Schritt für Schritt in eine nachhaltige Welt

Katrin Muff
Katrin Muff, Business School Lausanne
© www.bsl-lausanne.ch

Die Welt ist von Nachhaltigkeit noch ziemlich weit entfernt. Mit GAPFRAME steht nun ein Instrument zur Verfügung, das diesen Abstand messen kann, für jedes Land und auch für Unternehmen Handlungsfelder aufzeigt. Die Methode aus Lausanne orientiert sich an den 17 Zielen der UNO zur nachhaltigen Entwicklung (SDGs).

Von Anna Birkenmeier, 30.06.2017

Die Schweiz wird international als eines der erfolgreichsten und  nachhaltigsten Länder der Welt wahrgenommen. Zahlreiche Studien und Rankings bestätigen diese Wahrnehmung. Dazu tragen insbesondere die hohe Lebensqualität, die demokratischen Mitbestimmungsmöglichkeiten sowie die wirtschaftliche Offenheit bei. Doch auch hierzulande gibt es in  vielen Bereichen Verbesserungspotential, und nicht überall spielt die  Schweiz in der oberen Liga mit. Das gilt gerade auch für gewisse Themen  der Nachhaltigkeit, wie GAPFRAME zeigt.

Den Weg zu einer sicheren Nachhaltigkeit messen

Das GAPFRAME wurde von der Business School Lausanne in enger Zusammenarbeit mit Experten aus der Forschung, Entwicklung und Wirtschaft in einem zwölfmonatigen Forschungsprozess entwickelt. Seit April 2017 ist das Instrument auch im Internet unter www.gapframe.org präsent. Ziel der Methode ist es, die Differenz von einzelnen Ländern und Regionen zum nachhaltigen Zustand zu messen und somit Wirtschafts- und Regierungsakteuren Prioritäten für ihren Handlungsspielraum aufzuzeigen. Dieser Zustand wird als „safe space“ definiert, der nötig ist damit „alle Menschen gut innerhalb der Grenzen unseres Planeten leben können“ (siehe Abbildung 1). Das GAPFRAME baut auf den Zielen der UNO zur nachhaltigen Entwicklung (SDGs) auf, konkretisiert sie in Form von 24 Themen und 68 Indikatoren und unterlegt diese mit öffentlich verfügbaren Daten zu 197 Ländern. Darüber hinaus – und das ist das Besondere am GAPFRAME – weist es für alle 24 Themen Ist-Werte und Soll-Werte aus, woraus sich jeweils entsprechende Lücken (Gaps) ergeben. Anhand dieser Gaps lassen sich Prioritäten für staatliches und unternehmerisches Handeln bestimmen, die auf einer nationalen Gap-Analyse beruhen.  

Abbildung 1 Gapframe
Abbildung 1: Die Übersetzung der SDGs in nationale Prioritäten für einen „safe space“
© www.gapframe.org

Für die Schweiz bietet das GAPFRAME so erstmals themenübergreifende Klärung, indem Prioritäten in den Bereichen Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft und Gouvernanz vergleichend erstellt werden. „Die Schweiz liegt im GAPFRAME-Gesamtranking auf dem 16. Platz und hat noch einiges zu leisten, um seinen Beitrag zu leisten und in den sicheren Bereich der Nachhaltigkeit zu gelangen“, sagt Katrin Muff, die Mitinitiantin der Studie von der Business School Lausanne. Dabei schneide die Schweiz vor allem im Bereich Umwelt schlecht ab. „Der CO2-Ausstoss ist viel zu hoch im Vergleich zu dem was uns global zur Verfügung steht, die Biodiversität gefährlich tief, und im Bereich Energie gibt es auch noch viel Arbeit“, erläutert Muff. „ Wichtige weitere Themen sind unser Konsumverhalten und die noch immer mangelnde Gleichberechtigung. “ Im grünen Bereich sind unsere Lebensbedingungen, unsere Wasserressourcen, sowie auch, wie Schweizer Firmen mit Ressourcen umgehen. (siehe Abbildung 2).

