Innovationen für den Stoffkreislauf

Produkte aus Rohstoffen, die sich immer wieder verwenden lassen? Das funktioniert, sagen Vertreter der Cradle-to-Cradle-Bewegung. Und die ersten Produkte nach diesem Prinzip stammen aus der Schweiz: Bezugsstoffe von Climatex befinden sich im Kreislauf. Dabei stehen Wiederverwendung oder Kompostierung von Rohstoffen im Fokus.

Von Yvonne von Hunnius, 28.10.2015

„Das beste Produkt ist eines, dessen Rohstoffe immer wiederverwendet werden können“, sagt Andreas Heydasch. Der Geschäftsführer des Textilunternehmens Gessner AG sitzt am Hauptsitz in Wädenswil auf einem Konferenzstuhl mit dunkelblauem Bezug. Diesem ist kaum anzusehen, wie nahe er der Vision des Kreislaufs kommt. Er ist mit einem Climatex-Stoff bezogen. In vielen Gesichtspunkten kann er als Schweizer Hightech bezeichnet werden. Wenn Heydasch diese aufzählt, ist für ihn die Priorität klar: „Unsere Stoffe sind hoch funktional.“ Klimatisierend seien sie, sodass der sitzende Mensch weniger schwitze – lange haltbar, feuerbeständig und vieles mehr. Das macht sie perfekt für Sitzmöbel in Flugzeugen oder Hotels. „Zudem sind alle Climatex-Produkte Cradle-to-Cradle zertifiziert – ihre Bestandteile befinden sich im permanenten Kreislauf, es entsteht kein Abfall“, sagt Heydasch.


Zur Person: Der Volkswirt und Politikwissenschaftler Andreas Heydasch ist seit 25 Jahren in der internationalen Textilindustrie tätig. Seit 2013 ist er als Geschäftsführer der Gessner AG verantwortlich für Verkauf, Marketing und Entwicklung. Am Zürichsee produziert Gessner seit fast 175 Jahren Textilien, seit 2008 im Speziellen Climatex-Gewebe, was heute hundert Prozent der Produktion ausmacht.  


Dokumentation der Stoffflüsse
„Cradle to Cradle“ bedeutet wörtlich übersetzt „Wiege zu Wiege“. Wer nach diesem Prinzip wirtschaftet, muss dafür sorgen, dass am Ende der Nutzungszeit eines Produkts alles wieder von vorn beginnen kann. Dafür müssen die Entwickler die Produkte intelligent konzipieren und dabei bis auf die Ebene der Rohstoffe gehen. Die Produkte müssen in ihre Einzelteile zerlegt werden können und diese müssen materialrein sein, um eine Wiederverwendung oder Kompostierung bei gleicher Qualität zu ermöglichen. Giftstoffe oder untrennbare Bestandteile dürfen nicht verwendet werden. Auch die sozialen Bedingungen der Lieferanten sind im Fokus.

Die dazugehörige Bewegung ist auf die Wissenschaftler Michael Braungart und William McDonough zurückzuführen – 3.500 Produkte sind weltweit bereits nach den Kriterien von Cradle-to-Cradle (C2C) zertifiziert worden. 27 Unternehmen, darunter auch Climatex und der Schweizer Bürostuhlhersteller Stoll Giroflex, richten ihr gesamtes Unternehmen danach aus. Dabei müssen sie alle Stoffflüsse dokumentieren – mitmachen müssen auch die Zulieferer.

Ein Cradle-to-Cradle-Stuhl von Giroflex.
© Stoll Giroflex

Pionierrolle von Climatex
Das erste C2C-Produkt war ein Climatex-Stoff. Seit 1993 wurde an der Verbindung einer abfallarmen Produktion der Funktionsstoffe getüftelt – damals noch im Rahmen des Unternehmens Rohner Textil im Rheintal. Dessen Geschäftsführer Albin Kälin sah hierin nicht nur eine Möglichkeit, das Unternehmen durch die Textilkrise zu führen. So konnten die Kosten für die Abwasserbehandlung aus der Garnfärberei und die Entsorgungskosten der Verschnittabfälle aus der Weberei angegangen werden. Die neuen Produkte brachten viele internationale Auszeichnungen und viel Renommee. Heute ist Kälin Geschäftsführer der Schweizer Beratungsagentur EPEA, die C2C-Produkte zertifiziert. Climatex wird von der Gessner AG weitergeführt – wie das ehemalige Mutterhaus Rohner ein Traditionsunternehmen. Gessner feiert 2016 das 175-jährige Bestehen. Laut Andreas Heydasch fühle man sich jedoch wie ein Start-up. Mit 260 Mitarbeitenden ist man schlank – aber laut Heydasch produktiv unterwegs. Das muss Climatex auch. Die Produktion liegt komplett in der Schweiz und das Textilgeschäft ist geprägt durch starke globale Konkurrenz.

