Marktmacht als Hebel des Wandels

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© Ikea

Der Einrichtungskonzern Ikea steht für Billigprodukte, aber auch für die Demokratisierung von Design. Was weniger bekannt ist: Ikea investiert Milliarden in seine Bemühungen, auch Nachhaltigkeit zu demokratisieren. Und das zahlt sich für die Schweden sogar aus.

Von Yvonne von Hunnius, 10.11.2015

Eine Tour durch die Ikea-Filiale in Spreitenbach ist für Lorenz Isler eine Tour des grünen Designs und der Industrie von morgen. „Für Ikea gibt es keine Alternative dazu, nachhaltig zu wirtschaften, wenn man in 50 Jahren noch Erfolg haben will“, sagt Isler, Nachhaltigkeitsmanager von Ikea Schweiz. 2012 hat Ikea als weltgrösster Einrichtungskonzern der Welt seine Nachhaltigkeitsstrategie „People & Planet Positive“ verabschiedet. Zu diesem Zeitpunkt wurden auch strengere Regeln des eigenen Verhaltenskodex IWAY für Lieferanten eingeführt – Ikea trennte sich daraufhin von einigen Partnern.

Gewaltige Hebel wirken
Allein in der Schweiz haben die neun Ikea-Einrichtungshäuser jährlich mit 13 Millionen Besuchern rechnerisch mehr Kunden als die Schweiz Einwohner. Weltweit schauen jährlich 716 Millionen Menschen bei Ikea vorbei. Diese Ausmasse ermöglichen beeindruckende Skaleneffekte. 2013 hat Ikea laut Eigenaussagen 12,3 Milliarden LED-Lampen verkauft, wodurch die Kunden rund 80 Millionen Euro (87 Millionen Franken) an Energiekosten im Vergleich zu regulären Lampen eingespart hätten. Und Ikea sei der erste Einzelhändler, der ausschliesslich LED-Lampen verkauft. „Über die Masse haben wir unseren Zulieferern Investitionssicherheit geben und den Preis der populärsten LED-Lampe inzwischen halbieren können“, sagt Lorenz Isler.

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Lorenz Isler, der Nachhaltigkeitsverantwortliche von Ikea Schweiz, beim Rundgang durch die Ikea-Filiale in Spreitenbach.
© Yvonne von Hunnius

Investitionen müssen lohnen
Eine Studie zum CO2-Abdruck von Ikea hat ergeben: Der grösste Anteil liegt bei der Rohstoffgewinnung und bei der Nutzung der Ikea-Produkte durch die Käuferinnen und Käufer. Hier will Ikea auch verstärkt ansetzen: mit Initiativen zum nachhaltigen Umgang mit Rohstoffen im Produktionsprozess und zur Sensibilisierung von Kunden. Letzteres wird durch die vielen Hinweistafeln auf Energieeffizienz besonders in der Lampenabteilung der Ikea-Filiale deutlich. Den erhobenen Zeigefinger zeigt Ikea jedoch auch sich selbst. Zwischen 2009 und 2015 hat der Konzern 1,5 Milliarden Euro in erneuerbare Energien investiert. In der Schweiz sind auf den Dächern aller Filialen Solaranlagen installiert. Die grösste Anlage mit 9500 Quadratmetern Fläche produziert in Rothenburg 1,2 Millionen Kilowatt, was 50 Prozent des Verbrauchs des Einrichtungshauses oder 400 Haushalten entspricht.

Intern wird geprüft, bei Investitionsentscheiden einen Preis für CO2 miteinzuberechnen. 2020 sollen alle Betriebe der Ikea Industry CO2-neutral werden, in den letzten drei Jahren wurde allein beim Warentransport der CO2-Ausstoss pro Kubikmeter um 13 Prozent gesenkt. „Und Ikea macht nichts ohne fundierte Kalkulation der Rendite“, sagt Isler. Es lohnt sich also.

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Die grösste Solar-Anlage von Ikea ist mit 9500 Quadratmetern Fläche in Rothenburg zu finden – sie produziert 1,2 Millionen Kilowatt, was 50 Prozent des Verbrauchs des Einrichtungshauses oder 400 Haushalten entspricht.
© Ikea

Fokus auf Labels
Ikea ist ein Grossverbraucher. Das Unternehmen nutzt 1 Prozent des weltweiten Holzes und 0,6 Prozent der weltweiten Baumwolle. Als Mitgründer des FSC-Labels für nachhaltige Forstwirtschaft hat Ikea sich zum Ziel gesetzt, bis 2017 die Hälfte aller Holzprodukte mit FSC-Label oder aus wiederaufbereitetem Holz anzubieten – bis 2020 sollen es 100 Prozent sein. Im Bereich Baumwolle hat Ikea gemeinsam mit der Umweltschutzorganisation WWF 2004 die Initiative „Better Cotton“ lanciert. Heute haben sich 190‘000 Bauern angeschlossen und produzieren Baumwolle so, dass dabei 50 Prozent weniger Wasser, Pestizide und 30 Prozent weniger Chemikalien zum Einsatz kommen. Die Kriterien gelten für die gesamte Ikea-Baumwollproduktion.

Produktdesign mit klaren Vorgaben
Auf der Tour durch die Spreitenbach-Filiale zeigt Lorenz Isler nun auf Sinnerlig – einen Esstisch mit einer Platte aus Kork.

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Bei den Ikea-Möbelstücken aus der Sinnerlig-Kollektion der Designerin Ilse Crawford wird der nachwachsende Rohstoff Kork als Holzalternative eingesetzt.
© Ikea

In der schwedischen Zentrale sei man permanent auf der Suche nach guten Alternativen für Holz, Baumwolle sowie Plastik und verbessere die Produkte, sagt er. So kommen Kork oder Lyocell als Baumwollalternative aus Zellstoff zum Einsatz. Und das Kassenschlager-Regal Billy sei über die Jahre um 30 Prozent leichter geworden. Dabei wirken bei einem Konzern wie Ikea standardisierte Prozesse. Über eine sogenannte Product Sustainability Score Card sammeln die Designer Punkte für nachhaltige Kriterien. Kommt ein Produkt über einen Schwellenwert, gilt es als besonders nachhaltig. Bisher fallen unter 50 Prozent in diese Kategorie, bis 2020 sind 90 Prozent das Ziel. Somit will Ikea denjenigen klare Gegenargumente bieten, die behaupten, Umweltbewusstsein sei nur etwas für Besserverdienende.

Über Ikea
Der in Schweden von Ingvar Kamprad gegründete Ikea-Konzern bietet in 315 Einrichtungshäusern in 27 Ländern der Welt rund 9500 Produkte an. Die Länderorganisationen sind über ein Franchise-System mit dem Mutterunternehmen eng verbunden. Heutiger Konzernchef ist Peter Agnefjäll. Ikea verzeichnete 2014 einen Umsatz von 28 Milliarden Euro, davon 1,46 Milliarden Euro im Bereich Lebensmittel. 147.000 Mitarbeiter arbeiten für den Konzern. Ikea betreibt die gesamte Wertschöpfungskette von Sortimentsstrategie und Produktentwicklung bis zu Produktion, Distribution und Einzelhandel. Rund 59 Prozent der eigenen Produktion findet in Europa statt.

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Letzte Änderung 12.11.2015

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