Nachhaltigkeit ist Chefsache geworden

Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz sind für viele Unternehmen zu Treibern der Innovation geworden. Daraus entstehen neue Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle, wie das Swiss Green Economy Symposium gezeigt hat. Das unausgeschöpfte Potential ist noch immer gross.

Von Steffen Klatt,  5.12.2016

Das Volk hat sich im September deutlich gegen bindende Vorgaben zur Ressourceneffizienz ausgesprochen. Doch der effiziente Umgang mit Ressourcen wie auch Nachhaltigkeit generell ist längst zu einem zentralen Thema in den Unternehmen geworden. „Nachhaltigkeit ist Chefsache“, sagte Coop-Verwaltungsratspräsident Hansueli Loosli am Swiss Green Economy Symposium in Winterthur. Der Einzelhandelsriese habe mit Absicht keine eigene Nachhaltigkeitsstrategie, sondern setze sie überall um – und das seit langem. So habe Coop schon seit den 90er Jahren mit dem Label Naturaplan den Biolandbau aus der Nische geholt. Heute machten nachhaltige Produkte bereits ein Fünftel des jährlichen Umsatzes aus, rund 3 Milliarden Franken. Schon 2008 habe Coop beschlossen, bis 2023 CO2-neutral zu werden. Eines der bislang letzten Puzzleteile dafür: ein Wasserstofflastwagen, dessen Treibstoff Wasserstoff mit sauberer Wasserkraft hergestellt wird. Loosli sieht sein Unternehmen auf guten Weg. „Nachhaltigkeit ist tief in der Coop-Unternehmenskultur verankert.“

Treiber der Innovation

Bei Coop gehören die Konsumentenbedürfnisse zu den Treibern der Nachhaltigkeit. Bei der Chemieindustrie sind es auch die eigenen Erfahrungen. Hariolf Kottmann spricht die Chemieunglücke der vergangenen Jahrzehnte an: „Wir setzen auf Nachhaltigkeit auch, aber nicht nur, wegen schlechter Erfahrungen wie Bhopal, Seveso und Schweizerhalle“, sagte der CEO des Spezialitätenchemieunternehmens Clariant. Längst aber gehe es nicht mehr nur um die Vermeidung von Katastrophen, sondern um die Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft. „Nachhaltigkeit ist für uns ein entscheidender Treiber der Innovation.“ Chemie werde etwa gebraucht, um alternative Konzepte in der Mobilität umzusetzen oder um nachwachsende Rohstoffe zu gewinnen. „Nachhaltigkeit ist für Clariant nicht ‚nice to have‘, sondern Voraussetzung für den Erfolg von morgen.“

Matthias Bölke

Digitalisierung macht mehr Effizienz möglich

Wie niedrig die Früchte oft noch hängen, zeigte Matthias Bölke auf. „Die Welt muss dreimal effizienter werden beim Energieverbrauch“, sagte der Chef von Schneider Electric Schweiz und Präsident des Wirtschaftsverbandes swisscleantech. Und das Potential sei da: Im Gebäudepark sei noch 82 Prozent des Energiesparpotentials ungenutzt, in der Infrastruktur noch 79 Prozent, in der Industrie immerhin noch 58 Prozent. Mit vernetzten Produkten, einer Steuerung über Sensoren und der Analyse der Daten könnte ein grosser Teil des Potentials gehoben werden, so Bölke.

Ähnlich klingt es bei ABB. Der Elektrotechnik- und Automatisierungskonzern habe mit smarten Sensoren die Energieeffizienz von Energiemotoren um 10 Prozent erhöht und die Ausfallzeiten um 70 Prozent verringert, sagte Remo Lütolf, Chef von ABB Schweiz. Und allein die derzeitige Umrüstung der hundert SBB-Loks 20000 durch die ABB spare 27 Gigawattstunden Strom ein. Das sei so viel, wie eine Stadt der Grösse Oltens verbrauche.

Chance und Herausforderung zugleich

Dabei geht es nicht um Energieeffizienz allein, wie Béatrice Conde-Petit aufzeigte. In wenigen Jahrzehnten müssten 9 Milliarden Menschen auf der Welt ernährt werden, sagte die Verantwortliche für Lebensmittelsicherheit beim Uzwiler Mühlenbauer Bühler. Dennoch werde noch immer ein Drittel aller Lebensmittel verschwendet, in Entwicklungsländern vor allem auf dem Weg zum Konsumenten. Bühler hilft, diese Verschwendung zu reduzieren. So konnte das Unternehmen ein besonders wirksames Verfahren zur Trocknung und Lagerung von Reis entwickeln. Auch die verstärkte Nutzung von alternativen Nahrungs- und Futtermitteln sei eine Antwort auf den wachsenden Bedarf. So könnten Insekten statt Fischmehl als Hühnerfutter eingesetzt werden. Auch Hülsenfrüchte und Algen erlaubten es, mehr Proteine zu erzeugen. „Wir sehen die Zukunft als Chance und Herausforderung zugleich“, sagte Conde-Petit. „Unsere Antwort ist Innovation.“

Doch Innovation muss auch von den Konsumenten angenommen werden. Damit setzt sich Patrick Camele jeden Tag auseinander. Der Chef der SV Group ist Betreiber von rund 300 Mensen im Land. Jeden einzelnen Tag will sein Unternehmen seinen Gästen gutes Essen zu einem fairen Preis liefern. Dazu gehört inzwischen auch jeweils ein Angebot ohne Fleisch. Nur wenn es gut ist, greifen die Konsumenten auch zu.

Hansueli Loosli (mitte) und Béatrice Conde-Petit (rechts)

Gemeinsam nach Lösungen suchen

Innovation kann einzelne Unternehmen nachhaltiger machen. Kann sie auch helfen, die Ressourceneffizienz von Wirtschaft und Konsum insgesamt radikal zu verbessern? Dieser Frage sind während eines Jahres 21 Vertreter von Wirtschaft, Wissenschaft, Verbänden und Verwaltung nachgegangen. In Winterthur stellten sie ihr Ergebnis vor, das Denkmodell „Go for Impact“. Dieses geht davon aus, dass die Ressourceneffizienz dann wirkungsvoll erhöht werden kann, wenn alle Akteure zusammenarbeiten, wenn Innovationen auch konsequent umgesetzt werden und die Anstrengungen sich auf das Machbare fokussieren. „Mein Traum ist, dass die Schweiz zum ‚Valley der Nachhaltigkeit‘ wird“, sagte Paola Ghillani bei der Vorstellung von „Go for Impact“. „Wir haben in der Schweiz alle Voraussetzungen dafür“, so die Unternehmerin und Nachhaltigkeitsexpertin. Und IT-Unternehmer und Zürcher FDP-Ständerat Ruedi Noser: „Wir müssen uns fragen, wie wir Innovationen für unsere Ziele nutzbar machen.“ Er verwies auf die Klimapolitik. „Es ist, dass wir die Ziele des Pariser Abkommens nur mit innovativen technischen Lösungen umsetzen können.“ Der Politiker macht auch bei seinen eigenen Kollegen Handlungsbedarf aus: „Oft werden Innovationen zu Testzwecken zugelassen, danach aber nicht mehr.“

Die Initianten von „Go for Impact“ hoffen nun, dass die Wirtschaft und die Gesellschaft den Ball aufnehmen. „Denn eigentlich ist klar: Wir haben nur diesen einen Planeten“, sagte Karine Siegwart, Vizedirektorin des Bundesamtes für Umwelt, zum Abschluss des Swiss Green Economy Forums.

Karine Siegwart

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Letzte Änderung 01.12.2016

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