Die Zeit ist reif für nachhaltige Anlagen

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Nachhaltige Finanzprodukte als Wachstumsstrategie? Ein breit abgestützter Expertenbericht sieht darin grosses Potenzial und schlägt Massnahmen vor, wie Finanzmarktakteure kundenorientierter und umweltfreundlicher werden können.

Von Yvonne von Hunnius/Loa Buchli, 3.08.2016

Das Interesse an nachhaltigen Anlagen ist da. Es müsse nur abgeholt werden, findet die Geschäftsführerin von Swiss Sustainable Finance (SSF), Sabine Döbeli. Sie ist überzeugt, dass nachhaltige Finanzen für die Schweiz als einen der weltweit wichtigsten Finanzplätze matchentscheidend sind. Bei SSF steht Döbeli einer Organisation von über 90 Vertretern der Finanzbranche vor. Zudem ist sie Mitautorin des Mitte Juni 2016 erschienenen Berichts, der Massnahmen für mehr Nachhaltigkeit im Schweizer Finanzmarkt unterbreitet. «Vorschläge für einen Fahrplan zu einem nachhaltigen Finanzsystem in der Schweiz» ist das Ergebnis eines breiten und fruchtbaren Dialogs. Unter Leitung des Bundesamts für Umwelt (BAFU) wurde er von über 30 Spezialisten aus Privatwirtschaft, Bundesämtern, Universitäten und Nichtregierungsorganisationen ausgearbeitet (UBS, CS, Swiss Re, Robeco SAM, Zurich Insurance Group, Globalance Bank und andere aus der Privatwirtschaft. Der WWF war als Nichtregierungsorganisation vertreten.)

Der Bericht äussert die Überzeugung, dass nachhaltige Anlagen als saubere Wachstumstreiber des Finanzmarkts wirken können. Noch ist deren prozentualer Anteil gering, doch nachhaltige Anlagen sind ein klarer Wachstumsmarkt. Gemäss dem Marktbericht «Nachhaltige Geldanlagen 2016» wurde Ende 2015 ein Plus von 169 Prozent gegenüber 2014 ausgewiesen. Neben neu erfassten Kategorien verzeichnen allein die bestehenden ein Wachstum von fast 100 Prozent.

Nachfrage von Kunden besteht

Nun soll das Thema im Mainstream ankommen. Dafür will man die Verwendung der sogenannten ESG-Kriterien fördern. ESG steht für «Environment, Social, Governance», also dafür, dass Umwelt- und Sozialfragen sowie Fragen der Unternehmensführung von Unternehmern und Analysten berücksichtigt werden. Die Autoren formulierten 20 konkrete Vorschläge, wie Finanzmarktvertreter die ESG-Kriterien in ihre Prozesse integrieren können. Die Massnahmen beziehen sich auf die Bereiche des Finanzgeschäftes mit dem grössten Hebel für die Nachhaltigkeit: das Asset- und das Wealth-Management, die institutionellen Anleger, das Kreditgeschäft, den Kapitalmarkt sowie Forschung und Bildung.

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Immer mehr Anleger möchten in nachhaltige Projekte investieren. Beispielsweise mit einem Mikrokredit an einen Teebauer in Kenia.
© Die Volkwirtschaft

Insbesondere im Privatkundengeschäft erhoffen sich die Experten einen Mehrwert für die Schweiz. Es ist für die Schweiz, als Zentrum des globalen Privatkundengeschäfts, eine Chance, das Thema stärker in diese Dienstleistungen zu integrieren. Der Bericht verweist auf Umfragen, die zeigen, dass Privatkunden beides wollen: Geld verdienen und etwas Positives bewirken. Berater bewegen sich also noch stärker auf die Kunden zu, wenn sie hier Produkte anbieten. Potenzial sehen die Experten auch beim Asset-Management. Wenn die Schweiz hier noch wettbewerbsfähiger werden wolle, sollte sie das Wissen um nachhaltige Anlagen besser ins Standard-Asset-Management einbauen. Global gesehen legten immer mehr institutionelle Kunden wie Pensionskassen, Versicherungen und Stiftungen Wert auf die Integration von ESG-Kriterien.

Nachhaltigkeit systematisch ausweisen

Unter den Experten herrscht Einigkeit darüber, dass ein Mangel an Sensibilisierung, Commitment und Know-how der Finanzmarktakteure sowie ungenügende Transparenz die grössten Hürden für nachhaltige Anlagen sind. Die formulierten Massnahmen setzen deshalb hauptsächlich bei der Transparenz an, sie unterstützen Kundenberater, das Thema zu positionieren, und sie fordern einen Fokus bei Forschung und Bildung. Zentrale Punkte des Berichts sind: Kundenberater besser intern zu schulen und ihnen bereits in der Ausbildung an der Universität oder der Fachschule Grundwissen über nachhaltige Anlagen zu vermitteln.

Die vorgeschlagenen Massnahmen gehen aber auch detailliert auf die Prozesse in der Finanzbranche ein. So zielen sie bei den Finanzinstituten wie z. B. Banken etwa darauf ab, das Thema zum Standardelement der Beratungsgespräche zu machen. Die ESG-Kriterien sollen durch die Portfoliomanager auch automatisch in den Selektionsprozess der Anlageprodukte integriert werden. Die Anbieter werden dazu eingeladen, für alle ihre Finanzprodukte auszuweisen, wie stark sie die ESG-Kriterien integrieren. Beim Kreditgeschäft sollten ESG-Faktoren auch systematisch bewertet und in das Risikomanagement der Banken, aber auch in das Kreditrating von Banken und Ratingagenturen integriert werden.