Wettbewerbsfähigkeit im Fokus
Für den Schweizer Partner Lantal Textil stattet Gessner Flugzeuge oder Bahnabteile mit Textilien aus. Doch auch die für hartes Zulieferermanagement bekannte Automotive-Branche ist im Visier. Man kooperiert eng mit Abteilungen für Elektrofahrzeuge grosser Autohersteller. Für diese wird Klimatisierung immer wichtiger. Und Stoffe von Climatex entsprechen laut Heydasch nicht nur den C2C-Kriterien, sie sind auch leichter als die der Konkurrenz – sie entlasten durch ihre temperaturregulierenden Eigenschaften auch die Klimaanlage. Das spart Energie und hilft, die Reichweite zu vergrössern.

Textilien von Climatex
Bei solchen Textilien von Climatex wurden durch die Textile Schraube (Kollektion Dualcycle) Woll- und Kunstfasern miteinander verbunden, was eine sortenreine Trennung ermöglich. Zum Einsatz kommen sie mitunter auf Polstermöbeln im Automobil- oder Transportbereich.
© Gessner / Climatex

Climatex will sich nicht im kleinen Premiumsegment positionieren, sondern im oberen Mittelfeld wettbewerbsfähig sein – bei vollen Funktionalitätsansprüchen und mit Cradle-to-Cradle-Zertifizierung. In der letzten Zeit hat hierbei eine Climatex-Entwicklung geholfen: die Textile Schraube des patentierten Dualcycle-Systems. Durch diese Verbindungstechnologie werden Woll- und Kunstfasern verschränkt und sind nach ihrem Produktleben dennoch sortenrein zu trennen. Wolle kann kompostiert, Polyamid wiederverwertet werden. Climatex zieht daraus Vorteile, weil zwei wichtige Materialien sparsam miteinander verbunden werden können. Wolle ist durch seine klimatisierende Wirkung unverzichtbar, aber auch teuer – durch Kunstfasern ist beispielsweise auf effiziente Weise Flammhemmung und Langlebigkeit zu gewährleisten.

Mit Red Dot Awards ausgezeichnet: Der giroflex 353-Besucherstuhl, giroflex 353-Konferenzstuhl sowie giroflex 656-Konferenzstuhl waren 2014 Preisträger der renommierten Red Dot Awards. Alle drei erfüllen die Cradle-to-Cradle-Richtlinien.
© Stoll Giroflex

„Gesamtsicht ist entscheidend“
Das kann eine gute Lösung sein, wenn das Gewicht im Vergleich zu Konkurrenzprodukten klein gehalten werden kann, sagt Ökobilanz- und Ecodesignexperte Norbert Egli von der Beratungsgesellschaft Tridee in Basel. Gerade im Bereich der bewegten Güter wie im Fall von Transportmitteln sei Gewicht ein entscheidendes Kriterium, um die Gesamtumweltbelastung zu verringern. So werden Energie und Emissionen wie CO2 und Luftschadstoffe gespart. Auch wenn der Experte den Kreislaufgedanken für einen entscheidenden hält, so ist für ihn stoffliche Verwertung nicht per se der beste Weg. Er plädiert dafür, mithilfe von Ecodesign-Prinzipien gezielt nach den Ansätzen zu suchen, die eine effektive Verminderung der gesamten Umweltbelastung über den Lebensweg eines Produktes versprechen (siehe Factbox I). 

