Landschaft als Pluspunkt für Ferien in der Schweiz

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Das Schweizer Tourismuskapital steckt in der Landschaft. Das Staatssekretariat für Wirtschaft SECO hat den Wert der Landschaft allein für den Tourismus auf rund 70 Milliarden Franken beziffert. Neue Ansätze sollen der Branche Impulse verleihen, wodurch die Wirtschaft profitiert sowie Natur und Landschaft mehr Wertschätzung erhalten.

Von Yvonne von Hunnius, 9.9.2015

Ein Tourismus, der die Natur und Kultur des Reiseortes respektiert, kann als naturnah bezeichnet werden. Feriengäste können die vielfältigen Landschaften und die gewünschte Ruhe geniessen, leisten gleichzeitig einen Beitrag zur Wertschöpfung in der Region und werden für die Umwelt sensibilisiert. Schaut man in die Schweiz, stehen die Zeichen gut, diesen Bereich weiter auszubauen. Laut Dominik Siegrist, Leiter des Instituts für Landschaft und Freiraum der Hochschule für Technik Rapperswil (HSR), ist die Schweiz gar eine Vorreiterin des naturnahen Tourismus. Im Tourismus des gesamten Alpenraums machen naturnahe Angebote 20 Prozent aus. „In der Schweiz liegen diese mit knapp 30 Prozent deutlich darüber“, sagt Siegrist. Die Schweizer Pärke bearbeiten das Thema intensiv und auch weitere Destinationen sind aktiv. Schweizer Jugendherbergen betreiben ein umfassendes Nachhaltigkeitsmanagement.

Mobilität als grosse Herausforderung

Wie naturnaher Tourismus idealerweise aussieht, schildert Katharina Conradin, Präsidentin der internationalen Alpenschutzkommission CIPRA: „Er umfasst eine An- und Abreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die Unterkunft in einem fair und ökologisch wirtschaftenden Betrieb, möglichst wenig inszenierte Aktivitäten wie auch eine Verpflegung mit regionalen Produkten.“ Dabei sollen Gäste gleichzeitig in die Ferienwelt eintauchen und so wenig wie möglich Spuren hinterlassen. Angesichts der Tatsachte, dass An- und Abreise den Löwenanteil der Umweltbelastung im Tourismus ausmacht, gilt: Wer seine Ferien im Heimatland verbringt, macht einen grossen Schritt in Richtung Nachhaltigkeit. Sind dann Fernreisen verboten? Nein, sagt die Reise-Expertin Christine Plüss vom Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung (AKTE) und Reiseportal fairunterwegs.org. Sie erklärt im gesonderten Interview, wie jeder umweltbewusst in weit entfernte Regionen gelangen kann.

© Andrea Badrutt, Chur

Doch auch in der Schweiz ist der Verkehr für 75 Prozent der Emissionen verantwortlich, die der Tourismus verursacht. Obwohl die Hälfte aller Feriengäste aus der Schweiz selbst kommen und der hiesige Öffentliche Verkehr (ÖV) als vorbildlich gilt. Das Dilemma zeigt sich an der aktuellen Schweiz-Tourismus-Kampagne „Grand Tour of Switzerland“. Erfolgreich präsentiert wurde eine Entdeckungstour durch das Land, die auch stark auf den Autoverkehr zugeschnitten war. Verständlich – 70 Prozent der Touristen reisen motorisiert in die Schweiz –, aber wenig umweltbewusst, so hiess es von Kritikern.

Weg von der Masse

Dafür soll ab 2017 die Kampagne „Schweiz pur“ dem sanften Tourismus einen Schub verleihen. Mit Fachexperten werden gemäss einem Kriterienkatalog erste Natur- und Kulturerlebnisse zusammengestellt. Explizit wird dem ÖV Vorrang gewährt. Eine Auswahl von Herbergen ist in Vorbereitung. Die Marketingleiterin von Schweiz Tourismus, Nicole Diermeier, sagt: „Wir wollen mitunter stärkeren Anreiz geben, Angebote nachhaltig auszurichten.“ Dabei soll der Gast immer etwas Unverwechselbares erleben. Mit dem Begriff der Nachhaltigkeit wird nur sparsam gearbeitet, weil man auch diejenigen erreichen will, die sich selbst nicht als grüne Touristen bezeichnen und dennoch natur- und kulturinteressiert sind.

© Andrea Badrutt, Chur

Genau diese Zielgruppen sind vielversprechend, weil ihnen die Frankenstärke vergleichsweise wenig ausmacht. Laut Marktumfragen schauen sie nicht auf jeden Rappen, besitzen einen höheren Bildungsabschluss und kommen häufig aus der Schweiz oder anderen europäischen Staaten. Schweiz Tourismus will im Generellen weg von der Masse und hin zum Multi-Nischen-Marketing. Laut Diermeier ein Paradigmenwechsel.

Alltagsgeschäft schluckt ressourcenschonende Vorsätze

Der Ansatz ist auch eine Konsequenz aus der Erkenntnis, dass die Förderung des naturnahen Tourismus cleverer Kniffe bedarf. Mit der „Nachhaltigkeits-Charta des Schweizer Tourismus“ hatten sich 2009 die Spitzen der touristischen Verbände, alle Tourismusregionen und die SBB zur Nachhaltigkeit bekannt. Die Absicht: „Die Schweiz etabliert sich weiterhin als eine der weltweit nachhaltigsten Feriendestinationen.“ Doch die Entwicklung war kein Selbstläufer. 2014 ergab eine Evaluation der Fortschritte durch die Hochschule Luzern (HSLU), dass die Auswirkungen auf die Branche gering waren. HSLU-Projektleiter Fabian Weber sagt: „Es waren wohl zu wenige Tourismus-Akteure überzeugt davon, als dass sie sich im Alltagsgeschäft damit auseinandergesetzt hätten.“ Priorität hatte die angespannte Wirtschaftssituation, für die nachhaltige Angebote nicht auf den ersten Blick eine Lösung sind. Touristen legen laut Weber grossen Wert auf Nachhaltigkeit, doch sie wollen dafür nicht mehr Geld in die Hand nehmen.

