Der Kampf gegen den Hunger braucht Innovationen

Die Weltbevölkerung steigt – eine Ernährungskrise ist absehbar. Als Hebel wird dabei der technische Bereich der Lebensmittelproduktion unterschätzt, sagt Philipp Aerni, Direktor des Zentrums für Unternehmensverantwortung und Nachhaltigkeit (CCRS) an der Uni Zürich. 

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Philipp Aerni ist Direktor des Zentrums für Unternehmensverantwortung und Nachhaltigkeit (CCRS) an der Universität Zürich. In den vergangenen Jahren hat er sich vor allem mit der Rolle von Wissenschaft, Technologie und Innovation für eine nachhaltige Entwicklung beschäftigt. Vor seiner Ernennung zum Direktor des CCRS hat Dr. Aerni an der Harvard Universität, der ETH Zürich, der Universität Bern sowie bei der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) gearbeitet.

Interview: Yvonne von Hunnius, 24.08.2016

Kommen technische Innovationen wie diejenigen von Bühler auch der kleinstrukturierten Basis des Nahrungsmittelsektors zu Gute?

Philipp Aerni: Oftmals ist die Rede von einer Milliarde Kleinbauern, die global für 70 Prozent der Nahrungsmittelproduktion sorgen. Allerdings muss man bedenken, dass es sich zumeist um Kleinstbetriebe handelt, die primär auf Selbstversorgung ausgerichtet sind. Investitionen in technische Innovation lohnen sich nicht, wenn nur für einen kleinen regionalen Markt produziert wird. Bühler Technologien sind jedoch von zentraler Bedeutung, wenn es um die Versorgung der wachsenden Städte geht.

Wer produziert dann die 70 Prozent der Lebensmittel – und kommen hier Innovationen an?

Das sind gemäss dem SOFA Report 2014 der FAO Familienbetriebe. Diese sind nicht per se klein, sondern umfassen auch viele Mittel- und Grossbetriebe. Für solche Familienbetriebe bietet Bühler mit seinen innovativen und modular aufgebauten Lösungen, die an die lokalen Gegebenheiten angepasst werden, durchaus Möglichkeiten für nachhaltiges lokales Wachstum. Somit tragen sie mit ihren Investitionen nicht nur zu einem besseren Einkommen der Bauern bei, sondern ermöglichen auch den Strukturwandel auf dem Land durch die Schaffung von Jobs ausserhalb der Landwirtschaft.

Sehen Sie eine Gefahr in der starken Marktstellung eines Akteurs wie Bühler? Immerhin werden 65 Prozent allen Weizens über Bühler-Anlagen verarbeitet...

Bühler hat in der Tat grosse Marktanteile bei der Verarbeitung von Rohstoffen wie Weizen, Kakao und Mais. Dennoch steht sie in Konkurrenz mit anderen Anbietern, die zum Teil billigere Lösungen offerieren. Die Firma muss daher innovativ bleiben, um ihre Marktanteile halten oder gar vergrössern zu können. Das ist monopolistische Konkurrenz. Letztlich ist das positiv für alle, denn der Nutzen dieser Innovationen fällt keineswegs nur auf das Unternehmen zurück, sondern auch die Allgemeinheit profitiert davon. Bühler schafft somit mehr Wohlfahrt als ein Unternehmen, das im perfekten Wettbewerb operiert und nur über kleine Effizienzsteigerungen im Markt überleben kann. Einem solchen Unternehmen bleiben keine Überschüsse übrig, die es in Innovation investieren könnte.

Wie wichtig ist der technische Bereich zwischen Feld und Teller für die Hunger-Bekämpfung?

Die Bedeutung der Nahrungsmittelverarbeitung beispielsweise zur Reduktion von Food Waste wird stark unterschätzt. Tonnen von Nahrungsmittelabfällen können vermieden werden, wenn aus Gemüse und Früchten, die nicht den Topstandards für Frische und Schönheit der Grossverteiler genügen, Sekundärprodukte wie etwa Marmelade oder Püree gemacht werden. Gerade bei Bühler geht es ja um sekundäre, also verarbeitete Produkte. So wird Getreide zu gut haltbaren Produkten und auch innovativen Nebenprodukten verarbeitet. Bühler leistet mit modernen Verarbeitungstechnologien auch einen wichtigen Beitrag zur Reduktion natürlicher Gifte wie Schimmelpilze in Nahrungsmitteln. Diese Mycotoxine – insbesondere Aflatoxine – können die menschliche Gesundheit gefährden, doch weil sie ‚natürlich‘ sind, wird das Risiko vom Konsumenten häufig unterschätzt.

Was meinen Sie damit?

Wir vergessen oft, dass die Landwirtschaft ja nicht einem Schöpfungsplan entsprungen ist, bei dem Gott die Absicht hatte, den Menschen mit gesunden und schmackhaften Nahrungsmitteln zu versorgen. Der Mensch musste zuerst lernen, die Natur so zu verändern, dass ihre Produkte ausreichend produziert und gelagert werden können, und dass ihr Konsum geniessbar, ungefährlich und nahrhaft ist. Diese Umwandlung von Natur in Kultur hat nicht zuletzt dank Fortschritten in der Pflanzenzüchtung und der Nahrungsmittelverarbeitung stattgefunden.

Bei welchen Ressourcen oder Bereichen müsste am dringendsten angesetzt werden, um Ernährungskrisen vorzubeugen?

Ein Hauptproblem ist heute die wachsende Polarisierung in der öffentlichen Debatte um die nachhaltige Landwirtschaft. Es geht um Gross- versus Kleinbetriebe, Biotechnologie versus Bio, Pflanzenzucht versus Agrarökologie, öffentlicher versus privater Sektor, internationaler Handel versus Selbstversorgung. Ideologische Gründe verhindern wertvolle Formen der Zusammenarbeit.

Wie kann diese Kooperation konkret aussehen?

Es werden meist dort gute Resultate in Landwirtschaft und Armutsreduktion erzielt, wo Industrie, Forschung, Zivilgesellschaft und Regierung pragmatisch an lokalen Lösungen arbeiten. Wenn man mit lokalen Akteuren Prioritäten setzt, Kompetenzen bündelt und system-orientierte Lösungsansätze entwickelt. So ist die Chance gross, dass daraus ein lokales Geschäft entsteht, das finanzielle Nachhaltigkeit sicherstellt, zur wirtschaftlichen Emanzipation beiträgt und lokale Jobs schafft. Leider ist es so, dass Hilfsorganisationen primär ihren Spendern, staatliche Entwicklungsorganisationen den Steuerzahlern und Grossunternehmen den Aktionären gefallen müssen, um in ihrem jeweiligen Markt zu reüssieren. Deren Prioritäten stimmen oft nicht mit den lokalen Prioritäten überein.

Bühler bringt mit Netzwerk-Veranstaltungen Akteure zusammen, kooperiert mit der EPFL und Innovationsinitiativen. Ein guter Anfang oder ein Tropfen auf den heissen Stein?

Es sind wohl noch grössere Gräben zu überbrücken, doch Bühler schreitet hier sicherlich mit gutem Beispiel voran. Als neutraler und innovationsgetriebener Technologieanbieter, der mit grossen wie kleinen Kunden zusammenarbeitet, bietet sich Bühler durchaus an, breite Netzwerke zu schaffen.

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Letzte Änderung 23.08.2016

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