Schweizer Bildung sucht ihren Weg zur Nachhaltigkeit

ETH Kuppel
© ETH Zürich / Esther Ramseier

Viele Akteure treiben Themen der nachhaltigen Entwicklung und der Ressourcenschonung in der Hochschul- und Berufsbildung voran. Oft setzt sich auch konzertiertes Vorgehen durch. Kritikern geht das nicht schnell genug – in der Praxis vermissen sie stärker denn je Nachhaltigkeitskompetenzen.

Von Yvonne von Hunnius, 15.04.2016

„Wir können noch so grün auf dem Campus sein, unser nachhaltigster Einfluss ist, dass wir verantwortungsvolle Menschen ausbilden und neue Technologien entwickeln, die die Zukunft gestalten – unser Produkt ist Wissens- und Technologietransfer in die Gesellschaft“, sagt Christine Bratrich, Geschäftsleiterin der Stabsstelle Sustainability der ETH Zürich. Schweizer Hochschul- und Bildungsinstitutionen haben die Zukunft in der Hand und tragen dabei eine grosse Verantwortung. Wenn die Schweiz Wirtschaft und Konsum möglichst rasch ressourcenschonend und -effizient aufstellen will, braucht es kompetente Unternehmer und Mitarbeiter wie auch innovative Forschung. Und es tut sich viel bei den Bildungsinstitutionen: Das Thema nachhaltige Entwicklung und Ressourcenschonung wird in Lehre, Forschung und Betrieb bewusst auf die Agenda gesetzt. Aber wie weit geht die Schweiz in diesen Fragen?

Rücksicht auf Freiheit in Forschung und Lehre

Der ganze ETH-Bereich nimmt es ernst. Hierzu gehören zwei Hochschulen, die ETH Zürich und die EPFL in Lausanne, sowie vier Forschungsinstitutionen. In der aktuellen strategischen Planung wird formuliert: Ihr Ziel sei, Grundlagen zur nachhaltigen Entwicklung von Gesellschaften bereitzustellen. Klare Worte, denen auch Schwerpunkte folgen. Doch wie dies konkret mit Leben gefüllt wird, soll und darf nicht vorgeschrieben werden, sagt Bratrich. „Die Freiheit in Forschung und Lehre ist essenziell. Wir fördern kritisches Denken, stossen Initiativen an. Doch es sind die Forschenden, Dozierenden und Studierenden, die daraus das Beste machen.“

ETH-Woche Welternährung
Einmal jährlich im Herbst findet an der ETH Zürich die ETH-Woche statt, während der Studierende in kleinen interdisziplinären Gruppen in Bezug auf ein Schwerpunktthema diskutieren, arbeiten, reflektieren. Im Fokus sind jeweils globale Herausforderungen wie 2015 die Welternährung - in diesem Jahr steht Wasser im Fokus.
© ETH Zürich / Allessandro Della Bella

Dabei hat die ETH Zürich ein cleveres Netz gesponnen, um das Thema zu priorisieren. Schon 2008 wurde die Stabsstelle für Nachhaltigkeit „ETH Sustainability“ gegründet und direkt dem Präsidenten unterstellt. Die Stabsstelle vernetzt seitdem Akteure und setzt auch eigene Projekte um. Somit ist Nachhaltige Entwicklung nicht nur formal in Lehre, Forschung und Betrieb integriert, sondern auch bereichsübergreifend verankert – und es ist Chefsache. Das Prinzip scheint bestens zu funktionieren. Ein Beispiel: Über das Programm Seed Sustainability können Unternehmen mit Nachhaltigkeitsfragen an die ETH herantreten. So haben Studierende schon für Unternehmen wie Rivella, ABB oder Coop Studien zur Verbesserung des Ressourceneinsatzes erarbeitet.

Vernetzung bringt Dynamik

Dabei unterscheiden sich die Herangehensweisen der Institutionen an das Thema stark. Die Universität Lausanne hat dafür mitunter einen Prorektor, die Universität Bern hat ein interdisziplinäres Zentrum für Nachhaltige Entwicklung geschaffen. „Diese Diversität ist positiv, denn so kann jede Institution den für sie besten Weg finden“, sagt Gabriela Wülser. Sie ist bei den Akademien der Wissenschaften Schweiz für ein Programm zuständig, das nachhaltige Entwicklung in der höheren Bildung besser verankern soll. Im Auftrag der Schweizerischen Universitätskonferenz wurde das „Sustainable Development at Universities Programme“ – kurz: sd-universities Programm – lanciert.

