Auf Tuchfühlung mit der natürlichen Umwelt

Der Begriff Grüne Wirtschaft ist modern. Aber der sparsame Umgang mit knappen Ressourcen war im Alpenraum schon immer Alltag – eine Folge wirtschaftlichen Drucks. Was heute idyllisch wirkt, ist oft „Grüne Wirtschaft“ von gestern.

Von Manuela Ziegler, 15.12.2015

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Heufuhr im Engadin um 1900.
© CC Gemeinfrei

Hoch droben auf der Alp scheint die Natur noch unberührt. Tatsächlich aber handelt es sich bei der Alp, wie auch bei vielen anderen Naturschönheiten im Alpenraum, um vom Menschen geformte Kulturlandschaften. Ihre Intaktheit verdanken sie einer nachhaltigen Wirtschaftsweise, die unsere Vorfahren nicht unbedingt als solche bezeichneten. Vielfach war es überlebensnotwendig, die eigene Lebensweise den knappen Ressourcen anzupassen.

Von wegen natürlicher Wald
So wurden von alters her auch die Hanglagen der Alpen als Lebens- und Wirtschaftsraum genutzt: Bewaldet lieferten sie Holz und stabilisierten die Hänge. Aber auch als Weiden waren sie kostbar, denn mit Kühen und Ziegen erwirtschaftete man wichtige Nahrungsmittel.

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© BAFU/Markus Bolliger

Zur Steigerung der Erträge kam es nicht selten zu Überweidung, Bodenerosionen folgten. „ Die Betroffenen waren gezwungen, wieder ein natürliches Gleichgewicht herzustellen“, sagt Paul Messerli, emeritierter Kulturgeograph der Universität Bern. Und er zitiert den Taleinungsbrief von Grindelwald von 1404. Dieser wurde durch Elinor Ostrom, die 2009 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt, weltberühmt. Die amerikanische Ökonomin und Politikwissenschaftlerin zeigte, wie die Bewirtschaftung von knappen Gemeingütern –   Wasser, Weiden, Wäldern oder Luft  – gemeinschaftlich gelingen kann.

Auf der Suche nach einem Gleichgewicht
Der von Ostrom untersuchte Taleinungsbrief ist eine Vereinbarung zwischen dem Kloster Interlaken als Grundeigentümer und die Bauern als Bewirtschaftern. Beide einigten sich darauf, sommers nur soviel Kühe auf der Alp weiden zu lassen, wie im Winter mit der Futterbasis des Tales durchgefüttert werden können. „Dieses Konzept zielt auf ein Gleichgewicht zwischen Alp- und Talnutzung und sagt aus, dass bei der Produktion die Reproduktion der Ressourcen mitgedacht werden muss“, so der Kulturgeograph Messerli. Die Kreislaufwirtschaft war für unsere Vorfahren überlebensnotwendig, solange sie ihre Standorte nicht verlassen konnten, um neue Ressourcen zu nutzen.

Terrassen optimal genutzt
Aber nicht immer forderten menschliche Eingriffe in die Natur Kurskorrekturen wie im Taleinungsbrief festgehalten. Die Ackerterrassen bei Guarda im Unterengadin werden nachweislich seit 2000 v. Chr. als produktive Flächen genutzt.

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Guarda, GR
© Schweizer Luftwaffe

„Es sind Beispiele dafür, dass Naturveränderung und langandauernde Nutzung nicht automatische Naturzerstörung bedeuten müssen“, sagt Werner Bätzing, ebenfalls emeritierter Kulturgeographie der Universität Erlangen. Das gelte auch für Weinbauterrassen wie im Wallis, im Aosta-Tal oder im Veltlin. „Die steilen Hänge wurden so gut und dauerhaft stabilisiert und gleichzeitig entstand Lebensraum für spezielle Tiere und Pflanzen“, so Bätzig.

Suonen unter Druck
Doch Bätzing betont, dass die alpinen Kulturlandschaften generell instabil seien und im Verlauf der Nutzung ständig ökologisch stabilisiert werden müssten. Das Gleichgewichtsprinzip hält er für zu statisch. Denn unsere Umweltbedingungen sind veränderlich. Das zeigen die Suonen, jene Wasserleitungen an den Hängen des niederschlagsarmen Rhonetals. Seit mindestens tausend Jahren funktioniert diese Art der Bewässerung von Landwirtschaftsflächen mithilfe von Gebirgs- und Gletscherbächen.

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Suone im Wallis
© Pelerin CC BY-SA 3.0

Aber wie lange noch? Die globalisierte Wirtschaft macht nicht Halt vor den Wasserressourcen. Weltweite Energieverknappung, Klimawandel und dauerndes Wirtschaftswachstum könnten in Zukunft zu Konflikten um die Nutzung von Wasser führen, so die Prognosen des nationalen Forschungsprojekts NFP61 zum Thema nachhaltige Wasserwirtschaft, das unter Leitung des Hydrologen Christian Leibundgut steht. Ziel der Forschungen ist es, wirtschaftliche, gesellschaftliche und ökologische Überlegungen der Nutzung gleichberechtigt zu integrieren.

Schweizer Wald wandelt sich
Doch das nachhaltige Wirtschaften ist äusserst komplex angesichts der weltweiten Handelsströme. Das lässt sich am Schweizer Wald nachvollziehen. Während Jahrhunderten war er die wichtigste Energiequelle des Landes. Dann drohte im 19. Jahrhundert durch den Holzbedarf der stark wachsenden Bevölkerung der Kollaps. „Erst die Zufuhr von Fremdenergie wie Erdöl oder -gas im grossen Stil entlastete die Wälder und ebnete den Weg zur Nachhaltigkeit“, sagt Martin Stuber, Umwelthistoriker an der Universität Bern. Eine Weichenstellung mit Kehrseite. Sie führte seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts zu einer prekären Ertragslage in der Holzproduktion.

„Die Forstwirtschaft reagierte mit verbesserter Erschliessung der Waldwege, mit effizienterer Arbeitsorganisation und mehr technischem Hilfsmitteln“, so der Umwelthistoriker. Rund ein Viertel des Schweizer Waldes ist inzwischen FSC-zertifiziert. Bleibt noch die gesellschaftliche Nutzungskomponente als Freizeitwald: Vor allem im städtischen Umfeld komme es hier nicht selten zu Konflikten mit den ökonomischen Zielen. Auch im Kleinen bleibt grünes Wirtschaften ein grosses Projekt.

Suonen verteilen das knappe Wasser

Das trockene Klima im Wallis zwang vermutlich schon die Urwalliser zur Bewässerung der Landwirtschaftsflächen. Auch römische Einflüsse werden diskutiert. Die Suonen (althochdeutsch „suoha“; Graben) verlaufen entlang der Nord- und Südhänge des Rhonetals, gespeist von Gebirgs- oder Gletscherbächen. Die meisten Suonen erstrecken sich bis zu zwei Kilometer, die längste misst über 30 Kilometer. Entscheidend für die Funktion war ihr Gefälle. Die Kanäle, traditionell aus Holz, führen durch Erdreich, mussten aber auch in Stein gehauen oder aufgemauert werden. Ihren Lauf stabilisieren seitlich aufgestellte Steinplatten. Bau und Unterhalt waren gefährlich. Zahlreiche Suonen sind auch heutzutage noch in Betrieb für die Sprinklerbewässerung. Eine zweite Funktion erhielten sie als Wanderwege.

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Letzte Änderung 15.12.2015

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