Internationaler Aufwind für die grüne Wirtschaft

Immer mehr Länder und Unternehmen setzen auf Ressourceneffizienz, Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit. Neben ökologischen Motiven stehen dabei ökonomische im Vordergrund: Der schonende Umgang mit Ressourcen rechnet sich, nachhaltige Produkte und Dienstleistungen kommen bei den Konsumenten gut an.

Von Steffen Klatt. 18.07.2017

Kanada fördert viel Öl. Gerade der Abbau von Teersande ist aber auch mit einem hohen Ausstoss von Treibhausgasen verbunden. Doch die Halbierung des Ölpreises seit 2014 zwingt immer mehr Ölkonzerne, das Öl im kanadischen Boden zu lassen.

Kanada
© Government of Canada

Kanada: Cleantech als Innovationsstrategie

Stattdessen setzt die seit 2015 amtierende Regierung von Justin Trudeau nun auf Innovation – und Cleantech bildet dabei den wichtigsten Pfeiler, noch vor der Digitalisierung und der für Kanada so wichtigen Lebensmittelwirtschaft. Erklärtes Ziel der neuen Regierung ist es, Kanada zu einem führenden Standort für Cleantech in der Welt zu machen. Die Regierung stellt in ihrem Budget für 2017 insgesamt 1,35 Milliarden kanadische Dollar (1,0 Milliarden Franken) für das Wachstum und die Expansion von Cleantechunternehmen bereit. Zusätzlich wird der Fonds für nachhaltige Innovation, der SD Tech Fund, mit weiteren 400 Millionen Dollar über vier Jahre ausgestattet. Dieser dient der Entwicklung und Vermarktung neuer Cleantechtechnologien. Der Fonds ist das Flaggschiffprogramm der Förderagentur Sustainable Development Technology Canada. Diese hat seit ihrer Gründung 2001 insgesamt 928 Millionen kanadische Dollar in 320 Projekte investiert und damit weitere 2,45 Millionen an Investitionen ausgelöst. Auch die einzelnen Provinzen setzen auf Cleantech. Québec etwa spezialisiert sich auf nachhaltige Mobilität. Der Schweizer Technologiekonzern ABB fasst sein nordamerikanisches Kompetenzzentrum für elektrische Mobilität in Montréal zusammen.

 

Finnland: Kreislaufwirtschaft als Wirtschaftsmotor

Auch Finnland setzt sich hohe Ziele. Das Land hat sich in einem im Februar 2016 verabschiedeten Aktionsplan das Ziel gesetzt, bis 2025 zu einem Vorreiter der Biowirtschaft und der Kreislaufwirtschaft zu werden. Mit der Entwicklung, Einführung und dem Export nachhaltiger Lösungen will es Arbeitsplätze schaffen, die Wirtschaft stärken und seine hochgesteckten ökologischen Ziele erreichen. Zu den Schwerpunkten gehört ausser den erneuerbaren Energien, der nachhaltigen Lebensmittelproduktion und neuen Forstprodukten  auch die Kreislaufwirtschaft. Dabei soll ein immer grösserer Anteil des Haushaltsmülls wiederverwertet werden. Die Regierung erwägt sogar eine Strategie, welche zum völligen Verzicht auf Müll führen könnte. Dabei geht es vor allem darum, neue Produkte aus den Materialien zu gewinnen, die heute auf Deponien oder sogar im Wasser enden. Allein für die Rückgewinnung von Chemikalien aus dem Wasser und ihre erneute Nutzung stellt die Regierung bis 2018 insgesamt 34 Millionen Euro zur Verfügung.

Finnland
© The Finnish Innovation Fund Sitra

Aufbauend auf dem Beschluss der Regierung hat der finnische Entwicklungsfonds SITRA einen konkreten Fahrplan für die Kreislaufwirtschaft bis 2025 vorgelegt. Und wie Kanada versteht sich auch Finnland als ein globaler Vorreiter. SITRA hat auf Anfang Juni 2017 rund 1500 Experten aus aller Welt zum ersten Weltforum für die Kreislaufwirtschaft geladen.

 

Holzbauten wachsen in die Höhe

Andere Länder entwickeln ihre bestehenden natürlichen Stärken weiter. Zum Beispiel Finnlands Nachbar Schweden im Bereich Holzbau. Wie anderswo auch wurden Holzbauten zumindest in den schwedischen Grossstädten als unmodern angesehen und abgerissen. Nun geht der Trend in die andere Richtung. So hat das Bauunternehmen Folkhem, das sich ganz auf Holzbauten spezialisiert, 2013 und 2014 in Stockholm das bis dahin höchste Gebäude errichtet, das fast vollständig aus Holz besteht. Inzwischen plant es weitere Hochhäuser mit bis zu 20 Stockwerken. Die wirtschaftlichen Vorteile sind gross. Die Einzelmodule werden in einer Fabrik im kostengünstigen und waldreichen Nordschweden komplett fertiggebaut. Das erspart die Errichtung von kostspieliger und zeitaufwendiger Fertigungsinfrastruktur am Bauplatz. Für die Häuser braucht Folkhem nur sieben Monate. Ein vergleichbarer herkömmlicher Bau würde knapp zwei Jahre brauchen. Und ökologisch ist es allemal: Holz speichert CO2, statt es in die Luft zu blasen.