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Der Gedanke hinter diesen Vorschlägen ist schlüssig: Je standardisierter ESG-Kriterien Erwähnung finden, desto eher etablieren sie sich als feste Grösse. Doch dazu bedarf es guter Grundlagen. Im Bericht wird deshalb gefordert, handfeste Instrumente neu zu entwickeln oder weiterzutreiben: Dabei handelt es sich etwa um die Integration von Nachhaltigkeitskriterien in den Leistungskennzahlen und in den Key Performance Indicators sowie um die Optimierung von Risiko-Rendite-Profilen.

Globale Dynamik gibt Rückenwind

Wie konkret das Thema hier behandelt wird, mag manche verwundern, wurde es doch lange Zeit hauptsächlich in Expertenrunden diskutiert. Doch eine globale Dynamik gibt den Akteuren gute Gründe, das Thema jetzt zu forcieren. 2015 wurden mit den sogenannten Sustainable Development Goals internationale Ziele für eine nachhaltige Entwicklung und ein für alle Staaten rechtlich bindendes Klimaabkommen in Paris verabschiedet. Die beschlossenen Milliardensummen zur Finanzierung dieser Programme liegen noch nicht auf dem Tisch. Allein um die Ziele für eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen, dürften in den kommenden 15 Jahren Investitionen von 5 bis 7 Billionen Dollar jährlich notwendig sein. Damit dies möglich ist, müssen jetzt neue Finanzierungsformen vorangetrieben werden.

Aktuell werden Fragen der nachhaltigen Entwicklung auf Finanzmärkten auf vielen unterschiedlichen Ebenen diskutiert. Beispielsweise hat die Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G-20) eine Studiengruppe zu Green Finance geschaffen und damit das Thema erstmals auf die Agenda des G-20-Gipfels im September 2016 gebracht.

Die Schweiz kann etwas bewegen

Basierend auf der Untersuchung «UNEP Inquiry into the Design of a Sustainable Financial System» des UNO-Umweltprogramms namens UNEP, haben die Schweizer Experten die Praxis ins Visier genommen. Die Empfehlungen appellieren an die Eigenverantwortung der Marktteilnehmer. Es ist der Fokus auf marktwirtschaftliche Lösungen, der die Schweiz auch bei diesem Thema von anderen Ländern unterscheidet. Frankreich oder China haben das Thema jüngst stark von staatlicher Seite vorangetrieben. Doch für die Autoren passt dieses Vorgehen besser zur Schweiz, die einen anderen Stil hat als viele Länder, die Änderungen stärker durch Gesetze verordnen. Der Bundesrat hat im Februar seine Grundsätze für eine national und international konsistente Politik in diesen Fragen beschlossen. Zentral dabei ist: Der Bund sieht seine Rolle in diesem Bereich in erster Linie als die eines Vermittlers. Marktwirtschaftliche Lösungen haben Vorrang.

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SIX Swiss Exchange, Zurich.
© SIX

Diese Vorgehensweise dürfte nirgendwo so erfolgversprechend sein wie in der Schweiz. Hiesige Finanzakteure haben im Bereich nachhaltiger Anlagen einen grossen Schatz an Wissen und Erfahrung. Aus der Schweiz stammt seit 1999 die erste globale und nachhaltige Indexfamilie: die Dow Jones Sustainability Indices. Der erste Ökoeffizienz-Fonds «Oekosar», der 1994 von der Basler Privatbank Sarasin lanciert wurde, leitete einen Perspektivenwechsel ein: weg von einer thematischen, hin zu einer sektorenübergreifenden Bündelung. Das Schweizer Unternehmen Reprisk hat sich mit der ESG Risk Platform im globalen Markt zur Grösse entwickelt. Reprisk stellt Finanzakteuren ESG-Risikoprofile von über 65’000 Unternehmen zur Verfügung.

Wird dieser Fahrplan weiterverfolgt, hat das Thema nachhaltige Finanzen grosses Potenzial, die Schweizer Reputation zu stärken – ein wichtiger Aspekt im Rahmen der Positionierung als Hort der Stabilität. Gleichzeitig liegt darin eine globale Chance. Der ehemalige Direktor des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) und heutige SSF-Präsident Jean-Daniel Gerber drückt es so aus: «Die Schweiz ist ein weltweites Zentrum für Vermögensverwaltung und kann als solches zur Steigerung der Nachhaltigkeit von Finanzsystemen auf der ganzen Welt beitragen.»

Nachhaltigkeit am Schweizer Finanzplatz

Ein Bericht von über 30 Experten aus dem Finanzsektor, von Bundesämtern, Universitäten und Nichtregierungsorganisationen legt 20 Massnahmen für mehr Nachhaltigkeit am Schweizer Finanzplatz vor. Gemäss dem Bericht könnten nachhaltige Anlagen dem Finanzplatz zu mehr Wachstum verhelfen, denn seitens der Kunden besteht eine Nachfrage nach solchen Produkten. Die vorgeschlagenen Massnahmen legen den Akteuren nahe, ihr Personal gezielter in diese Richtung auszubilden, z. B. um in Beratungsgesprächen kompetent auf die Anliegen von Kunden reagieren zu können. Gleichzeitig soll die systematische Einführung von Nachhaltigkeitskriterien die Transparenz von Anlagen verbessern und so die Nachhaltigkeit im Mainstreamgeschäft etablieren. Als weltweites Zentrum für Vermögensverwaltung erzeugt die Schweiz mit ihrem Vorgehen bei diesem Thema eine Hebelwirkung.

Der Artikel erschien bereits in der Fachzeitschrift Die Volkwirschaft vom 26.07.2016.

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Letzte Änderung 15.08.2016

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