Auf dem Weg zur Dekarbonisierung

Eine Wirtschaft frei von Öl, Kohle und Erdgas ist ein erklärtes Ziel der G7-Staaten. Damit soll die Erwärmung des Klimas innerhalb eines verträglichen Rahmens gehalten werden. In einigen Sektoren hat diese Dekarbonisierung bereits begonnen. Die Schweiz stösst zwar noch viel CO2 aus, liegt jedoch in der Erforschung sauberer Technologien weit vorne, sagt Philippe Thalmann im Interview.

Interview: Szilvana Spett, 1.12.2015

Thalmann

Philippe Thalmann ist Professor für Umweltökonomie an der ETH Lausanne und Mitglied des Beratenden Organs für Fragen der Klimaänderung (OcCC), dem Klimabeirats des UVEK. Zuvor war er als Dozent an den Universitäten Genf und Lausanne tätig. Er hat Wirtschaft an der Universität Lausanne studiert. Seinen Doktortitel erlangte er 1990 an der Harvard Universität.

Die G7-Staaten haben sich kürzlich für dafür ausgesprochen die Wirtschaft von ihrer Abhängkeit von Öl, Kohle und Erdgas zu befreien. Hat die Dekarboniserung schon begonnen?

Philippe Thalmann: Weltweit sicher nicht. Der Austoss von CO2 durch die Verbrennung von Öl, Kohle und Erdgas nimmt weltweit immer noch zu. Es gibt wenig Länder, die es geschafft haben wirtschaftlich zu wachsen und den Verbrauch an fossilen Energieträgern zu senken. In Europa gibt es jedoch schon einige Länder, die auf gutem Weg sind. Die Schweiz hat es nicht geschafft. Wir haben immer noch so viele Emissionen wie 1990. Also noch keine Dekarbonisierung in der Schweiz.

Sind andere schon weiter?

Ja natürlich. Es gibt Länder und Sektoren, wo der fossile Energieverbrauch bereits abnimmt. Vor allem in der Stromproduktion wurde relativ stark entkohlt. Die Kohle als wichtigste Stromquelle wurde praktisch aufgegeben. Das ist eine Teildekarbonisierung, wie wir sie vor 100 Jahren schon bei den Bahnen erlebt haben. Auch der Gebäudesektor ist bereits auf gutem Weg. Hier zeigt die Schweiz ein gutes Beispiel. Es werden immer mehr Wärmepumpen und Solarthermie verwendet. Die Gebäude sind besser isoliert.

Wie lange wird es bis zu einer vollständigen Dekarbonisierung dauern?

Es gibt keine Prognosen, nur Szenarien. Der CO2-Ausstoss muss auf Null sinken, das ist klar. Es gibt verschiedene Zeithorizonte: Die einen sagen bis zum Ende des Jahrhunderts, andere sagen mittlerweile bereits, dass es bis Mitte des Jahrhunderts gemacht werden müsste. Damit die ärmeren Länder in den kommenden Jahrzehnten noch von der billigeren fossilen Energie profitieren können, müssen die Industrieländer ihren CO2-Ausstoss umso schneller auf Null senken, damit die globalen Emissionen sinken. Schweden und Norwegen haben sich die CO2-Neutralität beispielsweise bereits in das Programm geschrieben.

Welche Massnahmen seitens der Politik sind noch nötig, damit die Dekarbonisierung angetrieben wird?

Am Ende ist das eine ökonomische Frage. Erdöl ist sehr billig geworden. Das beeinflusst viele bei Entscheidung etwa zwischen einem Elektroauto oder einem Benziner. Aus diesen ökonomischen Gründen wird der Ausstieg schwieriger.

Letztendlich gibt es zwei Gründe für die Dekarbonisierug: den Klimawandel und die Tatsache, dass Öl ein endlicher Rohstoff ist. Langfristig wird Erdöl teurer werden, weil die Nachfrage steigt und das Angebot sinken wird. Bisher sieht man jedoch gerade das Gegenteil. Da bleibt im Moment nur der Klimawandel als Argument gegen fossile Energie. Von Unternehmen kann man so kaum erwarten, dass sie von sich aus dekarbonisieren. Es braucht also Anreize.

Aber letztendlich muss das Öl doch im Boden bleiben, damit die Dekarbonsierung erreicht werden kann...

Ja natürlich, das ist die Bedingung. Wenn der CO2-Austoss auf Null sinken soll, dann kann nicht all das Öl, das man schon kennt, gefördert werden. Das gilt auch für Kohle und Erdgas. Die bekannten Reserven müssen zum Grossteil im Boden bleiben. Ausser man entwickelt ganz schnell die Technologie zur Abscheidung von CO2 und seiner Speicherung im Boden. Das ist so wie ein Hintertürchen.

Ist das realistisch?

Schwer zu sagen. Ich würde es nicht ganz auschliessen. Was dagegen spricht ist, dass es schon lange in den Büchern steht... Es wird schon lange in die Forschung investiert, aber bisher hat es noch nicht geklappt. Es ist schwieriger als es auf den ersten Blick scheint.

Ein zweiter Aspekt: Wenn die Emissionen wie heute weiter zunehmen, dann können wir die 2–Grad-Grenze der Klimaerwärmung, welche für die Menschheit noch erträglich wäre, nicht einhalten. Wollten wir dies verhindern, muss das CO2 aus der Atmosphäre rausgeholt und anschliessend vergraben werden.

Es wäre also absurd, wenn fossile Energien weiter gefördert würden, um anschliessend das CO2 wieder zu vergraben. Was noch absurder ist, dass man immer noch Milliarden ausgibt, um neue Quellen fossiler Energie aufzudecken. Auch das, was jetzt schon gefördert werden kann, ist schon viel zu viel.

Was hat die Schweiz im Bereich Technologie und Forschung zu bieten, um die grüne Wirtschaft zu fördern?

Ich finde es schade, dass die Schweiz keine Elektroautos entwickelt hat. Wir steuern mit Technologien bei, aber wir haben kein eigenes Auto. In der Forschung ist die Schweiz im Bereich Photovoltaik und Wasserkraft sehr stark. Aber zum Beispiel auch in Technologien zur Steuerung der Raumtemperatur. Ich komme auch immer wieder gerne auf die Eisenbahnen zurück. Diesen haben wir ja als erstes Land der Welt elektrifiziert. Damit wurden wir nicht nur unabhängig von Kohleimporten, sondern haben auch die elektrotechnische Industrie gestärkt. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie man industrielle Kapazität ausbauen kann, wenn man sich ein ambitiöses Ziel setzt.

Lässt sich Ähnliches wiederholen?

Vor etwa 30 Jahren hat man das gleiche auch mit Photovoltaik versucht. Man wollte eine Industrie zur Solarzellenproduktion aufbauen. Die Situation hat sich jedoch geändert. Der Einbau der Zellen wurde zu wenig gefördert. Zudem kann ein kantonales Energieamt heute nicht mehr sagen, dass er den Einbau von Photovoltaikzellen nur dann fördert, wenn die Zellen in der Schweiz produziert wurden. Wegen den Freihandelsabkommen kann man durch die Förderung der erneuerbaren Energien nicht den Produktionsstandort Schweiz stärken. Diese Abkommen schaden der Förderung der grünen Wirtschaft.

Ausländische Firmen setzen aber trotzdem auf die Schweizer Forschung...

Ja, wir werden zu einem Forschungsstandort. Aber wir müssten auch ein Produktionsstandort sein und das wird schwierig.

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Letzte Änderung 01.12.2015

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