Neues Kräuterzentrum von Ricola verbindet Natur und Wirtschaft

© Ricola.

Ricolas Kräuterkraft lagert in Europas grösstem Lehmbau – dem Kräuterzentrum der Stararchitekten Herzog & de Meuron. Seit 2014 hat Ricola dort ihre Kräuterverarbeitung zentral untergebracht. Das Pionierprojekt war eine substanzielle Investition für Ricola. Diese soll durch den sparsamen Betrieb des Baus amortisiert werden.

Von Yvonne von Hunnius, 11.08.2015

Hier lagern sie, die Minzenblätter von der Walliser Gletschermoräne. Mit jedem Atemzug nimmt man im neuen Ricola-Kräuterzentrum ihre starken ätherischen Öle wahr. Bevor sie nach Laufen BL transportiert wurden, hat sie eine Bergbauernfamilie in 1800 Metern Höhe geerntet. Seit diesem Januar schenkt ihr Extrakt der neuen Bonbonsorte Gletscherminze ihr Aroma. Der Communication Manager von Ricola, Hrvoje Tkalcec, zeigt auf die Kräutersäcke in der gewaltigen Lagerhalle und sagt: „Die neue Sorte läuft so gut, dass wir mehr brauchen, als unser Bauer liefern kann. Wir sind gerade in Gesprächen mit einem weiteren Bergbauern der gleichen Gletschermoräne.“ Für seine Kräuter hat es hier noch reichlich Platz. Seit einem Jahr ist das neue Kräuterzentrum das Herz der Bonbon- und Teeherstellung von Ricola. Dabei handelt es sich um kein gewöhnliches Gebäude, sondern den grössten Lehmbau Europas mit dem Design der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron (HdM). Hergestellt aus den Materialien Sand, Ton und Schotter, die aus der direkten Umgebung des Kräuterzentrums stammen und zu Stampflehm verarbeitet wurden.

Für den Lehmbau wurden Fassadenelemente vorproduziert, die ein Gewicht von 4,6 Tonnen auf die Waage bringen. Die Tragstruktur ist ein Stahlbetonskelettbau.
© Ricola

Kräuter sind das wertvollste Gut

Bis zur Eröffnung des neuen Zentrums fand ein Teil der Kräuterverarbeitung direkt bei den Bauern statt, nun läuft alles über Laufen, den traditionellen Hauptsitz von Ricola. Sämtliche Holunderblüten oder Salbeiblätter – jährlich insgesamt 1,4 Tonnen frische Kräuter – werden hier gereinigt, getrocknet, geschnitten, gelagert und gemischt. Und die Kräuter sind Ricolas wertvollstes Gut. Sie stammen von über hundert Schweizer Landwirtschaftsbetrieben. Alle müssen die Kräuter nach strengen biologischen Grundsätzen anbauen – Pestizide und Herbizide sind tabu.

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Das neue Kräuterzentrum soll nun dafür sorgen, dass es noch effizienter weitergeht. Die Trocknung kann nach einem ausgeklügelten System stattfinden. Zum Zerkleinern durchlaufen die Kräuter ein komplexes Maschinen-Labyrinth. In grosse Säcke abgefüllt, warten sie, bis sie in der Bonbonkocherei gebraucht werden. Dabei ist das strikte Umwelt- und Qualitätsmanagement entscheidend für Ricola als den weltweit grössten Hersteller von Hustenbonbons. Von Laufen aus werden jährlich fünf Milliarden Bonbons in 50 Länder der Erde verschickt. Und jedes Produkt muss das Versprechen einhalten, dass es keine künstlichen Aromastoffe enthält. Alles beginnt bei den Kräutern.

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Lehm schafft perfekte Bedingungen

Für ausgefallene Architekturprojekte ist Ricola in Fachkreisen schon bekannt. Insgesamt haben HdM und Ricolas Eigentümerfamilie Richterich bereits bei sieben Gebäuden zusammengearbeitet, die Laufen zu einem Pilgerort für Architekten gemacht haben. Jetzt werden diejenigen hinzukommen, die sich für das Bauen mit dem Lehm interessieren. Das neue Kräuterzentrum scheint das perfekte Objekt für dieses nachhaltige Baumaterial zu sein: Die Kräuter brauchen einheitliche Bedingungen und durch die Lehmwände pendelt sich die Luftfeuchtigkeit von selbst auf 40 bis 60 Prozent ein. Dadurch konnte die Haustechnik auf ein Minimum beschränkt werden. Ästhetisch drückt das Gebäude aus, was sich dahinter verbirgt: Die Lehmfassade ist mit einer Länge von 110 Meter, 30 Meter Breite und elf Metern Höhe zwar mächtig, integriert sich in ihrem Erdton aber unaufdringlich in die sattgrüne Landschaft.

© Ricola

Erfahrungen sammeln für die Zukunft

Dabei ist es kein Leichtes, einen Lehmbau dieses Ausmasses zu planen. Für die Konzeption und Umsetzung hat man sich Martin Rauch mit ins Boot geholt. Mit seiner Firma Lehm Ton Erde in Schlins in Vorarlberg ist er der führende Lehmbauexperte Europas. Für den Ricola-Bau wurde eine temporäre Produktionsstätte im benachbarten Zwingen eingerichtet und mit speziell angefertigten Maschinen bestückt. Das war nötig, um Fassadenelemente vorzuproduzieren, die ein Gewicht von 4,6 Tonnen auf die Waage bringen. Die Tragstruktur ist ein Stahlbetonskelettbau. Insgesamt wurde 16 Monate gebaut.