Die Entwicklung in einem partizipativen Prozess hatte zwei Jahre in Anspruch genommen. „Aber der Aufwand hat sich gelohnt, wir haben dem Thema Schwung verliehen“, sagt Wülser. Mit insgesamt 4 Millionen Franken wurden über 50 Projekte in Lehre, Forschung sowie studentische Initiativen unterstützt. Unter anderem kamen zukunftsweisende Projekte für die Lehre von den Universitäten Neuenburg und Basel: Dort erarbeitet man Konzepte für eine integrative Agrarökologie sowie zur Verbindung von Ethik, Gesundheit und nachhaltiger Entwicklung. Ein Universitäten übergreifendes Konsortium entwickelt eine Plattform, die einen Überblick über die Schweizer Forschung in Sachen Nachhaltigkeit bieten soll.

Im Bereich der Studierendenprojekte soll nächstes Jahr ein vierjähriges Folgeprogramm mit 1,5 Millionen Franken starten. Dabei richtet man sich an eine grössere Zielgruppe: an Universitäten, ETHs, Fachhochschulen, Pädagogische Hochschulen und weitere Institutionen. Das entspricht dem Geist des neuen Hochschulförderungs- und Koordinationsgesetzes HFKG, das seit Anfang 2015 in Kraft ist und für alle Schweizer Hochschulinstitutionen einen gesetzlichen Rahmen schafft. Zudem will es nachhaltige Entwicklung zum Pflichtprogramm machen. Wer eine Akkreditierung will, muss seine Aufgaben im Einklang mit Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung erfüllen.

Nachhaltigkeitswoche
Die fünf Zürcher Hochschulen ETH, UZH, ZHdK, ZHAW und PHZH haben 2016 zum vierten Mal eine Nachhaltigkeitswoche organisiert - zusammen mit über 50 Studierenden.
Urban Gardening Aktion im Rahmen der Nachhaltigkeitswoche 2016 (unter anderem vor dem ETH-Hauptgebäude)
© Nachhaltigkeitswoche

Konkrete Kompetenzen sind gefragt

Ein Meilenstein? Dem Bildungsexperten Ueli Bernhard ist das Vorhaben nicht konkret genug. „Wir haben mit dieser Akkreditierungspraxis noch keine Erfahrungen, doch ich habe wenig Wirkungshoffnung“, sagt er. Bernhard ist Geschäftsleiter der Bildungskoalition NGO, zu der sich über 30 nationale Organisationen wie Jugend- und Umweltverbände zusammengetan haben, um für eine sogenannte enkeltaugliche Bildung zu kämpfen. Seiner Meinung nach brauche es mehr Förderinstrumente. sd-universities verfolge einen guten Ansatz, aber die aktuelle Kürzung ziehe dem Programm die Zähne. Er sieht den Kanton Bern als beispielhaft an: Die Erziehungsdirektion hat nachhaltige Entwicklung in den Leistungsauftrag integriert und nun müssen alle an einem Strang ziehen – ob Gymnasium, Fachhochschule oder Universität. Bernhard vermisst schweizweit vor allem die Definition konkreter Kompetenzen. Er fragt: „Welches Wissen in Bezug auf nachhaltige Entwicklung und Ressourcenschonung braucht ein Anlageberater, ein Verwaltungsratsmitglied oder eine Migros-Filialleiterin?“ Erst, wenn solche Fragen beantwortet seien, könne man Menschen auf die künftige Arbeitswelt vorbereiten.

Die berufliche Grundbildung ist laut Bernhard bereits entscheidend vorangekommen: Kontinuierlich werden Kompetenzen für den Schutz und die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen und die effiziente wie nachhaltige Energienutzung in Bildungsverordnungen und –pläne integriert. Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) berät bei der Umsetzung – immer dann, wenn Überprüfungen, Revisionen oder Neuentwicklungen anstehen. Bereits 2013 wurde für alle Berufe jeweils ein individuelles Informationsblatt Cleantech erstellt – es soll helfen, Cleantech-Verbesserungspotenziale auszuschöpfen.