Schweden
© www.folkhem.se

Auch anderswo liegt Holz im Trend: In Berlin wurde 2008 das erste  Hochhaus Europas aus einer Mischung aus Holz und Beton mit sieben Etagen gebaut. Im norwegischen Bergen wird das 14-stöckige Prestigeholzhochhaus Treet errichtet. In Wien soll bis 2018 ein 24-Etagen-Hochhaus in Holzbauweise entstehen. Der achtstöckige LifeCycle Tower im österreichischen Dornbirn besteht aus Holz und Beton. In Kanada plant der Architekt Michael Green das bislang wohl grösste Projekt. In Vancouver sollen 30 Stockwerken mit verleimten Schichtholzbrettern entstehen.

 

Algen können Plastik ersetzen

Während Holzbau weltweit Tradition hat, können auch neue Materialien auf natürlicher Basis entstehen. So haben japanische Designer, alles Absolventen der Tokioter Tama Art Universität, ein Verpackungsmaterial aus biologisch abbaubaren Algenprodukten entwickelt. Das als veganer Gelantineersatz bekannte Agar könnte künftig umweltschädlichen Schaumstoff und Plastikfolien in der Verpackungsindustrie ersetzen. Es hat eine poröse, fast federartige Struktur und ist im Vergleich zu seinem Volumen sehr leicht - ideales Polstermaterial. Durch Komprimierung kann man eine feste, folienartige Struktur erreichen. Ein erster Praxistest des ökologischen Materials war bereits erfolgreich: Eine mit einem Agarpolster geschützte Flasche ist unbeschadet von Japan nach Italien transportiert worden. Der grösste Vorteil von Agarverpackungen: Sie sind vollständig biologisch abbaubar.

Japan
© www.a-ma-m.com/ (Kosuke Araki)

 

Biokohle holt CO2 aus der Luft

Traditionelle Rohstoffe wiederum können auch auf innovative Weise produziert werden. Das zeigt ein Projekt, das die Entwicklungshilfeorganisation UNIDO der Vereinten Nationen gemeinsam mit mehreren Schweizer Bundesämtern und dem Ökozentrum in Vietnam durchgeführt hat. Dort werden Kaffeebohnen oft noch unter Einsatz von Holzfeuern getrocknet. Das ist teuer und eine Belastung für die Umwelt. Eine Schweizer Technologie erlaubt, die Bohnen sauber und sogar klimapositiv zu trocknen. Dabei wird Bioabfall, der bisher ungenutzt geblieben ist, mittels der Pyrolyse in Biokohle und Gas umgewandelt. Das Gas wird als Heizmittel für die Trocknung der Bohnen eingesetzt, während die Biokohle als natürlicher Dünger dient oder sogar auf dem lokalen Markt verkauft werden kann. Das Verfahren ist stabil und zuverlässig und damit an vielen Orten in der Welt einsetzbar.

 

Schokolade aus nachhaltigen Rohstoffen

Auch viele Unternehmen engagieren sich. Zu den zentralen Themen von Barry Callebaut etwa, einer der grössten Hersteller von Schokolade weltweit, gehört die Sicherung des Zugangs zu Rohmaterialien. Das Unternehmen mit Sitz in Zürich setzt dabei auf ökologische und soziale Nachhaltigkeit, um seinen wirtschaftlichen Erfolg auch langfristig zu sichern. Deshalb hat es sich zum Ziel gesetzt, bis 2025 alle Bestandteile seiner Schokoladen nachhaltig zu produzieren: Milchprodukte Zucker, Haselnuss, Vanille, Kakao. Doch es geht auch um die Erhaltung der natürlichen Umwelt jenseits der Kakaoplantagen. Ebenfalls bis 2025 will das Unternehmen deshalb netto zur Wiederaufforstung beitragen – bisher sind oft Wälder gerodet worden, um Platz für Kakaosträucher zu machen. Nachhaltigkeit soll auch den Menschen zugute kommen. Das Unternehmen will daher einer halben Million Kakaobauern helfen, über die Armutsgrenze zu kommen, welche die UNO bei einem Verdienst von 1,90 Dollar pro Tag sieht.

Schokolade
© www.barry-callebaut.com/new-sustainability-strategy

 