Abbildung 2 Gapframe
Abbildung 2: die wichtigsten Nachhaltigkeitsthemen für die Schweiz
© www.gapframe.org

Unterstützung für Unternehmen

Mit dieser gemischten  Bilanz steht die Schweiz nicht allein da. „Jedes einzelne Land hat  zahlreiche Herausforderungen, je nach Entwicklungsstand und lokalen  Bedingungen. Der Abstand zwischen ihrem Ist-Zustand und einem  nachhaltigen Zustand ist oft enorm“, sagt Katrin Muff. Die Sustainable  Development Goals umfassen 17 politische Zielsetzungen, welche eine  nachhaltige Entwicklung auf wirtschaftlicher, sozialer sowie  ökologischer Ebene für die Zeit bis 2030 sicherstellen wollen. Eine  entscheidende Rolle bei der Erreichung dieser Ziele spielt dabei die  Wirtschaft. Die Unternehmen müssen dazu unter anderem die Relevanz der  einzelnen SDGs für das eigene Geschäft herausschälen, eigene Prioritäten bezüglich der Nachhaltigkeitsthemen setzen und zielführende Visionen  für das eigene Geschäft entwickeln. „Untersuchungen zeigen auf, dass  sich Unternehmen der Bedeutung der SDGs durchaus bewusst sind, ihnen  aber gleichzeitig das passende Instrumentarium fehlt, diese wirksam  anzugehen und in ihre Realität zu übersetzen“, sagt Muff.

Weltumspannendes Forschungsprojekt mit Heimat in der Schweiz

Immer mehr Wirtschaftshochschulen auf der ganzen Welt sehen sich in der Verantwortung, diese Lücke in der Praxis durch innovative Lösungen in Forschung und Lehre aktiv zu schliessen. In der Schweiz sind es vor allem die Business School Lausanne und die Universität St.Gallen, welche sich diesem Thema annehmen. Sie sind Teil eines weltumspannenden Forschungsprojektes, das die Entwicklung des GAPFRAME-Ansatzes unterstützt hat. „Der GAPFRAME-Ansatz bietet einen Rahmen, der als strategisches Instrument zur Soll-Ist-Analyse dienen kann“, erklärt Katrin Muff. Dabei wird die Nachhaltigkeit in vier Dimensionen gemessen: Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft und Governance. 68 Indikatoren werden auf einer Skala von 0 bis 10 bewertet. Als Zielwert wird der sicherer Bereich auf der Skala von 7,5 bis 8,8 bezeichnet, gemäss der Zenweisheit, dass 80 Prozent genug sind. Idealwerte darüberhinaus sind zwar schön, aber nicht absolut notwendig, solange es noch Problemwerte im kritischen Bereich (zwischen 5,1 und 6,6) oder unter Beobachtung (6,7 bis 7,4) oder gar in der Gefahrenzone (0 bis 5) gibt. Naturgemäss handelt es sich hiermit um einen kühnen Wurf, der weiterer Diskussionen und Revisionen bedarf.

Die Soll-Werte wurden nach bestem Wissen und Gewissen definiert und einer Expertenbeurteilung unterworfen. Für das Rating wurde eine anspruchsvolle Methodik verwendet (starke Nachhaltigkeit), im Gegensatz zu der normalerweise verwendeten Durchschnittswert-Methode (schwache Nachhaltigkeit). Das Land mit der besten GAPFRAME-Bewertung ist somit das Land mit den wenig grössten Problemen, und kein Land ist im grünen Bereich. Nord- und westeuropäische Länder dominieren die ersten zehn Plätze mit Norwegen, Österreich, Luxemburg und Finland auf Platz 1 bis 4, gefolgt von zentralamerikanischen Ländern Costa Rica (Platz 5) und Panama (Platz 9). Die Schweiz schuldet ihren 16. Platz ihrem tiefen Wert im Bereich Umwelt (Platz 69 auf der Weltrangliste), ist sie doch in allen anderen Bereichen vorne dabei: im Bereich Wirtschaft auf Platz 2 hinter Schweden und in Governance auf Platz 7, und im Bereich Gesellschaft auf Platz 12. Die Agenda für die Schweiz ist somit klar.

Business School Lausanne
Business School Lausanne
© www.topmba.com

Orientierungshilfe für Unternehmen

Das GAPFRAME stellt eine Orientierungshilfe für Unternehmen und andere Stakeholder dar, um gezielt und messbar auf eine nachhaltige Welt hinzuarbeiten. Im Gegensatz zu anderen Nachhaltigkeitsansätzen vergleicht das GAPFRAME nicht nur einzelne Länder untereinander sondern misst diesen an einem allgemeingültigen Idealwert. So wird zunächst die aktuelle Situation eines einzelnen Landes am festgelegten idealen Zustand gemessen womit die Dimension und die Themen, in denen ein Land die grössten Lücken zeigt, unterstrichen werden. Durch diesen neuartigen Ansatz zeigt das GAPFRAME die konkreten Handlungsfelder für jedes einzelne Land oder jede Region auf.