Frankenschock bremst Nachfrage

Im Kaderbereich liegt grosse Hoffnung auf Weiterbildungen im Berufsleben. Angeboten werden zum Beispiel spezifische Weiterbildungszertifikate (CAS). Für den CAS Manager in Nachhaltiger Unternehmensführung ist an der Fachhochschule Westschweiz Gerhard Schneider zuständig. Der Professor für Nachhaltige Entwicklung sagt: „Wir wollen, dass durch die praktischen Projekte der Teilnehmenden direkt etwas an die Unternehmen zurückfliesst und dass sich die Teilnehmenden umfassend mit Wirtschaftsfragen befassen, also auch mit der gesellschaftlichen Verantwortung und Umweltverantwortung der Unternehmen, die neue Geschäftsfelder eröffnen können.“ Doch das Interesse an umfangreichen Weiterbildungen ist stark gesunken. Der Grund: Unternehmen sind seit dem Frankenschock im Krisenmodus und sparen bei der Weiterbildung. Spezifische Kurse zu Umweltrecht und Energiethemen bilden eine Ausnahme. 

Ähnlich ergeht es Peter Lehmann. Er ist Geschäftsführer von sanu future learning ag in Biel, einem nationalen Bildungs- und Beratungsunternehmen für nachhaltige Entwicklung. Auch er nimmt tendenziell eine schwindende Bereitschaft wahr, sich breit in Ressourcenthemen weiterzubilden. „Das Thema Nachhaltigkeit ist zwar in der Wirtschaft gegenüber früher ein stärker etabliertes Thema, doch die Kaderausbildung spiegelt das noch kaum wider“, sagt er. Bei sanu versucht man, das Thema Nachhaltigkeit nicht als separates Feld zu transportieren, sondern als Kern des guten Managements zu etablieren. Und dieser Ansatz sollte laut Lehmann Schule machen: „Nachhaltige Entwicklung muss Thema in der Grundausbildung von künftigen Juristen, Volkswirtschaftlern und anderen Entscheidungsträgern werden – es gibt keine Alternative zur nachhaltigen Entwicklung.“

Sanu Flottenmanagement
Sanu bietet jährlich 120 Bildungs- und Beratungsprojekte in drei Sprachen an. Praxisseminar: Nachhaltiges Flottenmanagement.
© sanu

20 Millionen Franken für Forschung zu nachhaltiger Wirtschaft

Der Bundesrat hat Ende März das Nationale Forschungsprogramm zum Thema „Nachhaltige Wirtschaft: ressourcenschonend, zukunftsfähig, innovativ“ (NFP 73) lanciert. Unter der Leitung des Schweizerischen Nationalfonds SNF sollen Lösungen für besseren Ressourceneinsatz, grössere Ressourcensicherheit und letztlich eine grössere Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz erarbeitet werden. Für das fünfjährige Programm wurde ein Budget von 20 Millionen Franken bereitgestellt. Die Ausschreibung soll im Juni 2016 beginnen – dann haben die Forschenden drei Monate Zeit, ihre Skizzen einzureichen. Im Sommer 2017 werden die Projekte ausgewählt.

Link: www.snf.ch

Bildungsführer sanu

Bildungsführer Umwelt und Nachhaltige Entwicklung

Die sanu future learning ag gibt regelmässig einen Bildungsführer heraus, der einen Überblick über Bildungsangebote im Umwelt- und Nachhaltigkeitsbereich schafft. Die aktuelle Neuauflage ist Mitte Februar auf deutsch und französisch erschienen und bildet 200 Bildungsangebote in der Schweiz und im grenznahen Ausland ab. Er berücksichtigt ganz unterschiedliche Vorbildungen und Abschlüsse. Mitunter zeigt er auch viele neue Lehrangebote in den Bereichen Raumentwicklung, Tourismus, Energie oder nachhaltiges Bauen.

Link: www.sanu.ch

Kommentare

22.04.2016
Kommentar von Benoît Frund, Lausanne

L'université de Lausanne n'a pas "parfois" (de doit être une mauvaise traduction) nommé un "pro-recteur"! L'UNIL a nommé un vice-recteur en charge de la politique de durabilité. Mais elle a également lancé un master spécialisé, elle dispose d'un institut de durabilité, elle mène de nombreux projets en la matière (www.unil.ch/durable), dont une plateforme de recherche-action sur les aspects sociaux de la transitions énergétique (www.volteface.ch). Nous serions heureux que vous citiez ces éléments également. Cordialement.

22.04.2016
Anmerkung der Redaktion

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Letzte Änderung 22.04.2016

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