Das Leben von Millionen Menschen verbessern

Während Barry Callebaut vor allem als Zulieferer für andere Unternehmen tätig ist, gehört Unilever zu den grossen Konsumgüterherstellern. Auch der niederländisch-britische Riese, zu dem Marken wie Dove, Knorr, Lipton, Omo und Rexona gehören, setzt auf Nachhaltigkeit. Unilever hat 2010 unter seinem damals neuen Chef Paul Polman – der Niederländer war gerade frisch von Nestlé gekommen – einen Unilever Sustainable Living Plan verabschiedet und sich drei Ziele gesetzt. Bis 2020 will das Unternehmen einer Milliarde Menschen ermöglichen, ihre Gesundheit zu verbessern. Dazu gehören etwa der  und zu gesunden Lebensmitteln. Millionen Menschen, die direkt oder indirekt von Unilever abhängen, sollen zweitens bessere Lebensverhältnisse erhalten. Das umfasst faire Bezahlung für Zulieferer aus der Landwirtschaft in Entwicklungsländern, aber auch Karrieremöglichkeiten für Frauen. Und bis 2030 will Unilever drittens seinen ökologischen Fussabdruck im Verhältnis zu 2010 halbieren. Das reicht von der Verringerung des CO2-Ausstosses über die Steigerung des Anteils von nachhaltig produzierten Rohstoffen bis hin zu Elementen der Kreislaufwirtschaft. So hat Unilever mit dem deutschen Fraunhofer Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung eine Technologie entwickelt, welche die Wiederverwertung von Plastiksäcken erlaubt. Bis 2025 will das Unternehmen alle Plastiksäcke, die es benutzt, vollständig wiederverwertbar und kompostierbar machen.

Unilever
© www.unilever.com/sustainable-living/

 

Nachhaltig ist modisch

Dass Nachhaltigkeit auch modisch sein kann, zeigt Stella McCartney. Die Tochter von Paul und Linda McCartney hat 2001 ihr eigenes Modelabel lanciert. Als Vegetarierin wollte sie von Anfang an auf Leder und auf Fell verzichten. Der französische Luxusgüterkonzern Kering Group, zu der auch Marken wie Brioni, Gucci und Puma gehören, stieg sofort in ihr Label ein.  2013 ging Stella McCartney noch einen Schritt weiter und begann den ökologischen Fussabdruck ihrer Marke zu messen und zu verkleinern. Für 2015 konnte sie erstmals einen ökologischen Bericht vorlegen. Danach wurde der Fussabdruck für jedes Kilogramm produzierter Kleidung seit 2013 um 35 Prozent gesenkt. Und dennoch wuchs das Label 2015 mit einer zweistelligen Prozentzahl – Nachhaltigkeit zahlt sich aus, wenn sie aus Sicht der Konsumenten cool ist. Aber: Ein grosser Teil des ökologischen Fussabdrucks fällt ausserhalb des eigentlichen Geschäftsbereiches des Modehauses an, nämlich bei den Zulieferern. Entsprechend wichtig ist, sie zu kennen und sie für die Nachhaltigkeit ihrer Abläufe zu sensibilisieren.  

Stella Mc Cartney
© www.stellamccartney.com

 

Marktplatz für grüne Technologien

Darin liegt eine der Herausforderungen der grünen Wirtschaft: Damit sie wirkt, müssen viele Akteure überall in den jeweiligen Wertschöpfungsketten zusammenarbeiten – und das weltweit. Genau da setzt WIPO Green an. Das Programm der in Genf ansässigen Weltorganisation für geistiges Eigentum bietet einen globalen Marktplatz für nachhaltige Technologien. Wer solche Technologien entwickelt hat, kann sie hier anbieten. WIPO Green vernetzt sie mit Unternehmen, aber auch Einzelpersonen und Behörden, die solche Technologien nutzen oder weiterentwickeln wollen. Das Netz umfasst inzwischen rund 5000 Anbieter und Nutzer in rund 50 Ländern, 2016 haben Nutzer rund 2400 Mal ihre Lösungen über WIPO Green angeboten. Die Innovationsplattform verbinde die Nachfrage mit Lösungsanbietern, aber auch Netzwerke untereinander, sagt Anatole Krattiger, Direktor des Programms Global Challenges bei der WIPO. „Und Networking beginnt zuhause.“ Von den 81 Partnern der Plattform seien zwölf in der Schweiz basiert. „Vielleicht auch ein Ausdruck dafür, dass die Schweiz konstant den WIPO Global Innovation Index anführt“, so Krattiger.

Zu den Technologien, die auf dem Marktplatz angeboten werden, gehört etwa ein Verfahren der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag), mit dem Düngstoffe aus Urin herausgeholt werden. Forscher der Universität Dublin City haben ein Verfahren entwickelt, mit der die Farbe und die Trübung von Flüssigkeiten besser gemessen werden kann. Und Forscher der Purdue Universität im US-Bundessstaat Indiana haben einen biologischen Luftfilter entwickelt, der unter anderem Allergene aus der Raumluft holt. Er reinigt die Luft, indem sie durch ein Geflecht von Pflanzen und Wurzeln gesogen wird.

 

Konsumentinnen und Konsumenten entscheiden

Die Wirtschaft wird nur als Ergebnis vieler einzelner Initiativen nachhaltig – und wenn die Konsumenten mitmachen. So hat es in Nordamerika und Westeuropa schon seit längerem einen Trend gegeben, Lebensmittel wieder unverpackt einzukaufen. Damit soll der Abfall reduziert werden. Inzwischen kommt dieser Trend auch in der Schweiz an. Ein knappes Dutzend Läden in der ganzen Schweiz bietet verpackungsfreien Einkauf, von Basel unverpackt über Unverpackt Luzern und Chez Mamie in Sion bis bare Ware in Winterthur und den Bachsermärt in Zürich.

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Letzte Änderung 19.07.2017

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