Jedes Produkt hat seine optimale Lebensdauer

© Wayne Stadler: "Now and Forever". www.flickr.com (CC BY-NC-ND 2.0).

Kaufen, nutzen, wegwerfen – der Kreislauf der Konsumgesellschaft dreht sich immer schneller. Wer diese Dynamik verlangsamt, sieht sich als umweltfreundlich an. Wenn das Produkt jedoch selbst zum Umweltsünder wird, kann ein Neukauf für alle Vorteile bringen.

Von Yvonne von Hunnius, 27.1.2016

„Diese Schuhe sind Begleiter fürs Leben“, sagt Schuhmacher René Hess über alte Schweizer Armeeschuhe. Und als Schuhmacher, der seit über 25 Jahren in Winterthur arbeitet, kennt er sich mit Lang- und Kurzlebigkeit aus. Heutzutage hätten durchaus auch teurere Schuhe oft ein kurzes Leben. In schneller, industrieller Spritzfertigung hergestellt, besitzen viele Zwischensohlen mit Dämmmaterialien aus speziellem Plastik, der rasch spröde wird und bricht. Häufig ist zudem alles so verarbeitet, dass Einzelteile schwer zu trennen sind. Hess muss immer häufiger zum Kunden sagen: „Eine Reparatur ist wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll!“ Dabei wäre gerade bei Produkten wie Schuhen eine lange Nutzungsdauer und regelmässige Reparatur aus Umweltsicht die beste Lösung.

In vielen Fällen lohnt ein Austausch
Dies ist aber nicht bei allen Produkten der Fall, und manchmal ist der Ersatz mit einem neuen Produkt ökologisch die bessere Wahl. Aber wann ist es denn besser, ein altes Gerät durch ein neues zu ersetzen, um die Umwelt zu schonen? Experte Anders Gautschi vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) sagt: „Wichtig ist die Berücksichtigung der Umweltbelastung im Verlauf des gesamten Lebenszyklus, das heisst bei der Produktion, Nutzung und Entsorgung.“ Es hängt also davon ab, ob ein Produkt die Umwelt vor allem bei der Produktion belastet – zum Beispiel durch den Verbrauch von Energie, Materialien oder Wasser – oder ob die grösste Umweltbelastung bei der Nutzung liegt – zum Beispiel bei einem Kühlschrank im Dauerbetrieb – und auch wie es entsorgt wird. Gautschi war an einem Bericht des Bafu zur Optimierung der Lebens- und Nutzungsdauer
von Produkten
beteiligt. Eine Erkenntnis ist: Lange behalten sollte jeder ein Produkt, das kleine Auswirkungen auf die mwelt hat, wenn es benutzt wird. Bei Möbeln oder Schuhen ist das der Fall. Wenn ein Produkt auch in der Nutzung einen grossen Fussabdruck hinterlässt, kann ein neues Modell Vorteile bringen. Das trifft auf Elektrogeräte wie einen Kühlschrank zu.

Ein betagter Kühlschrank muss aber nicht gleich entsorgt werden. Bei einer Dauernutzung in der Küche macht der neue Kühlschrank Sinn. Im Partykeller kann der alte noch gute Dienste leisten, wenn er selten benutzt wird. Dahinter steckt laut Gautschi das Prinzip: „Wenn ein Gerät während der Nutzung umweltbelastender ist als bei der Produktion und Entsorgung, dann macht der Austausch gegen ein ökologisch besseres Sinn.“

Ökobilanzen brauchen eine Basis
Die Faustregel kann weiterhelfen, der gesunde Menschenverstand auch – aber noch fehlt laut Raffael Wüthrich von der Stiftung für Konsumentenschutz SKS eine wichtige Grundvoraussetzung: Transparenz. Er bemängelt: „Bei manchen Produkten ist oft nicht ersichtlich, wie lange sie durchschnittlich benutzt werden können, wie lange Ersatzteile auf Lager sind oder ob sie überhaupt repariert werden können.“ Angaben zu Umweltauswirkungen sehe man bei einigen Produkten lediglich in Form von Energieetiketten. Doch für eine sogenannte Ökobilanz braucht es mehr als den Energieausweis.

Damit Unternehmen wissen, welche Daten sie hierfür brauchen und nach einheitlichen Regeln Ökobilanzen für Produkte erstellen können, ist viel in Gang gekommen. So wird gerade auf europäischer Ebene intensiv an Rahmenbedingungen hierfür gearbeitet. Es ist höchste Zeit, denn bei vielen Produkten besteht grosser Nachholbedarf. Wenn der Preis oberste Prämisse ist, achten Entwickler primär auf günstige Materialien und Herstellung. Und auch ein höherer Preis verschont nicht immer vor schlechter Qualität. Dabei helfen Konzepte wie Ecodesign, ökologische Effizienz in das Produktdesign einfliessen zu lassen. Für den Experten Gautschi steht der Fahrplan fest: „Produktentwickler müssen in der Ausbildung das nötige Wissen erhalten und Konsumenten so gut wie möglich informiert werden“, sagt er. Dazu gehört auch, Produkte so modular aufzubauen, dass Einzelteile gut austauschbar sind