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Pragmatische Ansätze aus Graubünden

Vorangegangen ist es in den Bereichen, in denen Nachhaltigkeit messbar ist oder als sinnvolle Ergänzung im Angebot ausgebaut werden kann. Ein Beispiel ist das Graubündner Projekt Leuchtturm. Rund hundert Hotels sparen dabei durch besseres Energiemanagement CO2 und Kosten. Die Bündner Destinationen Engadin Scuol und Engadin Val Müstair haben sich generell zu einer Vorzeigeregion entwickelt. Dessen Tourismusdirektor Urs Wohler ist dabei eine treibende Kraft. Initiativen wie der Gepäcktransport bis ins Feriendomizil haben hier dazu beigetragen, dass 23 Prozent Gäste mit dem ÖV anreisen. Wohler ist ein Pragmatiker, der ausschliesslich grünen Tourismus als eine Träumerei bezeichnet. Doch: „Naturnaher Tourismus kann den Wintertourismus ergänzen oder robuster machen“, so seine Auffassung.

© Andrea Badrutt, Chur

Antworten auf den Strukturwandel

Der Strukturwandel im Tourismus ist in vollem Gange. Laut dem Experten Dominik Siegrist stagniert zwar der Skifahrermarkt, doch grosse Skigebiete wachsen auf Kosten kleinerer und die Destinationen des Tagestourismus boomen. Bestärkt wird diese Entwicklung allein schon durch die Frankenstärke, die den Bergtourismus bis Ende Jahr bei den Übernachtungen einen Rückgang um bis zu 7 Prozent bescheren dürfte. Siegrist sagt: „Der naturnahe Tourismus allein vermag diese strukturellen Probleme nicht zu lösen. Aber er kann einen wichtigen Beitrag leisten.“ Und damit meint er auch eine nachhaltige Entwicklung im ländlichen Raum nicht zuletzt mit Blick auf die regionale Wertschöpfung. Die Millionen, mit denen Bund und Kantone den Ausbau der Skigebiete Andermatt und Sedrun unterstützen will, hätte er an mehrere kleine Regionalprojekte verteilt. Schliesslich seien die traditionell gepflegte Kulturlandschaft und die attraktiven Dörfer das grösste Tourismus-Kapital der Schweiz. So mancher innovativen Idee fehle es hier noch an Durchsetzungskraft. Dabei sieht Siegrist ihn schon vor sich: den gestressten Banker, der nicht wedelnd die Skipisten herunterbraust, sondern beim Melken auf einem Bauernhof seinen Alltag vergisst.


Berner Mittelland
© Markus Bolliger

Qualität als oberster Massstab

Für Angebote des naturnahen Schweizer Tourismus in den Alpen trifft zu, was auch für andere Swiss-Made-Erzeugnisse gilt: Der Kunde muss sich auf Qualität verlassen können. Eine internationale Expertengruppe um Dominik Siegrist von der Hochschule für Technik Rapperswil (HSR) hat hierfür zehn Qualitätsstandards erarbeitet. In Fallstudien wurden diese überprüft und 2015 im Buch „Naturnaher Tourismus“ wie in Form einer zusammenfassenden Checkliste veröffentlicht. Die zehn Standards mit qualitativen und quantitativen Indikatoren sollen als Arbeitsinstrument für Verantwortliche von Destinationen und Regionen dienen.


WWF-Ferienideen und Schweiz-pur-Erlebnisse

„Viele haben Nordamerika und Afrika bereist, waren aber noch nie im Glarnerland“, sagt Corina Gyssler von WWF Schweiz. Die Umweltorganisation hat zehn nachhaltige Ferienideen von Schweiz Tourismus ausgezeichnet, die auch auf der Plattform Schweiz pur vorgestellt werden. Gyssler sagt: „Unser Ferienverhalten wirkt sich stark auf den Ausstoss von Treibhausgasen aus. Wir wollen aufzeigen, dass das riesige Angebot an nachhaltigen Ferienideen in der Nähe stärker entdeckt wird. Spannendes findet sich nämlich ausnahmslos in jeder Region.“ Mit dabei sind Tipps, die die Alpkultur im Berner Oberland oder Natur und Geschichte am Ostschweizer Bodenseeufer näher bringen. Schweiz Tourismus hat nach seinem Kriterienkatalog inzwischen weit über 200 Erlebnisse gesammelt und digital zur Verfügung gestellt. Offiziell startet die zweijährige Kampagne 2017.

Beeindruckender Kapitalwert der Landschaft

Betrachtet man die Landschaft als Ort des Wirtschaftens für den Tourismus genauer, kann ihr kapitalisierter Wert geschätzt werden. Hierfür hat eine Studie im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft SECO 2002 die jährliche Zahlungsbereitschaft der Landschaftsreisenden ermittelt. Letztlich beziffern die Forscher den Kapitalwert der Schweizer Landschaft für den Tourismus auf 68 bis 79 Milliarden Franken. Und dies sei eine Minimalschätzung, wie sie betonen.

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Letzte Änderung 15.09.2015

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„Wenn schon Flugreise, dann mit CO2-Kompensation“

Interview mit Christine Plüss, Geschäftsführerin des Arbeitskreises Tourismus und Entwicklung (AKTE) und des Reiseportals fairunterwegs.org.

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