Wenn Ressourceneffizienz Innovationen schafft

Triosalat mit Wurzeln aus der Hydroproduktion
© A. Trachsel Fruchtimporte AG

Die besten Innovationen sind diejenigen, bei denen Wirtschaft, Konsumenten und auch die Umwelt profitieren. Das Hydrokultur-Treibhaus in Oftringen hat sich das klar zum Ziel gesetzt und das Netzwerk Ressourceneffizienz Reffnet hat hierfür die Grundlage geschaffen.

Von Yvonne von Hunnius, 11.03.2016

„Hier werden ab Mai pro Tag 8000 Salate geerntet“, sagt Patrick Forster. Noch steht der Inhaber der Trachsel Fruchtimporte AG in einem leeren Gewächshaus. An diesem Morgen ist es kalt in Oftringen AG, knapp über dem Gefrierpunkt. Die Halle wirkt riesig – bei insgesamt 1,6 Hektar hätten in ihr zwei Fussballfelder Platz. Bauarbeiter bereiten alles für die ersten Salatsetzlinge vor, die auf keinen Fall frieren dürfen. Forster zeigt auf Rohrleitungen unter der Glasdecke und sagt: „Bald fliesst hierdurch Warmwasser, damit die Salate Sommer wie Winter gedeihen.“ Wasser mit Nährlösung rinnt dann auch knapp einen Meter über der Erde in Kilometerlangen Rinnen, die eine Art Förderband für die Salate bilden. Die Setzlinge gedeihen in sechs bis acht Wochen zu ausgewachsenen Trio- oder Eichblatt-Salaten. Dann sind sie bereit für die Filialen der Migros Aare Genossenschaft. Und beim Kunden könnten sie sogar weiterwachsen: Trio-Salate werden im Topf mit Wurzeln angeboten.

Patrick Forster, Trachsel Fruchtimporte AG
© Yvonne von Hunnius

Schweizer Premiere bringt Wertschöpfung

Die Hydroponik-Anbaumethode ist bereits weltweit verbreitet. Durch ihre Effizienz sehen in ihr viele Beobachter eine Lösung für das Problem, bald über neun Milliarden Menschen ernähren zu müssen. Schweizweit entsteht gerade in Oftringen das erste Gewächshaus, das komplett auf diese Methode ausgerichtet ist. Damit will die Hauptvertriebspartnerin Migros Aare die Wertschöpfung der Salatproduktion ganzjährig in der Region halten und auch zu einem wesentlichen Teil auf Importe verzichten. Allerdings muss sich die Kundschaft daran gewöhnen, dass diese Salate nie in richtiger Erde gesteckt haben. Laut Migros-Aare-Mediensprecherin Andrea Bauer dürfte der Geschmack die Skeptiker überzeugen. Sie sagt, Verantwortliche hätten Hydro-Salate aus ausländischer Produktion getestet. „Der Salat ist geschmacklich hervorragend, da er keinen Wettereinflüssen – wie beispielsweise langen Regenperioden – ausgesetzt ist, die Pflanzen geniessen konstant auf sie abgestimmte Wachstumsbedingungen“, so Bauer.

Das Treibhaus wird in wenigen Wochen Heimat für tausende Salate sein.
© Yvonne von Hunnius

Dabei spart eine Hydrosalat-Fabrik Platz, Nährstoffe und Zeit. Aber ist das nicht sehr aufwendig in Punkto Energie und letztlich auch umweltbelastend? Wäre es so, hätte der Gemüsebauer Forster das Projekt nicht realisiert. Das war auch eine klare Abmachung mit Migros Aare. Hierfür durchgeführte Studien haben letztlich ergeben: Dieser Hydrosalat ist dem Freilandsalat sogar in allen relevanten Umweltaspekten deutlich überlegen (siehe Factbox 2).

Auf der Suche nach den grössten Umweltvorteilen

Im Rahmen des Netzwerks Ressourceneffizienz Reffnet haben Studien den Wasser-, Energie- und Materialbedarf der Hydrosalatproduktion im Sommer wie Winter in Vergleich zu Freilandsalat und regulären Gewächshaussalat aus der Schweiz und Italien gesetzt. Durchgeführt wurden sie von einem Team der Klimaschutzexperten von myclimate um Daniel Kammerer.

