Alternatives Wirtschaften kann Spass machen

Der César-prämierte französischen Dokumentarfilm „Tomorrow” der Schauspielerin Mélanie Laurent und des Aktivisten Cyril Dion zeigt Menschen, die alternative Wirtschaftsmodelle leben. Ihre Tatkraft macht sie zu Hoffnungsträgern im Kampf gegen einen globalen Kollaps. Nach erfolgreichem Start in der französischen Schweiz läuft „Tomorrow“ jetzt in der Deutschschweiz an.

Interview: Yvonne von Hunnius, 23.05.2016

Portrait Cyril Dion

Cyril Dion ist ein französischer Autor, Regisseur und Aktivist. Nach seinem Studium an der Pariser Schauspielschule Jean-Périmony arbeitete er als Schauspieler und engagierte sich rasch in Vollzeit für Initiativen und Stiftungen. Er ist Mitgründer eines politischen Magazins und hat drei Bücher veröffentlicht. Mit „Tomorrow“ hat er seinen ersten Film geschrieben und dabei gemeinsam mit der Schauspielerin Mélanie Laurent Regie geführt. Laurent ist unter anderem bekannt aus Quentin Tarantinos Film „Inglourious Basterds“.

Ihr Film startet mit der Nachricht des bevorstehenden globalen Kollaps’ und zeigt dann Beispiele vieler Initiativen, am Ende bleibt Optimismus. Redet der Film das Thema schön?

Cyril Dion: Wir haben uns in diesem Film auf Lösungen konzentriert. Wir wollten eher erklären, wie Menschen organischen Gemüseanbau betreiben, ein nachhaltiges Unternehmen führen oder wie eine Stadt ohne Abfall funktioniert. Und wir sind an den Film so herangegangen, wie wir den Prozess selbst erlebt haben. Wir haben eine Studie zum globalen Kollaps gelesen und waren fast verzweifelt. Wir mussten etwas tun. Neurowissenschaftler zeigen: Wenn wir nur auf eine Katastrophe schauen, dann gewinnen Angst und Resignation – wir wollen fliehen. Deshalb sind Lösungen wichtig. Wir zitieren anfangs Gandhi, der sagte, dass Beispiele das einzige Mittel seien, um Menschen zu überzeugen. Das wollten wir. Das Zuschauer-Feedback zeigt, dass sie nach dem Film Hoffnung verspüren und etwas tun wollen. Also hat es funktioniert!

Sie zeigen regionale Projekte. Sind nicht auch globale, konzertierte Aktionen wichtig?

Ihre Frage zeigt, wie wir die Welt sehen. Wir sehen sie als grosse Struktur, deren Macht konzentriert ist. Und um etwas zu verändern, müssten wir etwas an der Spitze der Pyramide erreichen. Aber das funktioniert so nicht. Diejenigen in Spitzenpositionen sind nicht zu Änderungen bereit. Wir sollten uns eher durch die Natur und speziell durch Ökosysteme inspirieren lassen. Es gibt niemanden, der für das Funktionieren der Ökosysteme zuständig ist, jedes Einzelteil trägt Verantwortung. Wir müssen Wandel deshalb bei uns selbst starten.

Aber wie können wir wissen, dass das reicht, um den Zusammenbruch zu verhindern?

Niemand weiss, wie gross der Einfluss dieser Initiativen sein wird. Die Menschen, die wir getroffen haben, sind nicht aktiv geworden, um die Welt zu retten und sie berechnen auch nicht ihren Einfluss. Sie tun schlicht das Beste, was sie können. Es geht darum, Beispiel zu geben und so viele Menschen wie möglich an Bord zu holen.

Manche der Initiativen sind an Tiefpunkten entstanden – wie in Detroit. Braucht Neues einen Zusammenbruch? Dann wäre die Schweiz weit von aktivem Wandel weit entfernt...