Der Lehmbau braucht Projekte wie das Kräuterzentrum, um an einer effizienten Produktion zu feilen und den Stampflehmbau an sich weiterzuentwickeln. So hat das Kräuterzentrum zwar 16 Millionen Franken gekostet, doch man erhofft sich durch den sparsamen Betrieb Einsparungen. Generell sagt der Bereichsleiter Technik bei Ricola, Daniel Bhend: „Das Gebäude ist ein kleiner Verbraucher. Doch wir müssen erst Erfahrungswerte sammeln.“ Die Zukunft wird die Effizienz in Zahlen giessen, denn es gibt noch kein Referenzobjekt. Klar ist: Für die Trocknung der Kräuter und Klimatisierungsaufgaben kann man vollständig auf die Abwärme aus dem naheliegenden Produktionswerk setzen.

CO2-Bilanz für jedes Bonbon

Noch veröffentlicht Ricola keinen Nachhaltigkeitsbericht. Das soll sich in Zukunft jedoch ändern. Mithilfe der Klimaschutzexperten von myclimate wird gerade zusammengetragen, welche Initiativen von Ricola welche Effekte haben. So wurde erst kürzlich durch eine Optimierung der Böxli-Verpackung 7 Prozent des Verpackungsmaterials eingespart. Insgesamt wurde seit 2001 durch Investitionen im Millionenbereich der jährliche CO2-Ausstoss um 1270 Tonnen reduziert. Strom bezieht man unter anderem auch aus regionaler Windkraft. Im Nachhaltigkeitsbericht soll dann eine CO2-Bilanz vorliegen, die auf jedes einzelne Bonbon heruntergebrochen ist. Hrvoje Tkalcec sagt: „Dabei ist das Kräuterzentrum ein wichtiger Meilenstein auf Ricolas Weg, klimafreundlicher zu werden.“

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Die Wiederentdeckung des Lehmbaus

Mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung lebt heute in Häusern, die ganz oder teilweise mit Lehm gebaut sind. Bis zur Industrialisierung war Lehmbau auch in Europa üblich, geriet dann nahezu in Vergessenheit und erlebt momentan eine Wiedergeburt. Im Mai 2015 wurde mit dem neuen Besuchszentrum der Vogelwarte Sempach das erste dreigeschossige Lehmgebäude der Schweiz eröffnet.

Besuchszentrum der Schweizerischen Vogelwarte
© Schweizerische Vogelwarte, Lukas Linder

Im November 2014 wurde am ETH-Campus Hönggerberg in Zürich eine Stampflehmkuppel (Bild unten) errichtet, um neue Erkenntnisse zum Lehmbau zu gewinnen. Wie beim Ricola-Kräuterzentrum war an den Projekten in Sempach und Zürich der Lehmbauexperte Martin Rauch beteiligt.

Kuppel  ETH-Campus Hoenggerberg
© ETH Zürich, Gian Salis

Generell liegen die Vorteile von Lehm als Baustoff bei seiner klimatisierenden Wirkung, einem guten Schall- und Brandschutz und seiner Schadstofffreiheit. Zudem kann Lehm sehr individuell gestaltet und beliebig oft wieder aufbereitet werden. Andererseits ist das Bauen mit Lehm sehr arbeitsintensiv. Die Bauzeit wird heute jedoch massgeblich dadurch verkürzt, indem Elemente vorproduziert und per Kran eingesetzt werden. In manchen Fällen wird auch auf eine Kombination mit einer Holz- oder Betonskelettbauweise zurückgegriffen.

 

Ricola und die Krux mit der Bio-Zertifizierung

Das Unternehmen Ricola ist biologischen Standards verpflichtet. Doch ihre Produkte sind weder Knospe-zertifiziert, noch wird für sie die Bezeichnung „Bio-Kräuter“ verwendet. Hrvoje Tkalcec sagt: „Der Hauptgrund liegt bei fehlenden Zertifizierungen der Bauernhöfe.“ So wird zwar der jährliche Bedarf von 1,4 Tonnen frischer Kräuter von allen Landwirtschaftsbetrieben unter den biologischen Bedingungen hergestellt. Doch diese sind selbst nur zu 70 Prozent Knospe-zertifiziert. „Wir können und wollen den Bauern nicht vorschreiben, wie sie den Rest ihres Hofes zu führen haben“, sagt Tkalcec. Würde man die verbleibenden 30 Prozent der Kräuter von zertifizierten ausländischen Betrieben ankaufen, stünde die Swissness auf dem Spiel. Dieser Regel widerspricht nicht, dass Ricola den Zucker für die Bonbonproduktion teils aus dem Ausland bezieht. Tkalcec sagt: „Wir weichen nur auf Zucker aus dem grenznahen Ausland aus, wenn die Schweizer Menge nicht ausreicht.“

 

Familienunternehmen mit globaler Reichweite

Ricola setzte 2014 mit Bonbons und Teeprodukten 315,9 Millionen Franken um und beschäftigt rund 400 Mitarbeitende. Ricola gilt als der grösste Hersteller von Hustenbonbons der Welt, wobei 90 Prozent des Gesamtumsatzes in über 50 ausländischen Märkten erwirtschaftet werden. 1930 in Laufen von Emil Richterich gegründet, leitet heute Felix Richterich als Verwaltungsratspräsident das Familienunternehmen, das sich laut Aussagen von Ricola komplett selbst finanziert. Im laufenden Jahr rechnet man mit einem verhaltenen Wachstum trotz der belastenden Frankensituation.

 

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Letzte Änderung 15.09.2015

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Links

Ricola: Firmen-Website
Herzog & De Meuron:
Firmen-Website
Lehm Ton Erde:
Firmen-Website
myclimate:
Stiftungs-Website
Schweizerische Vogelwarte Sempach:
Website
ETH Zürich:
Website Departement Architektur
Bio Suisse:
Website des Dachverbands der Schweizer Knospe-Betriebe

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