Factbox I

Eine methodische Kernfrage der Ökobilanzierung

In der Debatte um die sinnvollste Herangehensweise in der ressourcen- und umweltschonenden Produktgestaltung steht laut dem Experten Norbert Egli eine methodische Kernfrage der Ökobilanzierung im Zentrum: „Ist es zielführend, wenn Einzelaspekte aus bestimmten Lebensphasen eines Produktes optimiert werden?“ Seine Antwort: „Ja, aber nur dann, wenn aus einer Betrachtung aller Umweltaspekte heraus nachgewiesen ist, dass diese Einzelaspekte für die ‚gesamte Umweltleistung‘ des betrachteten Produktes tatsächlich relevant sind.“ Im Lichte dieser Anforderungen sei ein C2C-Zertifikat nur dann „ökologisch wertvoll“, wenn ergänzend dazu ebenfalls nachgewiesen werde, dass mit dem gewählten Produktdesign tatsächlich die über den gesamten Lebenszyklus ökologisch relevanten Wirkungen des Produktes verbessert würden. Dazu gehören neben den Produkteigenschaften auch die Wirkungen aus Rohstoffgewinnung, Produktfertigung, Nutzung und Verwertung beziehungsweise Entsorgung. Das Bundesamt für Umwelt BAFU hat diesbezüglich 2011 den Bericht „Qualitätsanforderungen an Umweltinformationen – Herleitung, Definition und Anwendung auf die Berichterstattung zur Umweltbelastung von Konsum und Produktion“ publiziert. Ziel ist, die Umweltinformationen in Qualität wie Vergleichbarkeit zu verbessern und ein verlässliches Gesamtbild zu ermöglichen. Dazu wird ausgeführt, wie die relevanten Umweltwirkungen erkannt und in welchen Entscheidungssituationen entlang des Lebensweges eines Produktes diese beeinflusst werden können.

Laut Ecodesign-Vertreter Norbert Egli unterscheiden sich die Herangehensweisen von Ecodesign und C2C dahingehend, wie definiert wird, bei welchen Umweltwirkungen und bei welchen Lebensphasen angesetzt wird. Michael Braungart, einer der Gründerväter der Cradle-to-Cradle-Bewegung, sagt, es sei schlicht falsch, Dinge zu produzieren, die die Biosphäre kontaminierten. Er sagt: „Im Sinne der Effektivität müssen wir erst fragen, was das Richtige ist und dann das Richtige tun.“ Und laut Norbert Egli sieht Ecodesign beispielsweise das Führen von Materialien im Kreislauf nicht für jedes Produkt als „das allein Richtige“ an. Andere Umweltauswirkungen könnten die Umwelt wesentlich stärker belasten.

Factbox II:

Büromöbel von Stoll Giroflex im Kreislauf

Die Schweizer Büromöbelherstellerin Stoll Giroflex AG hat seit 2010 sukzessiv die Cradle-to-Cradle-Philosophie in ihr Unternehmen integriert. Beliefert werden sie unter anderem mit Climatex-Textilien. Giroflex führt an, dass der Besitzer eines Bürostuhls bei einer Nutzung von über zehn Jahren in ständigem Hautkontakt mit den Stoffen, Kunststoffen und Metallen sei. Deshalb habe man sämtliche Materialien schadstofffrei konzipiert. Zudem gasten sie nicht aus. Nach der Nutzungszeit werden die Sitzmöbel laut Giroflex demontiert – beispielsweise sei der giroflex 656 in rund einer Stunde komplett zerlegt – und die Materialien den entsprechenden Kreisläufen zugeführt.

 

Kommentare

*
*
Wird mit dem Kommentar veröffentlicht.
*
Wird mit dem Kommentar veröffentlicht.
*
Wird mit dem Kommentar veröffentlicht.
*
Wird nicht veröffentlicht.

* Hier gelangen Sie zur Netikette und den redaktionellen Grundsätzen. Ihre Daten werden auf einem Server der Bundesverwaltung für 60 Tage gespeichert, damit wir Ihren Kommentar bearbeiten können.

Letzte Änderung 03.11.2015

Zum Seitenanfang

„Wir müssen Profit und Risiko privatisieren“

Interview mit Michael Braungart, Gründer und wissenschaftlicher Geschäftsführer des Umweltforschungs- und Beratungsinstituts EPEA in Hamburg...  

https://www.gruenewirtschaft.admin.ch/content/grwi/de/home/Gruene_Wirtschaft_konkret/Innovationenfuer-den-Stoffkreislauf.html