„Wir müssen Profit und Risiko privatisieren“

Für eine lebenswerte Zukunft müsse man die Marktwirtschaft ernst nehmen, sagt der Mitinitiator der Cradle-to-Cradle-Bewegung, Michael Braungart. Er will Innovation und Qualität konsequent ins Zentrum rücken, um abfallfreie Stoffkreisläufe zu erreichen.

Interview: Yvonne von Hunnius, 3.11.2015

Michael Braungart

Professor Dr. Michael Braungart ist Gründer und wissenschaftlicher Geschäftsführer des Umweltforschungs- und Beratungsinstituts EPEA in Hamburg. Zudem ist er unter anderem Mitbegründer und wissenschaftlicher Leiter von McDonough Braungart Design Chemistry (MBDC) in Charlottesville, Virginia (USA). Gemeinsam mit dem Architekten William McDonough hat er das Cradle to Cradle-Designkonzept entwickelt, die Grundlage für die Arbeit bei EPEA und MBDC. Braungart lehrt auch an der Erasmus Universität in Rotterdam sowie an der Leuphana Universität Lüneburg.

Ist für Sie das beste Produkt ein solches, das nie kaputt geht?

Michael Braungart: Ein Produkt, das ewig hält, ist Atom-Müll oder Design-Tyrannei. Da erreichten Innovationen ja nie den Markt.

Was ist nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip ein gutes Produkt?

Das kann zweierlei sein. Wenn es erstens ein Verschleissprodukt ist, das sich durch die Anwendung chemisch, physikalisch, biologisch ändert, dann muss es so gemacht sein, dass es die biologischen Systeme aktiv positiv unterstützt und nichts Giftiges enthält. Anders als Reifen beispielsweise, die heute zwar länger als früher halten, doch jetzt atmen wir den giftigen Reifenabrieb ein. Wenn zweitens ein Produkt wie ein Fernseher eine definierte Nutzungszeit hat, dann sollten die Materialströme so konzipiert sein, dass sie wieder in neue Produkte gehen können.

Wie kann man das erreichen?

Wir müssen positive Vorgaben machen und definieren, was ein Produkt enthalten darf. Wir sollten jetzt 40 Jahre Weltuntergangsdiskussion und das gesammelte Know-how in Qualität und Schönheit, in positive Innovationen umsetzen. Die Textilfirma Gessner hat es als Cradle-to-Cradle-Unternehmen mit seinen Innovationen vorgemacht. Generell bleibt die Schweiz aber wie Deutschland auf halbem Wege stecken. Es wurde viel Geld dafür ausgegeben, ein bisschen weniger schädlich zu sein, und das hat man als grün bezeichnet. Aber wesentlich wurde nichts Neues erreicht.

Ist nicht ein Erfolg, dass die Umweltbelastung deutlich gesenkt werden konnte?

Was bringt es Ihnen, wenn Sie nur 50 und nicht 90 mal erschossen werden? Eine Schweizer Tageszeitung enthält 50 Stoffe, die eine Kompostierung verhindern. Diese Stoffe sind nie für Kreisläufe geschaffen. Zudem hat die Schweiz in den letzten Jahren rund 50 Prozent ihrer Druckbetriebe verloren. Also werden Druckerzeugnisse in Asien hergestellt, in denen nicht nur 50, sondern 90 giftige Stoffe enthalten sind. Der in Asien gedruckte Katalog ist vielleicht 50 bis 60 Prozent billiger. Doch der teure Industriestandort Schweiz ist letztlich für die Hightech-Entsorgung des asiatischen Sondermülls verantwortlich. Würde man stattdessen Papier als biologisches Material definieren und vorgeben, dass bis 2020 Papier komplett kompostierbar sein muss, dann hätten meine jungen Wissenschaftler eine positive Aufgabe und viele Innovationen könnten den Markt erreichen.

Und wenn die Industrie schon ausgeblutet ist im Wettbewerb mit ungleichen Spiessen?

Das ist kritisch. Dann müsste beispielsweise die Regierung aktiv umsteuern und mit dem eigenen milliarden-schweren Beschaffungswesen Zeichen setzen. Und das ändert nichts daran, dass man sich im Sinne der Effektivität erst fragen muss, was das Richtige ist, um dann das Richtige zu tun. Es ist schlicht falsch, Druckerzeugnisse zu haben, die die Biosphäre kontaminieren. Deshalb müssen sie kompostierbar sein – egal, wie teuer es ist. Dann können auch Effizienz-Strategien zum Einsatz kommen.

Also geht es um Bannung von Giftstoffen um jeden Preis?

Keineswegs! Verschleissgüter müssen von Anfang an so intelligent konzipiert sein, dass sie in die Biosphäre eingehen können. Produkte der Technosphäre wie Energiesparfenster können nicht ohne Giftstoffe hergestellt werden, sonst funktionieren sie nicht. Kupfer ist extrem giftig in biologischen Systemen, doch in technischen Systemen endlos einsetzbar. Dabei gibt es für jeden Gegenstand eine sinnvolle Nutzungszeit, die definiert werden muss, damit wir die Produkte wieder zurückbekommen. Ein Fenster sollte vielleicht nur 25 Jahre verwendet werden – also verkaufe ich besser nicht das Fenster, sondern dessen Nutzung auf 25 Jahre.

Sind diese Geschäftsmodelle tatsächlich wirtschaftlich?

Gerade dadurch nimmt man die Marktwirtschaft ernst. Wer das Risiko verursacht, sollte auch dafür aufkommen. Entweder man wirtschaftet skrupellos, oder man verdient Geld mit den Skrupeln, die man hat. Wenn in der Schweiz die Nutzungszeiten von Solaranlagen definiert wären, sodass nur das Ernten von Photonen verkauft würde, dann wäre es lukrativ, in der Schweiz Anlagen zu fertigen. Kauft man chinesische Anlagen, hat man sie am Hals.

Dann steht das Recycling für Sie im Zentrum?

Es geht mir nicht nur um Recycling. Besser ist ein Upcycling, wobei die Intelligenz des Produkts behalten und es sinnvoll ergänzt wird. Sonst stagnieren wir doch. Andernfalls könnten wir auch ernsthafte Knappheitsprobleme bekommen wie bei seltenen Metallen. Ein Mercedes hat 46 Legierungen. Und was machen wir daraus? Baustahl! Ein Mobiltelefon besteht aus 41 Elementen und wir gewinnen nur neun zurück. Man muss das Design von Produkten beispielsweise durch Klebeverbindungen so gestalten, dass wir zurück auf die Komponenten kommen.

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Letzte Änderung 03.11.2015

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