Neues baut nichts zwingend auf Ruin auf. Aber fragen Sie sich selbst: Wann verändern Sie etwas fundamental? Wenn Sie eine Krise durchleben. Viele der Menschen im Film haben Initiativen lanciert, nachdem sie eine Art von Krise erlebt haben. Manche Regionen, die wir besucht haben, hatten massiv mit Deindustrialisierung zu kämpfen. Aber wir wollten auch einen anderen Weg finden, um für Wandel zu ermutigen: durch eigenen Wunsch und durch Lust. Die Zuschauer sollten denken: „Ich will auch so leben, ein Leben mit Sinn führen.“

Warum konzentrieren Sie sich auf Initiativen der westlichen Welt wie Recycling in San Francisco?

Kinobesucher in der westlichen Welt sollten sich mit den Aktivisten identifizieren können. Und Menschen aus fernen Ländern sollten sehen, dass wir die Notwendigkeit des Wandels begreifen. Über Jahrzehnte wird die Botschaft gestreut, dass unser ökonomisches Modell das einzig wahre ist. Jeder will noch immer leben wie wir und dafür zerstören viele Länder ihre gewachsenen Strukturen. Unsere Botschaft ist: Versucht nicht zu leben wie ein Franzose oder Amerikaner. Ihr habt wertvolle Strukturen. Vielleicht können wir auf diesem Pfad gemeinsam weitergehen, Autonomie gewinnen und uns auf andere Art und Weise auszutauschen.

Ihr Film beginnt mit einem Beispiel aus dem Ernährungssektor, behandelt dann Energie, Wirtschaft und Demokratie, bevor er im Bildungsbereich endet. Warum diese Reihenfolge?

Nahrung ist das erste Bedürfnis, das wir haben. Droht ein Kollaps der Zivilisation, basiert dieser laut Studien höchstwahrscheinlich auf einem Bruch in der Nahrungsversorgung. Dann wollten wir zeigen, wie verbunden alles miteinander ist. Wenn wir über Ernährung sprechen, wird schnell die Abhängigkeit zum Öl-System bewusst. Beim Thema Energie sehen wir, dass viele Regionen nicht an der Energiewende teilhaben können, weil sie hoch verschuldet sind: Warum? Also tauchen wir in Ökonomie ein und finden Lösungsansätze. Wir sehen aber auch, dass Wirtschaft der Demokratie Macht entzieht und fragen: Wir können wir Macht zurückgewinnen? Die Beispiele, die wir dann finden, leben davon, dass Menschen ihre gesellschaftliche Verantwortung ernst nehmen. Und das sollten wir in der Schule lernen.

Permakulturen Interview Dion
Permakulturen beweisen auf der ganzen Welt, dass sie hohe Produktivität erreichen. Und dabei haben die Filmemacher viele Menschen getroffen, die gut dotierte Jobs für eine Arbeit auf einer Permakulturfarm aufgegeben haben.
© Filmcoopi Zürich

Oft wird Digitalisierung als Treiber positiven Wandels dargelegt. Der Film spart das aus...

Dahinter steckten viele Diskussionen. Wir konnten darüber ein spannendes Gespräch mit dem Soziologen Jeremy Rifkin führen. Doch ich habe mich damit nicht wohl gefühlt. Technologie ist ein Instrument, das unterschiedlich genutzt werden kann. Das Internet eignet sich, um gemeinsames Wissen zu schaffen, um Menschen zu mobilisieren und es ändert unsere Welt. Doch es führt es auch zu einer Machtkonzentration und könnte ein Alptraum werden. Deshalb konzentrieren wir uns auf Menschen und auf Low-Tech-Lösungen, die immer funktionieren.

Wie ist Ihre Einschätzung heute: Wo liegt der grösste Unterschied zwischen bisherigem Wirtschaften und alternativen Wirtschaftslösungen?

Gerade veröffentliche ich ein Buch über symbiotische Wirtschaft, das sich genau mit dieser Frage beschäftigt. Wir müssen die Welt betrachten als ein grosses Ökosystem, das aus vielen kleinen besteht. Wenn jedes einzelne gut funktioniert und mit den anderen verbunden ist, dann funktioniert auch das Gesamtsystem. Es gibt  Wachstum, doch kein endloses. Wird das System zu gross, dann teilt es sich, um die Balance zu erhalten. So wäre es ein fundamentaler Wandel, das Bankensystem zu ändern. Noch stehen Privatbanken an der Spitze und schaffen Geld durch Schulden und Zinsen. Das neue System würde Unternehmern, Städten, Staaten ermöglichen, Geld zu schaffen – wie es Unternehmer der Basler WIR-Bank tun.

