Damit die Umwelt beim Einkauf nicht drauflegt

Der Lebensmittelhandel ist eng mit dem Alltag der Menschen verbunden. Dabei machen Lebensmittel über 25 Prozent der Schweizer Umweltauswirkungen aus. Das WWF-Umweltrating will zeigen, wie die Grössten der Branche sich für die Umwelt engagieren.

Von Yvonne von Hunnius, 06.01.2016

Bei welchem Detaillisten können die Konsumentinnen und Konsumenten davon ausgehen, dass sie mit ihrem Einkauf die Umwelt nicht über Gebühr belasten? Die Umweltorganisation WWF hat verglichen und im Dezember 2015 ein Rating veröffentlicht. Sie hat unter die Lupe genommen, wie sich Lebensmittel-Detail-, aber auch -Grosshändler für Umweltfragen engagieren. Die 13 grössten Akteure der Schweiz waren gebeten worden, dafür über 70 Fragen zu Sortiment, Management und gesellschaftlichem Engagement zu beantworten. Das Ergebnis soll Konsumenten und Unternehmen weiterhelfen. Mitautorin Jennifer Zimmermann vom WWF sagt: „Wir zeigen visionäre Projekte wie auch Schwachpunkte auf – damit können die Unternehmen direkt weiterarbeiten.“

Genaues Hinschauen bringt weiter
Noch ein Rating, mögen manche denken. Jürg Buchli kann die Rating-Müdigkeit verstehen. Der Leiter der Fachstelle Nachhaltigkeit und Energie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) sagt jedoch auch: „Unternehmen müssen sich messen lassen an den Zielen, die sie sich stecken. Nur wenn genau hingeschaut wird, kann sich keiner auf seinen Lorbeeren ausruhen, Greenwashing betreiben oder das Thema totschweigen.“ 

Migros-Filiale (Bild Migros)

Sehr ernst zu nehmen scheinen dies die Schweizer Detailhandelsriesen Coop und Migros, die auch regelmässig internationale Rankings zum Thema dominieren. Wenig überraschend stehen sie im WWF-Umweltranking in der Kategorie der Vorreiter an der Spitze. Verfolger gibt es keine – die Konkurrenz erscheint erst im oberen Mittelfeld. Doch warum genau liegen die beiden Grossen so weit vorne? Jennifer Zimmermann sagt: „Sie gehen die ökologischen Herausforderungen sehr fundiert und systematisch an. Sie nehmen Analysen ihrer relevantesten Umweltauswirkungen als Basis für konkrete Massnahmen und berichten regelmässig über die Zielerreichung.“ Und das wirke sich letztlich auf unterschiedlichste Bereiche aus.

Migros will zu Branchenlösungen motivieren
Wo beispielsweise Migros bei der Zielerreichung steht, wird zweimal pro Jahr transparent gemacht. Dabei sei der Treiber des Engagements nicht nur die Ressourceneffizienz, sagt die Migros-Nachhaltigkeitsverantwortliche Cornelia Diethelm. Sie erinnert an die Migros-Statuten, in denen festgeschrieben sei, das Allgemeininteresse höher zu stellen als das des Unternehmens. „Aber natürlich können und wollen wir uns weiter verbessern“, sagt sie. Dazu gehöre die Frage, in welchem Umfang die Migros-Pensionskasse Umweltaspekte bei ihren Investitionen berücksichtigt. Dass sie das bisher nicht tut, ist einer der wenigen Kritikpunkte des Ratings.  

Elektrolastwagen von Coop (Bild Coop)

Der Fokus auf Nachhaltigkeit der beiden Konkurrenten Migros und Coop bringe die Schweiz voran, sagt Diethelm. Doch der Markt bestehe aus vielen Akteuren. „Manchmal würde ich mir wünschen, wir hätten mehr Verfolger und es gäbe mehr Branchenlösungen in dieser Richtung“, meint sie. Letzteres ist auch eine WWF-Empfehlung: Jennifer Zimmermann erklärt im gesonderten Interview, welche Chancen durch Sektoransätze entstehen können.

Engagement im Rahmen des Möglichen
Der Geschäftsführer des Detailhandelsverbands Swiss Retail Federation, Adrian Wyss, sieht die kleineren Händler im Rahmen ihrer Möglichkeiten grosse Anstrengungen unternehmen. Trotz allem seien jedoch limitierte Ressourcen ein gewisser Nachteil im Vergleich zu den Branchenriesen. „Für mich zeigt sich das bei der aufwendigen Teilnahme an solchen Ratings selbst, aber auch bei der öffentlichkeitswirksamen Vermarktung des Umweltengagements“, sagt er. So haben die Detailhandelsketten Volg und Pam die Fragebögen nicht ausgefüllt. Volg-Kommunikationsverantwortliche Tamara Scheibli sagt: „Für Volg als kleines Unternehmen war es aufgrund der beschränkten personellen und zeitlichen Ressourcen schlicht nicht möglich, einen solch umfassenden Fragebogen mit einem vernünftigen Aufwand und in der geforderten Zeit auszufüllen.“ Aber selbstverständlich werde das Thema Nachhaltigkeit bei Volg gross geschrieben.

Branche ist in Bewegung
Das WWF prognostiziert der Branche als Ganzes noch einen langen Weg zu einer umweltverträglichen Wirtschaftsweise. Doch die Dynamik ist unübersehbar: Fast alle Unternehmen verfügen laut Studie über Nachhaltigkeitsstrategien im Management. Zudem investierten viele bereits im Bereich Energie und CO2-Reduktion.  

Dabei zeigt Lidl Schweiz, wie viel sich momentan tut. Im Rating werden noch fehlende CO2-Ziele bemängelt. In Bearbeitung waren sie schon: Anfang Dezember stellte das Unternehmen, ein umfassendes betriebliches CO2-Management mit klaren Zielen vor – ab 2016 ist es offiziell CO2-neutral. Für den Nachhaltigkeitsverantwortlichen Nico Frey passt das zu Lidl Schweiz: „Unser Geschäftsmodell ist maximierte Effizienz – und durch diese Massnahmen können wir Ersparnisse mit ökologischer Verantwortung zusammenbringen.“ Das WWF plant eine regelmässige Wiederholung des Umweltratings: Dann wird sich zeigen, welches Unternehmen in der Schweiz welche Geschwindigkeit vorlegt. 

Lidl-Filiale (Bild Lidl)

Ergebnisse des Umweltratings 2015

Die Studie wurde 2015 erstmals von WWF in Kooperation mit der Ratingagentur Inrate herausgegeben und misst das Engagement der 13 grössten Akteure im Lebensmittel-Detail- und Grosshandel der Schweiz.

Vorreiter
Coop, Migros

Verfolger
(kein Unternehmen)

Oberes Mittelfeld
Aldi Suisse, Denner, Lidl Schweiz, Manor, Pistor, Saviva, Transgourmet Schweiz

Unteres Mittelfeld
Globus, Spar

Intransparente
Pam, Volg

Kommentare

07.01.2016
Kommentar von Dominique Barro, Männedorf

Interessant wäre eine länderübergreifende Studie. wie stehts es mit deutschen/französischen/italienischen Supermarktketten? Was sind dort die Nachhaltigkeits-Treiber?

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Letzte Änderung 26.02.2016

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