvollziehbar und wissenschaftlich fundiert sein“, sagt er. Zwei Jahre wurde am ersten Reglement gefeilt. Ins Boot geholt hatte man Hochschulexperten aus der Schweiz und dem Ausland, Hersteller, Vertreter aus dem Anwenderbereich, des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) und aus dem Hauseigentümer-Umfeld. Die Einhaltung der Kriterien wird mithilfe unabhängiger Produkttests regelmässig überprüft und auch an neue Gegebenheiten angepasst.

In Kürze kommt für „Putze innen“ ein drittes Reglement heraus. Es wird das letzte für den Innenraum sein, bevor es an den anspruchsvollen Aussenbereich geht. Hier müssen gerade auch Umweltauswirkungen wie Auswaschungen berücksichtigt werden.

Etikette kommt in Baumärkte

Für den Anwender soll dabei alles übersichtlich bleiben – A bis G entspricht Grün bis Rot. Ein System, das Planern, Architekten und Handwerkern einen schnellen Überblick verschafft, aber auch Laien-tauglich ist. Dabei hat sich die Umwelt-Etikette zunächst auf die Profis konzentriert. Dies ändert sich mit Alpina, einer gewichtigen Marke im sogenannten Do-it-Yourself-Bereich (DIY). Die Schweizer Alpina-Produkte des DAW-Konzerns werden nun mit der Etikette ausgezeichnet, und es zeigt sich auch hier, dass Seriosität eine entscheidende Währung ist: „Für den Käufer bedeutet dies eine Erleichterung bei seinem Kaufentscheid, ohne werbliche Beeinflussung“, sagt Schalom Singer, Verkaufsleiter von Alpina Schweiz.

Wenn die Dynamik anhält, könnte sich die Etikette bald auch im DIY-Bereich durchsetzen. Als im Januar 2012 die Umwelt-Etikette I startete, wurden bis Ende Jahr 142 Wandfarben angemeldet. Im April 2016 war die Anzahl auf 368 Farben angestiegen; damit sind 95 Prozent der Innenwandfarben in der Schweiz mit der Etikette versehen.

Alpina Farben im Baumarkt
Alpina-Farben-Sortiment in einem Markt für Heimwerker - auch hier ist die Umweltetikette nun eingezogen.

Warum können Farben schädlich sein?

Farben und Lacke können Mensch und Umwelt belasten bei der Gewinnung der Rohstoffe, der Herstellung, der Anwendung und der Entsorgung der Reste. Manchmal sind diese auch schädlich, wenn der Mensch ihnen über lange Zeit im Wohnraum ausgesetzt ist. Dabei bestehen Farben und Lacke hauptsächlich aus Lösungsmitteln, Bindemitteln, Farbpigmenten und Hilfsstoffen. Bei Lösungsmitteln und Bindemitteln sind Erdölprodukte weit verbreitet – unter anderem aufgrund guter Funktionsfähigkeiten. Doch sie sind teilweise höchst problematisch für die Gesundheit und auch für die Umwelt. Auch natürliche organische Lösungsmittel können beispielsweise Allergien auslösen und natürliche Bindemittel wie Kalk sind zwar ökologisch unbedenklich, können aber ätzend auf die Haut wirken.

VOC-Lenkungsabgabe für bessere Luft

Leichtflüchtige organische Lösungsmittel (volatile organic compounds, VOC) auf Basis von Erdgas und Erdöl werden als Lösungsmittel für Farben und Lacke eingesetzt – sie helfen, dass sich die Komponenten gut mischen und das Produkt gut trocknet. Sie zeigen sich in stark riechenden Dämpfen. Aber sie sind mitunter schädlich für den Menschen – teilweise verursachen sie Krebs und die Umwelt (z.B. Bildung von Ozon). Um den VOC-Einsatz zu verringern, hat der Bund im Jahr 2000 eine VOC-Lenkungsabgabe eingeführt. Für Produkte, die VOC enthalten, müssen Hersteller einen gewissen Betrag abführen. Das Geld wird über einen Abzug an den Kosten der Krankenkassenrechnung an die Bevölkerung zurückerstattet. Die Abgabe soll Konsumenten und Hersteller zum Umstieg auf Alternativen – beispielsweise auf Wasserbasis – motivieren. Die Europäische Union gibt ihrerseits mit der Decopaint-Richtlinie eine Höchstmenge an VOC für Produkte an.

Link: www.bafu.admin.ch/voc

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Letzte Änderung 11.05.2016

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