Komplementärwährungen Interview Dion
Der Film beschäftigt sich intensiv mit Komplementärwährungen, die das ökonomische System auf lokaler Ebene stabilisieren sollen.
© Filmcoopi Zürich

Also nicht als Alternativwährungen, sondern als Komplementärwährungen...

Genau. Wir brauchen Geld, um Austausch zu betreiben. Aber wir brauchen auch Währungen zur Stabilisierung der lokalen Wirtschaft. Als 2009 das Finanzsystem kollabierte, hatte der Bäcker um die Ecke damit nichts zu tun. Es ist Abgrenzung und Vernetzung nötig. Wenn nur eine Baumart in einem Wald vorherrscht, ist bei einem Waldbrand das Risiko gross, dass nichts übrig bleibt. Wachsen viele Baumarten, widerstehen manche besser dem Feuer. Das ist vergleichbar mit Unternehmen und Währungen: In einem System mit wenigen grossen Firmen können diese versagen und wir sind machtlos. Wenn wir starke Ökonomien haben, hohe Diversität und Beschäftigungsraten, gewisse Unabhängigkeit in Energie- und Ernährungsfragen, dann schaffen wir auch Resilienz.

Welche Rolle könnte die Schweiz in diesem Ökosystem innehaben?

Jedes Land sollte ein eigenes Ökosystem und in gewisser Weise autonom sein. Die Schweiz muss genauso wenig die Bank der Welt, wie China die Fabrik der Welt oder Frankreich der Weinkeller der Welt sein. Doch es ist Fakt: Die Schweiz hat grossen Einfluss auf das Bankensystem. Genau das muss sich ändern und Schweizer Experten können viel tun. Zudem hat die Schweiz grosse Demokratie-Erfahrung und kann vielen als gutes Beispiel dienen.

Ein Dokumentarfilm mit unerwartet grossem Erfolg

Der Film „Tomorrow“ wird in der Deutschschweiz am 26. Mai in die Kinos kommen. In der französischen Schweiz haben ihn bereits 100.000 Menschen gesehen, seitdem er dort im Dezember 2015 gestartet ist. „Tomorrow“ hat 2016 den französischen Filmpreis „César“ als bester Dokumentarfilm gewonnen. Über eine Millionen Kinobesucher haben ihn in Frankreich zu einem der erfolgreichsten Dokumentarfilme aller Zeiten gemacht. Er war bereits vor Realisierung ein Phänomen: Es konnten über 10.000 Menschen dazu motiviert werden, in das Projekt über Crowdfunding-Plattformen zu investieren. Die Filmemacher hatten sich zum Ziel gesetzt, auf diese Weise 200.000 Euro in zwei Monaten zu sammeln. Diese Summe wurde bereits nach drei Tagen erreicht. Letztlich standen dadurch 450.000 Euro zur Verfügung – ein Weltrekord in der Crowdfunding-Finanzierung eines Dokumentarfilms.

Links:

www.demain-lefilm.com

www.tomorrow-derfilm.de  

Der Film bewegt etwas

Cyril Dion ist überwältigt darüber, welche Reaktionen der Film hervorruft. Er berichtet von einer Zuschauerin im belgischen Brüssel, die über 25 Jahre extensive Landwirtschaft betrieben hat. Der Film habe ihr den Mut gegeben, dies zu ändern, erzählte sie Dion. Da ihr Ehemann davon nicht zu überzeugen war, reichte sie die Scheidung ein. In Vienne nahe Lyon in Frankreich hat sich eine Arbeitsgruppe gebildet, nachdem Interessierte nach dem Film mit Dion diskutiert hatten. Zum ersten Treffen der Gruppe kamen 60 Menschen, die in fünf Workshops die Hauptthemen des Films regional heruntergebrochen haben. Zum zweiten Treffen erschienen 120, zum dritten 150 Interessierte.

Links:

www.demain-lefilm.com/en/solutions

www.tomorrow-derfilm.de/experten-und-aktivisten.html

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Letzte Änderung 25.05.2016

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