Öffentlicher und privater Verkehr müssen zusammenwachsen

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Nirgendwo steht dem umweltverträglichen Verhalten die Bequemlichkeit so sehr im Weg wie bei der Mobilität. Doch Sharing-Konzepte versprechen Komfort und mehr Nachhaltigkeit. Einen Unterschied machen sie dann, wenn es clevere Schnittstellen zum Öffentlichen Verkehr gibt.

Von Yvonne von Hunnius, 24.2.2016

Zusammengerechnet verbrachten Schweizerinnen und Schweizer allein im Jahr 2014 mehr als zwei Jahre auf Nationalstrassen im Stau. Doch der Verkehr kostet nicht nur Nerven: Die Umweltbelastungen sind enorm. Er verbraucht mehr Energie als alle Haushalte oder die Industrie und deckt seinen Energiebedarf zu über 95 Prozent mit Erdölprodukten. Die Folge: Mit einem Anteil von etwa 40 Prozent stösst in der Schweiz kein anderer Sektor mehr Treibhausgase aus. Aber mit alternativen Modellen soll die Mobilität umweltverträglicher werden.

Digitalisierung als Treiber des Wandels

„Wenn ein Land in Europa die Verkehrswende schafft, dann die Schweiz“, sagt Jörg Beckmann. Er ist Direktor der Mobilitätsakademie, einer vom Touring Club Schweiz (TCS) gegründeten Denkfabrik für Mobilität. Beckmann ist optimistisch, weil die Schweiz umweltbewusst und wohlhabend sei und auf vorbildlich ausgebauten Kollektiv- und Individualverkehr bauen könne. „Dennoch wird das eine grosse Herausforderung, denn wir stehen vor einer gewaltigen Transformation“, so Beckmann. Einer der wichtigen Pfade dabei laute Deprivatisierung, was so viel heisst wie geteilte Autonutzung statt Autobesitz. Ja, das individuelle Privatauto als Rückgrat der Mobilität verliert an Bedeutung und die Digitalisierung gibt dem Trend starken Schub. „Das passt in die Wertewelt einer jungen urbanen Generation“, so Beckmann. Die „Digital Natives“ denken in Flat-Rate-Dimensionen: Hier braucht es kein „Meins“, wenn „Deins“ gegen eine Nutzungsgebühr nur einen Klick in der App entfernt ist.

Sharing-Modelle können Umwelt entlasten

Die Achillesferse dabei ist, dass diese Modelle in erster Linie mehr Effizienz versprechen und die Umwelt dabei nicht das Nachsehen haben darf. Diese Gefahr führt der Rebound-Effekt vor Augen, denn: Ist etwas effizienter, wird es häufiger genutzt. Belastet auch der Erfolg der Schweizer Sharing-Pioniere von Mobility die Umwelt mehr, als er sie entlastet? Jeder 60. Schweizer ist mittlerweile Mobility-Kunde – ein internationaler Rekordwert. Das Unternehmen stellt an 1400 Standorten über 120‘000 Kunden 2‘700 Autos zur Verfügung. Eine Studie hat jedoch für das Jahr 2014 gezeigt, dass alle Nutzer zusammen 8,8 Millionen Liter Benzin und 20‘500 Tonnen CO2 gespart haben. Was genau Einfluss auf dieses Ergebnis hatte, erklärt Mitautor Daniel Matti im gesonderten Interview. Momentan betreibt Mobility in Basel ein Pilotprojekt mit 120 Sharing-Autos unabhängig von festen Stationen. Mobility-Pressesprecher Patrick Eigenmann sagt: „Wir analysieren gerade die Umwelteffekte. Klar ist: Je mehr Leute es gibt, die diese Autos nutzen, desto besser. Denn viele Carsharer verzichten auf ein Privatauto.“

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Die Auslastung des privaten Fuhrparks hat ein anderes Sharing-Modell im Blick. Beispielsweise über die Plattform Sharoo vermieten Privatpersonen ihr Auto, wenn sie es nicht brauchen. Sharoo-CEO Carmen Spielmann sagt: „Autos stehen 23 von 24 Stunden am Tag ungenutzt herum. Auf der anderen Seite haben 45 Prozent der urbanen Schweizer Haushalte kein eigenes Auto mehr.“ Seit Mai 2014 wurden 850 Autos und 23‘000 Nutzer gewonnen. Laut Spielmann sind auch schon annähernd hundert Elektroautos darunter – auch mehrere E-Limousinen von Tesla sind buchbar.