Das vom Bund unterstützte Reffnet-Netzwerk hilft Schweizer Firmen seit 2014, Effizienzpotenziale zu heben. Durch seine Beratung sollen Material, Energie und Kosten eingespart werden. So hat das Ergebnis der Hydrosalat-Studien gezeigt, dass sich grosse Umweltvorteile durch den Verzicht auf Heizöl ergeben. Patrick Forster sagt: „Nachdem wir die Studienergebnisse in der Hand hatten, haben wir einen Bauplatz gesucht, der uns die Nutzung umweltfreundlicher Energiequellen ermöglicht.“ Gefunden wurde eine Parzelle direkt neben der Kehrrichtverbrennungsanlage Oftringen. Hier kann Abwärme genutzt werden, die für das reguläre Wärmenetz nicht heiss genug ist. Neben Wasser mit einer Temperatur mit 83 Grad fällt in der KVA auch Wasser mit 53 Grad an – genau richtig für das Gewächshaus. Nachdem es hier für Wärme gesorgt hat, wird es in den Kreislauf der KVA zurückgeführt.  

Die Kehrrichtverbrennungsanlage von Entsorgung Region Zofingen (erzo) befindet sich nur einen Steinwurf weit vom neuen Gewächshaus entfernt.
© Yvonne von Hunnius

Weniger Ressourcen – mehr Ertrag

Immer wieder treten bei Reffnet-Projekten überraschende Erkenntnisse zu Tage. Kammerer sagt: „Wer wäre auf Anhieb davon ausgegangen, dass der Hydrosalat aus der winterlichen Schweiz in Bezug auf Umweltauswirkungen so überlegen ist?“ Der Grund hierfür liegt zuvorderst im effizienten Produktionsverfahren, das bei gleichem Ressourcen-Einsatz mehr Ertrag auf weniger Fläche bringt. So wird die Menge des Bewässerungswassers im Vergleich zum Freilandanbau mehr als halbiert. Die Nährlösung fliesst im Kreislauf und wird fast gänzlich mit gesammeltem Regenwasser hergestellt. Für Kammerer ist die CO2-Frage entscheidend, also der Umstand, dass das Treibhaus nicht mit Öl beheizt wird: „Bei der Produktion eines Hydrosalatkopfes entstehen nur zwischen 80 bis 100 Gramm CO2. Das ist die Menge, die ein effizientes, modernes Auto auf einen Kilometer ausstösst. Bei einem Salat aus einem konventionellen Gewächshaus entstehen hingegen bis zu 1.32 Kilogramm oder 16 mal mehr CO2. Um beim Autobeispiel zu bleiben, da vergleichen wir ein hoch-effizientes Auto mit mehr als dem 3-fachen einer richtigen Benzinschleuder“.

Für die Berechnungen gibt es eine Kennzahl, die die Wirkung von Ressourceneffizienz als Ganzes widergibt: Umweltbelastungspunkte (UBP) fassen das Wichtigste zusammen. Die Gesamtumweltauswirkung eines Sommer-Salats aus Hydroanbau liegt mit 116 UBP um 47 Prozent niedriger als für Freilandsalat. Doch die Ergebnisse können laut Kammerer nicht Eins zu Eins auf Hydrokulturen für Tomaten oder andere Produkte übertragen werden. „Die Zusammenhänge sind komplex und es gilt jedes mal aufs Neue, genau hinzusehen“, sagt er.

Partner für das Ressourcen-Budget

Reffnet als Netzwerk hat sich ab 2016 dazu verpflichtet, Unternehmen dabei zu helfen, jährlich 74 Milliarden Umweltbelastungspunkte einzusparen. Dabei ist das Ressourcenwissen der Berater so divers wie die Schweizer Unternehmenslandschaft (siehe Factbox 1). Daniel Kammerer ist Vorstandsmitglied von Reffnet und sagt: „Deshalb arbeiten bei Reffnet 25 Experten aus unterschiedlichsten Bereichen und Institutionen.“ Zudem kommen laufend neue akkreditierte Experten hinzu. Für sie gibt es viel zu tun: Reffnet-Schätzungen gehen davon aus, dass sich die Ressourceneffizienz in Schweizer Unternehmen innerhalb von zehn Jahren um rund 25 Prozent verbessern lässt. Ein enormes Potenzial, das nicht nur zu Zeiten eines starken Frankens wichtig ist.