Von den Problemen ausgehen

Zur Lösung der aufgezeigten Schwachpunkte braucht es laut Katrin Muff einen Perspektivenwechsel. Dies gilt vor allem für die Wirtschaft, die als zentraler Hoffnungsträger zur Lösung der SDGs gilt. So haben Unternehmen Nachhaltigkeitsanstrengungen bisher oft aus einer firmenzentrischen Sichtweise initiiert, bei der es darum ging, die Risiken und Chancen von Umweltproblemen abzuschätzen – die sogenannte Inside-Out-Perspektive. Um das Potenzial des GAPFRAMEs vollständig zu nutzen und den Abstand zwischen dem Ist-Zustand und dem angestrebten sicheren Bereich der Nachhaltigkeit zu überbrücken, schlägt Katrin Muff Firmen den Übergang zu einer „Outside-In“-Perspektive vor. Dabei handelt es sich um eine themenorientierte Sicht. In der Strategiedefinition gehen Unternehmen dabei von den vordringlichen Fragen der Nachhaltigkeit aus. Sie setzen ihre Ressourcen, Kompetenzen und Innovationskraft gezielt dafür ein, um einen Beitrag zur Lösung dieser Probleme zu leisten.

Das GAPFRAME zeigt die drängendsten Fragen auf

Dieser Perspektivenwechsel kommt Unternehmen insofern zugute, als die SDGs zu langfristigen neuen Geschäftsaktivitäten mit neuen Märkten werden, sagt Katrin Muff. „Im Gegensatz zur Inside-out-Perspektive, welche dazu beitragen, kann, das Geschäft kurzfristig zu sichern, eröffnet die Outside-In-Sicht die Möglichkeit, ganz neue und langfristige Geschäftsmöglichkeiten zu erschliessen“, betont sie. Der Gap-Frame-Ansatz bietet insofern einen Ausgangspunkt für eine Outside-in-Perspektive, als er die drängendsten Fragen in einem Land oder einer Region in den Bereichen Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft und Gouvernanz hervorhebt. Er bietet damit eine ideale Plattform für die gemeinsame Diskussion zwischen Unternehmen und anderen Anspruchsgruppen, wie diese Fragen in langfristige Geschäftsmöglichkeiten transferiert werden können.

SDGs deutsch

Die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs)

  1. Armut beenden – Armut in all ihren Formen und überall beenden
  2. Ernährung sichern – den Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern
  3. Gesundes Leben für alle – ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern
  4. Bildung für alle – inklusive, gerechte und hochwertige Bildung gewährleisten und Möglichkeiten des lebenslangen Lernens für alle fördern
  5. Gleichstellung der Geschlechter – Geschlechtergleichstellung erreichen und alle Frauen und Mädchen zur Selbstbestimmung befähigen
  6. Wasser und Sanitärversorgung für alle – Verfügbarkeit und nachhaltige Bewirtschaftung von Wasser und Sanitärversorgung für alle gewährleisten
  7. Nachhaltige und moderne Energie für alle – Zugang zu bezahlbarer, verlässlicher, nachhaltiger und zeitgemäßer Energie für alle sichern
  8. Nachhaltiges Wirtschaftswachstum und menschenwürdige Arbeit für alle – dauerhaftes, breitenwirksames und nachhaltiges Wirtschaftswachstum, produktive Vollbeschäftigung und menschenwürdige Arbeit für alle fördern
  9. Widerstandsfähige Infrastruktur und nachhaltige Industrialisierung – eine widerstandsfähige Infrastruktur aufbauen, breitenwirksame und nachhaltige Industrialisierung fördern und Innovationen unterstützen
  10. Ungleichheit verringern – Ungleichheit in und zwischen Ländern verringern
  11. Nachhaltige Städte und Siedlungen – Städte und Siedlungen inklusiv, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig gestalten
  12. Nachhaltige Konsum- und Produktionsweisen – nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster sicherstellen
  13. Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen – umgehend Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen ergreifen
  14. Ozeane erhalten – Ozeane, Meere und Meeresressourcen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung erhalten und nachhaltig nutzen
  15. Landökosysteme schützen – Landökosysteme schützen, wiederherstellen und ihre nachhaltige Nutzung fördern, Wälder nachhaltig bewirtschaften, Wüstenbildung bekämpfen, Bodendegradation beenden und umkehren und dem Verlust der biologischen Vielfalt ein Ende setzen
  16. Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen. Friedliche und inklusive Gesellschaften für eine nachhaltige Entwicklung fördern, allen Menschen Zugang zur Justiz ermöglichen und leistungsfähige, rechenschaftspflichtige und inklusive Institutionen auf allen Ebenen aufbauen
  17. Umsetzungsmittel und globale Partnerschaft stärken – Umsetzungsmittel stärken und die globale Partnerschaft für nachhaltige Entwicklung mit neuem Leben füllen

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Letzte Änderung 30.06.2017

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