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Städte im Brennpunkt der Mobilität

Die Schweizer entdecken ihre Lust am Teilen. Eine aktuelle Deloitte-Studie sagt der sogenannten Sharing-Economy eine rosige Zukunft voraus: 55 Prozent der befragten Schweizer gaben an, in naher Zukunft entsprechende Plattformen zu nutzen – zehn Prozent mehr als in den USA. Das spüren Start-ups im Mobilitätsbereich wie ParkU. Über dieses Portal können Privatparkplätze angemietet werden – mittlerweile sind 2400 in der Schweiz im Angebot und die Anzahl der Registrierungen wächst jährlich um 30 Prozent. Auch dieser Dienst könnte die Umwelt entlasten, glaubt man Studien, die 30 Prozent des städtischen Verkehrs auf die Parkplatzsuche zurückführen. Letztlich ist aber denkbar, dass diese Stressersparnis das Auto in der Stadt wieder attraktiver macht. Auch ist vielerorts die Untervermietung der für den Eigenbedarf gedachten Parklätze noch ein rechtlicher Graubereich.

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Die Entwicklung und mögliche Rebound-Effekte solcher Angebote haben Städte wie Zürich aufmerksam im Blick. Sie wollen das Autoaufkommen verringern und achten auf den Modalsplit, wie die Aufteilung zwischen motorisiertem Individualverkehr (MIV), ÖV und Langsamverkehr genannt wird. Allein Zürichs ÖV wird 2020 wohl 30 Prozent mehr Menschen als heute transportieren müssen. Eine Mammut-Aufgabe, bei der Sharing-Angebote den ÖV gerade zu Randzeiten ergänzen können. Mehr noch, sagt der Kommunikationsleiter des Zürcher Tiefbauamtes Stefan Hackh: „Es ist belegt, dass Mobility Carsharing die MIV-Fahrleistung hemmt und die ÖV-Fahrleistung fördert.“ Daneben setzt Zürich stark auf Velos: Das öffentliche Veloverleihsystem soll von heute 300 auf künftig 1500 Velos ausgebaut werden.

SBB will noch stärker vernetzen

Am Beispiel Zürich wird klar, wie entscheidend die Vernetzung der Angebote ist. Schweizer Dreh- und Angelpunkt dabei: die SBB. Schon heute kooperieren die SBB mit Mobility, damit am Bahnhof für die Weiterfahrt Sharing-Autos bereit stehen, das PubliBike-System bietet über tausend Velos. Doch das Potenzial ist noch nicht ausgereizt, heisst es von SBB-Mediensprecherin Michelle Rothen. Sie sagt: „Es braucht ein neues Denken, das die Mobilität als dynamisches und vernetztes Gesamtsystem begreift. Im zukünftigen Mobilitätssystem sind weitere Kooperationen unumgänglich.“

© PubliBike

Genauso unverzichtbar scheint eine Plattform, auf der Kunden Informationen über Schnittstellen erhalten und vielleicht gleich Anschlussdienste buchen können. In Deutschland will dies die App der Daimler-Tochter Moovel leisten. In der Schweiz entwickelt die SBB gerade einen Tür-zu-Tür-Reiseplaner, der ÖV und Sharing-Angebote kombiniert. In der zweiten Hälfte 2016 soll der Prototyp in den Markttest gehen. Integriert ist dann auch ein Umweltrechner. Bei der SBB-Fahrplanauskunft berechnet er schon jetzt im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln CO2-Ausstoss, Energieverbrauch und Reisezeit.

Auto 2.0 made in Winterthur

Forscher von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) sind überzeugt: Das Velo ist das effizienteste Verkehrsmittel. Um seine Nachteile etwa in Punkto Komfort zu kompensieren, haben sie das Velo mit Vorteilen eines Elektroautos kombiniert und mit dem Bicar eine neue Mobilitätslösung geschaffen. Das Bicar wiegt nur 70 Kilogramm und ist damit um ein Vielfaches effizienter als ein reguläres Auto. Der Plan ist, Sharing-Bicars mit dem ÖV zu kombinieren und beispielsweise an Bahnhöfen zur Verfügung zu stellen. Der Leiter des ZHAW-Studiengangs Verkehrssysteme Thomas Sauter-Servaes sagt: „Mit dem Bicar entsprechen wir dem Sharing-Trend, senken Energieverbrauch und Emissionen, steigern die Flächeneffizienz und bieten sichere Fahrfreude auf Kurzstrecken.“ 50 Prozent der städtischen Autofahrten beziehen sich laut Sauter-Servaes auf Distanzen bis zu fünf Kilometer – mit dem Bicar könnte das Auto stehen bleiben. Zudem seien auf Randstrecken ÖV-Angebote kaum ausgelastet – durch cleveres Schnittstellenmanagement könnte Bicar den ÖV stärken. Die Stadt Winterthur konnte als Partner für einen Feldversuch mit 20 Bicars gewonnen werden. Doch noch braucht es kapitalkräftige Partner, um das Projekt zur Marktreife zu bringen.

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Letzte Änderung 11.03.2016

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