Ikea ist ein Pionier mit Verbesserungspotenzial – Interview mit Thomas Breu

Der Nachhaltigkeitsexperte Thomas Breu von der Uni Bern schätzt Ikeas Engagement als umfassend ein, sieht jedoch auch kritische Punkte.

Interview: Yvonne von Hunnius, 10.11.2015

Thomas Breu

Der Geograf Thomas Breu war international und national im Rahmen von zahlreichen Forschungs- und Umsetzungsprojekt tätig. Er ist heute Direktor des Zentrums für Entwicklung und Umwelt (CDE) der Universität Bern und leitet eine internationale Doktorandenschule im Bereich Globaler Wandel und Nachhaltige Entwicklung.

Inwieweit sehen Sie Ikea als Pionier?

Thomas Breu: Die Bemühungen von Ikea insbesondere in der Promotion von neuen umweltschonenden Technologien wie Stromsparlampen nehmen eine wichtige Pionierrolle ein. Ikea kann als „Popularisierungsförderer“ gesehen werden. Die erste Generation der Stromsparlampen wurde vor rund 15 Jahren eingeführt. Das entlastet die Umwelt, ist allerdings schwierig zu quantifizieren – namentlich die sogenannten Rebound-Effekte, die Effizienzgewinne durch Mehrkonsum in anderen Bereichen wieder schmälern.

Wo ist hinsichtlich der Umweltauswirkungen noch Potenzial?

Man muss in Betracht ziehen, dass die Produktionsweise von IKEA mit den doch sehr beträchtlichen Distanzen in den Zulieferungs- und Verteilungsketten grundsätzlich sehr viel Energie verbraucht. Ins Gewicht fallen auch die langen Anfahrtswege der jährlich 13 Millionen Schweizer Besuchenden zu den im Grünen liegenden Ikea Filialen.

Sehen Sie grundsätzlich kritische Punkte?

Die Nachhaltigkeitsstrategie nimmt zentrale Anliegen der kürzlich verabschiedeten UNO Agenda 2030 mit ihren 17 Nachhaltigkeitszielen auf. Der Beitrag zu der von der UNO ebenfalls im Sommer 2015 in Addis Abeba verabschiedeten Action Agenda ist aber nicht gegeben. Ein zentraler Bereich dieser Finanzierungsagenda betrifft die Unternehmensbesteuerung, die gegenwärtig noch sehr lückenhaft ist und es Firmen ermöglicht, auf legalem Weg Steuern zu vermeiden. Ikea optimiert, wie andere multinationalen Firmen, über legale Praktiken ihre Steuerabgaben in den Ländern, in denen sie tätig ist. Dadurch entgehen der Weltgemeinschaft und namentlich den vom globalen Wandel besonders betroffenen Entwicklungsländern substantielle Steuereinnahmen, die dringend zur Umsetzung der globalen und der jeweiligen nationalen Nachhaltigkeitsstrategien benötigt würden.

Kritiker merken an, dass Ikea aus Möbeln kurzlebige Konsumgüter gemacht hat...

Ikea bewegt sich grundsätzlich in einem sehr schwierigen Spannungsfeld von Preis- und Qualitätswettbewerb. Durch die Orientierung auf niedrige Kosten wirkt Ikea klar konsumtreibend. Die Produkte haben im Vergleich mit hochpreisigen Produkten vermutlich eine kürzere Lebensdauer bis zur jeweiligen Entsorgung und tragen damit wohl zur Wegwerfmentalität bei. Auf der positiven Seite hat Ikea namentlich in Europa und Amerika auch vielen weniger begüterten Familien Zugang zu Einrichtungsprodukten gegeben.

Als wie ambitioniert bewerten Sie die Bemühungen letztlich?

Ikea hat sich in der Tat eine ambitionierte und umfassende Nachhaltigkeitsstrategie gegeben, die klar über eine rein imagemotivierte Kampagne hinausreicht. Sie ist in gewissem Masse auch aussergewöhnlich und erzielt sicherlich positive Effekte ihres gegenwärtigen ökologischen Fussabdruckes des Betriebes und im Betrieb ihrer Produkte. Aber das gesamte Geschäftsmodell von Ikea ist fast zwangsläufig in verschieden Bereich in einem grundsätzlichen Konflikt mit einer nachhaltigen Entwicklung. Die Massnahmen sind aber dazu geeignet, das bestehende Geschäftsmodell zu verbessern. Voraussetzung dafür ist aber eine unabhängige regelmässige Evaluation der Massnahmen insbesondere auch hinsichtlich der Auswirkungen der Produktion in den Herkunftsländern.

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Letzte Änderung 10.11.2015

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