Was Reffnet durch Ressourceneffizienz bewirkt

Reffnet-Projekte bringen laut Berechnungen konkreten wirtschaftlichen Nutzen. Das Netzwerk wurde 2014 gegründet und seitdem löste jeder von Bund und Unternehmen eingesetzte Franken Einsparungen von 10 Franken aus. Und das nur durch einen geringeren Material- und Energieaufwand. Insgesamt haben bereits 117 Unternehmen mit Reffnet zusammengearbeitet. Insgesamt wurden hierdurch Kosten um mindestens 2,5 Millionen Franken verringert. An Umweltbelastungspunkten (UBP) wurden bereits rund 50 Milliarden eingespart. Dabei schenkt Reffnet.ch interessierten Unternehmen einen Gratis-Beratungstag, um eine Potenzialanalyse durchzuführen und bis zu weitere vier Tagen, um einen Massnahmenkatalog zu erarbeiten und die Umsetzung zu unterstützen. Die Beratung übernehmen 25 Fachleute aus Organisationen wie beispielsweise myclimate – the Climate Protection Partnership, der Effizienzagentur Schweiz, der Züst Engineering AG, der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW. Der Expertenpool ist offen für alle und mithilfe eines Akkreditierungprozesses können laufend neue Berater hinzukommen.

Link: www.reffnet.ch

Schlüsselergebnisse der Hydrosalat-Studien

Hydrosalat aus einem mit KVA-Abwärme geheizten Gewächshaus ist gemäss den Studienautoren in allen Kategorien deutlich umweltfreundlicher als Importsalat aus Italien, Schweizer Gewächshaussalat im Winter und als Schweizer Sommer-Freilandsalat. In Bezug auf die Gesamtumweltbelastung wurden für Sommer-Hydrosalat 116 Umweltbelastungspunkte (UBP), im Winter 163 UBP errechnet. Sommer-Freilandsalat wird mit 221 UBP und Schweizer Gewächshaussalat mit 850 UBP angegeben. Die Treibhausgasemissionen eines Hydrosalates lägen im Sommer bei 80 Gramm CO2, diejenigen eines Sommerfreilandsalates bei 120 Gramm. Hydrosalat benötige auch im Sommer 70 Prozent weniger Wasser als Freilandsalat. Der Landverbrauch ist laut der Studien um 90 Prozent tiefer als im Freilandanbau und 67 Prozent geringer als im konventionellen Gewächshausanbau. Letztlich sagen die Studien für die Hydrokultur-Anlage auch eine geringere toxische Wirkung auf die Ökosysteme voraus: Diese sei über die Hälfte niedriger als bei anderen Produktionsvarianten.

Kommentare

15.04.2016
Kommentar von Alexander Eisemann, Basel

Sehr interessanter Artikel, weil er zeigt, wie komplex das Zusammenwirken von verschiedenen Faktoren ist: Intuitiv hätte ich gedacht, dass der Transport des Salats mit Wurzelballen energieaufwendiger ist und hätte das Produkt eher nicht gekauft. Solche Informationen helfen, am Gemüseregal eine Entscheidung zu treffen.

*
*
Wird mit dem Kommentar veröffentlicht.
*
Wird mit dem Kommentar veröffentlicht.
*
Wird mit dem Kommentar veröffentlicht.
*
Wird nicht veröffentlicht.

* Hier gelangen Sie zur Netikette und den redaktionellen Grundsätzen. Ihre Daten werden auf einem Server der Bundesverwaltung für 60 Tage gespeichert, damit wir Ihren Kommentar bearbeiten können.

Letzte Änderung 18.04.2016

Zum Seitenanfang

https://www.gruenewirtschaft.admin.ch/content/grwi/de/home/Gruene_Wirtschaft_konkret/Wenn-Ressourceneffizienz-Innovationen-schafft.html