„Die Schweiz könnte viel mutiger sein!“

Auf Mobilität kann niemand verzichten – auf ein Zweitauto schon, sagt Verkehrsexperte Daniel Matti von Interface Politikstudien Forschung Beratung. Er sieht Potenzial in der kollaborativen Mobilität und fordert mehr Mut vom Bund.

Interview: Yvonne von Hunnius, 24.2.2016

Der Geograf Daniel Matti ist Bereichsleiter Verkehr und Raum beim Beratungs- und Forschungsunternehmen Interface Politikstudien Forschung Beratung in Luzern. Seine Themenschwerpunkte liegen in den Bereichen Mobilität, Raumentwicklung und demografischer Wandel.

Wie können die Schweizer die Umwelt bei ihrer Mobilität am besten schonen?

Das erkennt, wer beispielsweise den Selbsttest beim Mobilitätsdurchblick macht. Diese Plattform wird getragen von öffentlichen und privaten Partnern. Damit werden jährlich rund 5000 individualisierte Beratungen durchgeführt. Sichtbar werden etwa die Umweltauswirkungen der eigenen Mobilität, wie viel Zeit und Geld sie braucht und welche Alternativen es gibt. Den Nutzern des Mobilitätsdurchblicks sind laut Untersuchungen die Umweltaspekte am wichtigsten, erst danach kommen Fragen nach Geld und Zeit.

Und ändern sie durch die Beratung tatsächlich etwas?

In einer Befragung gaben 5 bis 10 Prozent der Nutzer des Mobilitätsdurchblicks an, die Beratung als Entscheidungshilfe bei einem Flottenentscheid genutzt und auf einen Erst- oder Zweitwagen verzichtet zu haben. Und entscheidend für die Fahrleistung ist der Autobesitz. Ein gutes Beispiel dafür ist die Carsharing-Energiebilanz, die wir erstmals 2006 im Auftrag des Bundesamts für Energie durchgeführt haben und kürzlich aktualisiert wurde. Dank Mobility wurden 2014 umgerechnet 8,8 Millionen Liter Benzin eingespart. Diese positive Bilanz wird durch einen relativ kleinen Teil der Mobility-Nutzer ermöglicht, die neben Mobility ganz auf das eigene Auto verzichten – sie machen so viel aus, dass in der Summe Energie eingespart wird.

Welche Menschen steigen vom eigenen Auto zum Sharing-Modell um?

Oft sind es diejenigen, die biographische Brüche erleben und beispielsweise umziehen. Deshalb machen wir auf den Mobilitätsdurchblick beispielsweise auch in Broschüren für Neuzuzüger aufmerksam, etwa in der Gemeinde Köniz. Genau in diesen Momenten im Leben organisiere ich meine Mobilität neu – sonst herrscht Routine.

In welchen Punkten sehen Sie noch grosses Potenzial für Sharing-Modelle?

Beispielsweise bei der Abdeckung der Randzeiten in Randregionen gibt es grosse Chancen für Sharing-Konzepte: Zum ÖV- oder Rufbussystem kann jetzt Carsharing oder Carpooling – also das Mitfahren –als perfekte Ergänzung zum ÖV kommen. Noch konzentrieren sich viele dieser Angebote auf die städtischen Räume – doch die Verbreitung von Angeboten kollaborativer Mobilität wird auch in Randregionen steigen, sobald grosse Verkehrsbetreiber wie die SBB und Postauto Schweiz diesbezügliche Aktivitäten stärker ausbauen.

Wo sehen Sie die Schweiz generell – wie kann hier Mobilität nachhaltiger gestaltet werden?

Ich sehe drei Ansatzpunkte. Erstens ist eine stärkere Veränderung kaum möglich ohne Mobility Pricing, also eine benutzungsbezogene Abgabe für Mobilität. Das kann momentan der ÖV am besten umsetzen, doch es ist wichtig, dadurch den ÖV nicht unattraktiv zu machen. Zweitens braucht es gute Rahmenbedingungen für die kollaborative Mobilität – es gibt etwa offene Rechtsfragen und die Rolle des Bundes ist zu klären. Aktuell arbeiten wir im NFP 71-Forschungsprojekt „Kollaborativer Konsum: Hype oder Versprechen?“ mit, welches die Energiebilanz der kollaborativen Mobilität untersucht. Aktuell startet dabei eine Breitenbefragung, um auch Rebound-Effekte zu erforschen. Sharing-Angebote sollten energieeffiziente Mobilität ermöglichen. Drittens müssen sich Behörden verstärkt den Fussgängern und Velofahrern widmen. Der Langsamverkehr ist ein Stiefkind der Bundesverkehrspolitik, bei der wir in der Schweiz keine Vorreiterschaft innehaben – sogar in Bezug auf solche Staaten, die klimatisch ungünstigere Verhältnisse haben.

Sie würden also den Bund stärker in die Pflicht nehmen?

Seit dem Durchbruch von Carsharing hat die Schweiz kein richtig innovatives Verkehrsprojekt mehr erlebt. Hier könnten staatliche Impulse etwas bewegen. Man könnte auch deshalb viel innovativer und mutiger sein, weil die Preissensibilität in der Schweiz vergleichsweise gering ist. Und wenn wir nicht rasch innovative Konzepte mit ÖV und Sharing-Anbietern vorantreiben, wird uns die Entwicklung der (voll-)automatisierten Fahrzeuge überrollen. Hier sehe ich momentan den grössten Willen zu Investitionen von verschiedenen Akteuren. Dabei verkennen viele die grossen Herausforderungen. Durch automatisierte Fahrzeuge fielen fast alle Einschränkungen im Gebrauch eines Autos weg und die Fahrleistungen könnten explodieren - auch zu Lasten der Umwelt.

Bund sucht nachhaltige Mobilitätskonzepte

Das Infrastruktur- und Umweltdepartement (UVEK) unterstützt Ideen und Ansätze für eine zukunftsfähige Mobilität. In einem Pilotversuch wurde hierfür das Dienstleistungszentrum für innovative und nachhaltige Mobilität (DZM) gegründet. Nach der Konsolidierungsphase soll es als Koordinationsstelle für nachhaltige Mobilität (KOMO) wirken und sich als zentrale Anlaufstelle für nachhaltige Mobilitätsprojekte etablieren. Gerade den Schnittstellen der verschiedenen Verkehrsträger wird dabei grosse Bedeutung beigemessen, die Leistungsfähigkeit und Nachhaltigkeit des gesamten Verkehrssystems zu verbessern. Beitragssuchende werden somit gemeinsam beurteilt von Experten des Amts für Energie (BFE), für Raumentwicklung (ARE), Strassen (ASTRA), Umwelt (BAFU), Verkehr (BAV) und Gesundheit (BAG).

Link: www.are.admin.ch

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Letzte Änderung 26.02.2016

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