In Uzwil wird die Welternährung revolutioniert

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© Bühler Group Uzwil

Was hier erdacht wird, revolutioniert die weltweite Herstellung von Nahrungsmitteln: Die Maschinen des Prozesstechnologiekonzerns Bühler aus Uzwil mahlen Getreide, Kaffee oder stellen Frühstückscerealien her. Dabei hilft jede Generation neuer Lösungen, mehr Energie, Wasser und Rohstoffe zu sparen.

Von Yvonne von Hunnius, 24.08.2016

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Nun sind auch Mais-Tortillas eine besondere Spezialität aus Uzwil SG. Unzählige Tortillas wurden hier in den letzten Jahren gebacken – jedes Mal mit aufgeregter Neugierde auf das Ergebnis, das genauso schmecken sollte, wie etwa das mexikanische Original. „Wir hatten auch Bäckerinnen aus Mexiko eingeladen“, sagt Béatrice Conde-Petit"(Foto). Die Lebensmittelingenieurin und Leiterin Lebensmittelsicherheit des Technologieunternehmens Bühler ist meist beteiligt, wenn in Uzwil an Innovationen getüftelt wird. Doch Produkte von Bühler werden nicht aus Tortilla-Maismehl hergestellt, sondern es sind Maschinen aus Edelstahl. In diesem Fall haben die Produktentwickler ein neues Verfahren für die Herstellung von Tortilla-Maismehl erfunden. Vorteile: 91 Prozent Wasser- und 27 Prozent Energieersparnis. Und die Tortillas schmecken so gut wie eh und je.

Wasserersparnis für eine ganze Stadt

Die reguläre Tortilla-Maismehlherstellung verbraucht auf eine Tonne Mais 1500 Liter Wasser, das verschmutzt erst wieder in speziellen Anlagen aufbereitet werden muss. Beim Bühler-Verfahren wird der Mais nicht gekocht, sondern gedämpft. In der Summe macht das gerade für die Tortilla-Hauptregionen eine massive Ersparnis aus. Nicht nur in Mexiko ist Wasser ein knappes Gut. Produktmanagerin Alexandra Londoño hat es ausgerechnet: „Allein in Nord- und Zentralamerika werden jährlich 13 Millionen Tonnen Maismehl zu Tortillas und Tortillachips verarbeitet. Durch unsere Innovation wird soviel Wasser gespart, wie eine Stadt von 120.000 Einwohnern ein ganzes Jahr braucht.“ Die erste Anlage wird in den USA gerade errichtet.

Skaleneffekte sind enorm

Bei Bühler zählt der Skaleneffekt – ob bei Wasser, Energie oder andere Rohmaterialien, jede Ersparnis summiert sich bei den industriellen Lösungen mit langen Lebensdauern zu massiven Reduktionen. Die Nachhaltigkeitsverantwortliche Eliana Zamprogna Rosenfeld sagt: „Die Lebensmittelbranche steht am Anfang einer Revolution. Es besteht noch enormes Potenzial, um Ressourcen zu sparen. Dieses Potential kann durch innovative Technologien erreicht werden. Wir arbeiten zudem intensiv am Einsatz von Automatisierung und datengetriebenen Anwendungen.“ So werden Prozesse intelligenter und effizienter. Letztlich verändert das sogenannte Internet der Dinge auch die Lebensmittelindustrie grundlegend.

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Kornbearbeitung bei Bühler in Uzwil
© Bühler Group

Die Bühler Gruppe mit Sitz in Uzwil ist ein Prozesstechnologiekonzern in Familienbesitz mit Tradition seit 1860. Heute ist Bühler in über 140 Ländern aktiv. 65 Prozent allen Weizens weltweit wird über Bühler-Anlagen verarbeitet, bei Teigwaren sind es 40, bei Schokolade sogar 60 Prozent. Und auch in der Reisverarbeitung ist Bühler gerade Weltmarktführer geworden. Diese Marktstellung ist nur mit Innovationen zu halten. Bei jeder neuen Entwicklung gilt die Vorgabe, mindestens 30 Prozent Ressourcen zu sparen – sei es Rohmaterial, Energie oder Wasser. Inzwischen macht Bühler in Asien ebenso viel Umsatz wie in Europa. Hier zeigen sich schon heute die Herausforderungen einer steigenden und immer anspruchsvolleren Bevölkerung an den Lebensmittelsektor.

Den Gesamtprozess im Blick

Die Hauptquelle für Ideen zum Ressourcensparen ist laut Zamprogna Rosenfeld das Wissen über den Gesamtprozess vom Feld bis zur Frühstücksflocke. Die Entwickler erdenken Lösungen entlang der kompletten Prozesskette, die bei der Lagerung nach der Ernte starten, über die Sortierung, Reinigung, Lebensmittelverarbeitung bis zur Verpackung reichen. Letztlich soll die Ausbeute hoch, der Ausschuss gering sein. Und sollte unvermeidbar etwas im Prozess abfallen wie beispielsweise Schalen, dann wird dies zu einem möglichst hochwertigen Nebenprodukt weiterverarbeitet. Gerade hier soll sich ökologischer Vorteil mit ökonomischem Nutzen verbinden.