Franke Coffee Systems produzieren Geräte für den Profi-Bereich. Das aktuelle Modell A600 reinigt sich teils automatisch, dennoch sind alle Komponenten leicht entnehmbar. Die Maschine arbeitet gleichzeitig eingegebene Aufträge nacheinander ab.
© Franke

Qualität ermöglicht Reparatur
Viele Schweizer Unternehmen sind sich dessen schon lange bewusst. 10'000 Profi-Vollautomaten von Franke versorgen die Schweiz täglich mit Kaffee. Die Entwickler tüfteln auch mithilfe von Ecodesign-Wissen permanent daran, den Verbrauch von Strom, Wasser und Reinigungsmitteln bei neuen Geräten zu verbessern. „Wir geben auch ein Wartungsversprechen, denn unsere Geräte sind eine Investition für mehrere Jahre“, sagt Christof Hurni, VP Technology der Franke Kaffeemaschinen AG. Zehn Jahre lang werden bei den jährlichen Wartungen Verschleissteile ausgetauscht. Und vielerorts arbeiten Franke Kaffeemaschinen weit länger als das. Hurni sagt: „Es ist immer auch eine emotionale Entscheidung, ob ein Kunde ein noch funktionierendes Gerät austauscht.“  

Auch der Haushaltsgeräte-Hersteller V-ZUG plädiert dafür, dass der Kunde selbst entscheiden kann, ob und wann er ein Produkt durch ein ressourcenschonenderes ersetzt. Philipp Hofmann, Leiter Global Marketing Services von V-ZUG, sagt: „Wir haben eine Liefergarantie für Ersatzteilen bis zu 15 Jahre nach dem Kauf. Damit stehen wir dafür ein, dass man ein Gerät, auch, wenn es schon viele Jahre in Betrieb stand,  reparieren kann.“ Wenn das Produkt selten genutzt wird, könnte das auch für die Umwelt genau die richtige Entscheidung sein.

Dani Arnold, Bergsteiger
Der Bergsteiger Dani Arnold, der die Matterhorn Nordwand in neuer Rekordzeit von einer Stunde und 46 Minuten durchstiegen ist, nutzt Outdoor-Equipment von Mammut natürlich intensiver als ein Freizeitsportler. Auch davon hängt die Dauer des Produktlebens ab.
© Photopress/Mammut (Foto: Christian Gisi)

High-Tech-Materialien brauchen Aufmerksamkeit
Bei Outdoor-Produkten ist eine lange Lebensdauer aus ökologischer Sicht in jedem Fall besser für die Umwelt. „Das ist auch unsere Philosophie“, sagt Mammut-Produktmanager Reto Rüegger. Bei der Nutzung sind Umweltauswirkungen vernachlässigbar – entscheidend sind vielmehr Herstellungsprozess und Transportmittel, sowohl für das Produkt als auch für den Wanderer. Aber wie lange hält ein Wanderschuh? Darauf gibt es laut Rüegger keine allgemein gültige Antwort: Das hänge von Pflege, Einsatzgebiet und Nutzungsdauer ab. Optimierte, aufwendig hergestellte Hightech-Materialien sollen ermöglichen, dass das Produkt gezielt auf die Bedürfnisse des Kunden zugeschnitten wird, lange im Einsatz ist und an seinem Lebensende wiederverwertet werden kann. Schon seit 2010 gibt es Sammelboxen für gebrauchte Outdoor-Ausrüstung in Schweizer Mammut-Stores. Dabei werden etwa 70 Prozent der teils wertvollen Materialien wiederverwertet. Und Rüegger sagt: „Im Schuhsegment findet gerade eine Entwicklung statt, die in ein bis zwei Jahren einen wirklichen Effizienzsprung in Bezug auf Herstellung, Nachhaltigkeit und Verarbeitung der Materialien bedeuten wird.“

Hilfe zum Selbstreparieren

Manchmal fehlen nur wenige Handgriffe und ein defektes Produkt ist wieder funktionstüchtig. Wer selbst Hand anlegen will, kann sich kostenlose Unterstützung von Reparaturprofis in sogenannten Repair-Cafés holen. Die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) hat stark dazu beigetragen, dass die Bewegung auch in der chweiz Fuss fasst. Heute organisieren regelmässig entsprechende Initiativen in der ganzen Schweiz Reparaturveranstaltungen.  Durch diese Hilfe zum Selbstreparieren wird so manches Produkt davor verschont, wegen einer Kleinigkeit im Mülleimer zu landen.

Links:
http://repaircafe.org/de/
https://www.konsumentenschutz.ch/repaircafe/schweizer-repair-cafes/

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Letzte Änderung 29.01.2016

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