Dabei hat man es in den Weltregionen mit teils über Jahrhunderte tradierten Prozessen und Geschmacksvorlieben zu tun. Aber hat sich immer die ressourceneffizienteste Methode durchgesetzt? Und wie können Automatisierungsprozesse Fortschritte bringen? Die Entwickler bei Bühler analysieren, wie die Rohstoffe ihre Zustände bei der Verarbeitung verändern. Und sie stellen auch mal Verfahren grundsätzlich auf den Kopf. Oft liegt der Ansatz bei der Trocknung der Produkte, denn dieser macht einen grossen Anteil am Energieverbrauch aus: Je weniger Wasser somit in der Verarbeitung eingesetzt wird, desto grösser ist nicht nur die Wasser- sondern auch die Energie-Ersparnis.

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Schalenseparator in Ungarn
© Bühler Group

Die Wissenschaftlerin Béatrice Conde-Petit hatte über 20 Jahre an der ETH Zürich gearbeitet, bevor sie Vollzeit zu Bühler kam und hier umfangreiche Labore aufbaute. Für sie gibt es Parallelen zu den Materialwissenschaften: „Wir kartographieren alle Umwandlungen der Lebensmittelrohstoffe, erstellen Zustandsdiagramme, wie sie etwa für Polymere schon lange üblich sind.“ So reduziert eine neue Bühler-Lösung den Energieverbrauch bei der Pastatrocknung um 40 Prozent. Einfach indem die Entwickler den üblicherweise stundenlangen Trocknungsprozess grundsätzlich überarbeitet haben.

Was die Ernährungszukunft beeinflusst

Dabei haben die Technologieanbieter Hebel in der Hand, die angesichts der drohenden Welternährungskrise entscheidend sein können. Dem ist sich Bühler wohl bewusst. Die Maismehl-Innovation entspringt einem internen Fokus auf Mais. Es ist das am häufigsten angebaute Getreide der Welt, wobei rund 70 Prozent für Futter verwendet werden. Effizientere und auch preiswertere Verarbeitungsverfahren steigern den Anteil, der direkt auf den Tellern landet. Eine wachsende Hürde, Mais stärker einzusetzen, ist zudem der gesundheitsgefährdende Schimmelpilzbefall. Durch den Klimawandel steigt gerade für Mais oder auch Erdnüsse die Gefahr dieser Gifte. Conde-Petit sagt: „Sogenannte Mykotoxine können nicht wie Bakterien einfach abgetötet werden. Wir haben ein Getreide-Reinigungsverfahren entwickelt, das mechanische Säuberung, Reinigung im Luftstrom und blitzschnelle optische Einzelkorn-Sortierung kombiniert.“ Das Verfahren eliminiert die kontaminierten Körner und reduziert den Mykotoxin-Gehalt um 50 bis 90 Prozent.

Bühler forscht auch verstärkt zu Protein-Alternativen wie Hülsenfrüchten. Damit schlägt das Unternehmen drei Fliegen mit einer Klappe: Erstens profitiert das Unternehmen vom wachsenden Markt in Indien. Zweitens bedient es den Markt in Nordamerika, denn hier sind glutenfreie Produkte zunehmend am Kommen. Zum Dritten ist man vorne dabei, um mit nachhaltigen Innovationen, die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung zu sichern. Die Nachhaltigkeitsverantwortliche Zamprogna Rosenfeld sagt es so: „Wir suchen immer nach Lösungen, die nachhaltig und profitabel zugleich sind. Nur dann können sie ihre volle Kraft entfalten.“

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Factbox

Bühler ist nicht nur im Lebensmittel-Bereich eine weltweit bekannte Marke: Das Unternehmen ist auch bei Druckguss- und Beschichtungstechnologien im Automobil- und Optik-Sektor führend. Dabei lassen sich häufig Erkenntnisse aus dem Lebensmittelbereich anwenden. Das Extrusionsverfahren aus der Lebensmittelindustrie konnte Einsatz finden in der Produktion von Elektrodenpasten für Elektro-Batterien in der Automobilindustrie. Ein Verfahren, mit dem traditionell Frühstückcerealien hergestellt werden, hilft somit, Elektrodenpasten effizienter und kostengünstiger zu produzieren. Ein erster Grossauftrag aus China ging im ersten Halbjahr 2016 bei Bühler ein.

Zum Unternehmen

Die Bühler Gruppe ist ein Anbieter für Prozesstechnologien und -lösungen mit Hauptsitz in Uzwil SG. Die globale Produktion und Verarbeitung von Weizen, Mais, Reis, Pasta, Schokolade und Frühstückscerealien vertraut zu grossem Teil auf Bühler. Gleichzeitig ist Bühler ein Lösungsanbieter für Druckguss- und Beschichtungstechnologien mit den Anwendungsschwerpunkten Automobil und Optik. Kerntechnologien sind mechanische und thermische Verfahrenstechniken. Bühler ist in über 140 Ländern tätig, beschäftigt rund 10.800 Mitarbeitende und investiert bis zu 5 Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung.

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Letzte Änderung 06.12.2017

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